Berlin –

Angriff aus der Küche

Mit einer Wildcard startet das deutsche Team Bora-Argon 18 in der Tour de France und hält überraschend gut mit

Berlin –.  Ein Stratege ist Ralph Denk, keine Frage. Muss der 41-Jährige auch sein als Chef eines Radrennstalls mit 20 Fahrern. Nur bedeutet das ja nicht zwangsläufig, dass er seine taktischen Züge zögerlich wählen würde. „Ich bin Fan von offensivem Radsport“, sagt der Oberbayer also fröhlich.

Das ist genau das, was sich Christian Prudhomme von Denk gewünscht hat, als er dessen Team Bora-Argon 18 per Wildcard ins 22er-Starterfeld der Tour de France einlud. Bis zur Hälfte des Rennens hat der deutsche Zweitdivisionär den Renndirektor nicht enttäuscht. Zweimal wurden Bora-Fahrer in der ersten Woche als „kämpferischste Fahrer“ ausgezeichnet. „Ich habe dem Veranstalter versprochen, attraktiven Radsport zu bieten, in Ausreißergruppen vertreten zu sein“, sagt Denk. Ergo: die Arrivierten ein wenig aufzumischen.

Prudhommes Wildcard für das in Raubling/Bayern ansässige Team war wohlüberlegt. Der ökonomisch bedeutende deutsche Markt ist im Kommen. In Giant-Alpecin rollt ein zweites in Deutschland lizenziertes Team in der Weltspitze. Für den Tourveranstalter ASO ist das alles ein Segen nach mageren Post-Jan-Ullrich-Jahren. Für Ralph Denks Hauptsponsor gilt mit Blick auf die Tour de France das Gleiche. Seit Anfang der Saison ist der bayerische Hersteller von Dunstabzugshauben und Kochfeldern, Bora, größter Geldgeber, Co-Sponsor der Radhersteller Argon 18.

Seit 2009 ist Denk Manager der Mannschaft, die bis Ende 2014 unter dem Namen des US-Datenunternehmens NetApp firmierte. Durch Beharrlichkeit und forsche Fahrweise hat sie sich Respekt erworben. Solche Erfolge wecken auch Begehrlichkeiten. 2014 beendete Leopold König, 27, die Tour auf dem siebten Gesamtrang. Prompt lotste das Topteam Sky den Tschechen zu sich. Nun schuftet er als Domestike für Tour-Favorit Christopher Froome.

Denk hat klare Vorstellungen, wie er seine Mannschaft positionieren will. Als ein Team nämlich, „das in den Gesamtklassements ein Wort mitredet“. Er sagt: „Wir haben in Deutschland tolle Klassikerspezialisten und Zeitfahrer. Diese Nischen sind besetzt. Die Nische Klassement ist noch offen. Die will ich für mich beanspruchen.“ Denk weiß ja: Breite Aufmerksamkeit ist dann gewiss, wenn er nicht nur tageweise, sondern dauerhaft an der Spitze mitmischt – vor allem bei Prestigerennen wie der Tour. Diese Rolle könnte künftig Dominik Nerz einnehmen, der nach der elften Etappe, immerhin auf Rang 21 liegend, wegen Magenproblemen aufgab.

Als Pro-Continental-, also Zweitligateam hat Bora-Argon 18 nicht automatisch Startrecht bei den großen Landesrundfahrten. Denk muss darum auf Einladungen hoffen. Schon deshalb will der Manager irgendwann eine World-Tour-Lizenz lösen können. „Aber ich habe keinen Druck. Der budgetäre Sprung ist enorm. Und für Bora ist das kein Muss.“ Für das nächste Jahr stehe der Aufstieg sicherlich nicht zur Debatte.

Denk ist ohnehin Pragmatiker. „Wir wollen an den großen Radrennen der Welt teilnehmen. Das tun wir aktuell. Ob als Erst- oder als Zweitligist, ist am Ende relativ wurscht. Wichtig ist, dass wir dabei sind.“ Dass der eine oder andere Lehrgeld zahlt, ist einkalkuliert. Der junge Emanuel Buchmann beispielsweise. Bei den Deutschen Meisterschaften eine Woche vor dem Tour-Start überrumpelte der 22-Jährige noch die nationale Elite um John Degenkolb und André Greipel. In der laufenden Tour belegte er nach der ersten Pyrenäen-Etappe mit gut einer Stunde Rückstand Gesamtrang 146 – um dann jedoch das folgende Teilstück als Tagesdritter in einer Fluchtgruppe zu beenden. Sie sind halt Kämpfer, die Fahrer von Bora-Aron 18.