Kolumne

Ein Leben zwischen Flamengo Rio de Janeiro und Hertha BSC

Wo die Liebe hinfällt: Patrick, Mitglied der Immerhertha-Gemeinde, trennen meist 10.000 Kilometer von seinem Heimatverein.

2016 will Patrick nach Deutschland zurück, um Hertha nicht nur im Sommer sehen zu können, sondern rund ums Jahr

2016 will Patrick nach Deutschland zurück, um Hertha nicht nur im Sommer sehen zu können, sondern rund ums Jahr

Foto: dpa / DPA

Der Sommer gilt Experten als die schönste Jahreszeit. Jedenfalls, wenn sie Fans von Hertha BSC sind. Die Aufregungen der vergangenen Saison liegen weit genug zurück, um in die hinteren Regionen der Erinnerung zu trudeln. Das neue Spieljahr liegt irgendwo in der Zukunft. Mit Erfolgen ist der Hertha-Fan eh’ nicht verwöhnt. Der letzte Titelgewinn datiert von ... Okay, lassen wir das.

Im Sommer aber ist die Fußball-Welt schön. Juni, Juli, August sind Monate der Hoffnung. Gelingt ein unerwarteter Transfercoup? Kristallisiert sich bei den Youngstern ein Rohdiamant heraus? Ein bisschen Träumen muss erlaubt sein.

Dafür werden erstaunliche Mühen auf sich genommen. Patrick ist eines von vielen Mitgliedern der Immerhertha-Gemeinde, dem Blog der Morgenpost. Patrick, 47, arbeitet in São Paulo im deutschen Generalkonsulat. Seinen Heimaturlaub hat er präzise getimt. Die Zeit zwischen An- und Abreise ist mit den Hertha-Testspielen koordiniert. Als Patrick am Mittwoch kurz vor Mitternacht in sein Hotel in Hamburg zurückkehrt, fragt er sich, ob sich der Aufwand gelohnt hat: der Flug aus Brasilien, Mietwagen organisieren, von Hamburg nach Neuruppin und in der Dunkelheit zurück. Er findet: unbedingt.

90 Minuten Testspiel gegen einen hochkarätigen Gegner. Dass Hertha 0:1 gegen Rayo Vallecano verloren hat, was soll’s? Die meisten Hertha-Spiele verfolgt er aus 10.000 Kilometer Entfernung. Da sind die 220 Kilometer von Hamburg nach Neuruppin ein Klacks. Salomon Kalou live zu sehen, Ronny oder Alexander Baumjohann, die Stimmung im Team hören zu können – deshalb war er da.

Ein Mann braucht einen Heimatverein

Das Leben ist mitunter eigentümlich. Die Idole seiner Jugend waren Horst Hrubesch, Manfred Kaltz und Karl Allgöwer sowie Karlheinz Förster. Also der HSV und der VfB Stuttgart. Wie das so ist, wenn die Familie in der Jugend viel umzieht. Darunter waren auch zehn Jahre in Berlin. An das dramatische Aus von Hertha gegen Roter Stern Belgrad im Halbfinale des Uefa-Pokals 1979 kann er sich heute noch erinnern. Als Patrick im Jahr 2000 nach Porto Alegre/Brasilien versetzt wurde, entschied er: Ein Mann braucht einen Heimatverein – die Wahl fiel auf Hertha.

Im Mai 2009 fuhr er vom damaligen Arbeitsort Paris nach Karlsruhe. Mitten im Hertha-Block wollte er den Einzug in die Champions League feiern. Stattdessen verlor Hertha bei Absteiger KSC 0:4. Ein Tiefpunkt, von dem sich der Verein bis heute nicht recht erholt hat. Spektakuläre Siege und unerwartete Enttäuschungen sind der Stoff aus dem Zusammengehörigkeit entsteht.

Patrick kennt sich aus. Im Mai hatte er seinen Deutschlandbesuch mit dem letzten Bundesligaspieltag verbunden. In Hoffenheim Hertha siegen sehen und eine Klassenerhalts­party ­feiern – so war der Plan. Stattdessen kassierten die Berliner ihre 17. Saisonpleite und stolperten zum Klassenerhalt. Es habe intern nicht ­gestimmt, die Spieler hätten sich auf dem Platz gestritten, erinnert er sich.

Hertha-Tattoo am linken Unterarm

Zehn Wochen später sitzt er in Neuruppin im Volksparkstadion. Sohn Fabiano, 19, ist dabei. Er hat an diesem Tag Geburtstag. Sein Verein ist Flamengo Rio de Janeiro. Doch an seinem Geburtstag trägt Fabiano des Hertha-Trikot.

Patrick fragt sich manchmal, warum dieser Klub so viel Raum einnimmt in seinem Leben. Wenn man in der Ferne lebt, ist der eigene Verein wie ein unsichtbares Gummiband, mit dessen Hilfe er täglich Kontakt in die Heimat hält.

Patrick streicht über seinen linken Unterarm. Er trägt seine Leidenschaft frisch auf der Haut. Aus dem Internet hat er das Hertha-Emblem, Fahne pur, ausgedruckt. In Originalgröße hat er es sich tätowieren lassen. Dass er dieses Zeichen in Blau und Weiß zuvor nie­ gesehen hatte, war kein Problem gewesen für den Tätowierer in São Paulo.

2016 will Patrick nach Deutschland zurück. Warum er sich so intensiv mit Hertha beschäftigt, dafür hat er keine Erklärung. Er weiß nur, dass er sich jetzt schon freut, ab 2016 Hertha nicht nur im Sommer sehen zu können, sondern rund ums Jahr.