Motorsport

„Ich habe keine Lust, der Depp zu sein“

Stefan Bradl stört sich an vorschnellen Urteilen gegen sich und seine deutschen Motorrad-Kollegen.

Berlin -.  Für die Rolle des netten Jungen von nebenan in einer TV-Vorabendserie wäre Stefan Bradl wohl bestens geeignet. Er ist sicher kein verstörender Macho und keiner, der sich in den Vordergrund drängt – für einen professionellen Motorradrennfahrer hält man ihn auf den ersten Blick jedenfalls nicht. Doch in der Realität antwortet der 25 Jahre alte Bayer auf die Frage, ob man mit dem in den letzten zehn Jahren in seinem Körper platzierten (und sukzessive wieder entfernten) Metallteilen ein kleines Ikea-Regal aufbauen könnte tapfer mit: „Das würde für zwei reichen.“

Gerade erst hatte er in Barcelona mit Rang acht sein bestes Saisonergebnis eingefahren, da erwischte es ihn 14 Tage später beim Großen Preis der Niederlande in Assen am letzten Juni-Wochenende. Übler Sturz, üble Diagnose für den Motorrad-Weltmeister von 2011 (Moto2): „Bruch des Kahnbeins der rechten Hand“.

Kein Heimspiel am Sachsenring

Umgehende Operation in Augsburg, Fixierung des lädierten Knochens mit einer Schraube und, von Bradl als „ganz, ganz bitter“ empfunden, der Verzicht auf das am Wochenende anstehende Heimrennen am Sachsenring waren die Folge. Bradl fehlt also beim Höhepunkt des Jahres mit über 200.000 Zuschauern. Einige können das schwer verstehen. Was den netten Jungen von nebenan noch mehr stört als die Schmerzen, sind solche Reaktionen von außen, die mit den Fakten nichts zu tun haben. Stefan Bradl: „Ich habe ganz einfach keine Lust, der Depp zu sein. Da äußern sich Leute, die von dem, was wir tun, keine Ahnung haben. Die weder technische Zusammenhänge kennen, noch ermessen können, was beim Motorradfahren wie wir es betreiben eigentlich abgeht.“

Überharte Kritik begleitet Bradl seit Jahren. Den 14. Februar 2007 wird er sein Leben lang nicht mehr vergessen. An diesem Tag verkündete der damals 17-Jährige seinen Rückzug. „Es war damals eine totale Konfusion“ erinnert sich Bradl. „Ich war mit den Nerven und mit dem Sport am Ende.“. Bradl hatte auf einer 125er KTM die komplette WM-Saison 2006 bestritten. Die Weiterbeschäftigung beim österreichischen Motorrad-Hersteller war an eine Platzierung unter den Top-15 gekoppelt. Bradl, gehandicapt durch mehrere Sturzverletzungen, wurde 26. – und musste gehen.

Doch der Wechsel in den Rennstall des Spaniers Alberto Puig, einst WM-Konkurrent seines Vaters Helmut, schien reibungslos zu funktionieren und den vermeintlichen Abstieg zu kompensieren. Es kam anders: Der Spanier Puig erwartete einen Verzicht auf jegliches Familienleben. Sowohl während eines siebenwöchigen Saisonvorbereitungs-Trainings als auch später sollte Bradl junior auf die Tipps und die Anwesenheit von Bradl senior verzichten. Stefan Bradl schmiss hin.

„Es gab ein paar Leute, die hatten Verständnis. Aber es gab auch reichlich Kritik, Spott und Häme“, sagt Bradl, „Damals habe ich das nicht verstanden. Heute weiß ich, dass es für mich eine Lehre war, Menschen einzuordnen. Und es war vielleicht auch der Antrieb, es noch einmal zu probieren“. Denn die Rennleidenschaft war einfach zu groß. „Ich hatte eine Rechnung offen: mit den Leuten und mit mir.“

Bradl holte sich 2007 nicht nur die spanische 125er-Meisterschaft, sondern bestritt auch noch neun WM-Einsätze als Gastfahrer. Bestes Ergebnis: Rang sechs beim Grand Prix von Portugal. Der Lohn: Ein Vertrag für 2008 im Team des Deutschen Stefan Kiefer. 2008 gewann er die 125er-Rennen in Brünn und Motegi. „Stefan hat enormes Potenzial. Wir haben den Vertrag mit ihm verlängert, weil wir davon überzeugt sind, weiter nach vorn zu kommen“, sagte Kiefer zu Beginn der Saison 2011, an deren Ende der WM-Titel in der Kategorie Moto2 stand. Der Wechsel in die Königsklasse MotoGP, ins Honda-Team des Italieners Lucio Cecchinello, folgte dann fast zwangsläufig. Ein zweiter Platz beim Großen Preis der USA in Laguna Seca 2013 war das beste Ergebnis, danach schrammte Bradl oft an den Podestplätzen vorbei. Mit gravierender Folge: Für 2015 musste er sich ein neues Team suchen. „Ich kann mich nicht beklagen, denn ich habe ja sofort einen neuen Job gefunden“, so Bradl, der auch offen gesteht, dass er sich „nicht automatisch auf eine Stufe mit Valentino Rossi oder Marc Marquez stellen will. Aber um wirklich zu sehen, wo es bei mir fehlen könnte, müsste ich exakt deren Motorradmaterial haben.“

Dass auch die anderen deutschen WM-Fixstarter Jonas Folger, Sandro Cortese, Marcel Schrötter (alle Moto2) und Philipp Öttl (Moto3) hierzulande schnell und hart in Stoßrichtung „Weicheier“ kritisiert werden, tröstet Bradl nicht. „Klar machen wir alle auch Fehler. Aber ich frage mich schon, wem das eigentlich helfen soll.“

Definitiv nicht hilfreich ist die Bradl verordnete Zwangspause. Auf dem Sachsenring endet die erste Saisinhälfte. Erst am 9. August geht es in Indianapolis/USA weiter. „Bis dahin muss ich fit sein. Langsam werden Weichen gestellt für kommende Saison. Und da kannst du nur mit Ergebnissen punkten“, zeigt sich der WM-19. realistisch.

Ob noch eine WM-Saison in der Königsklasse folgt, lässt Bradl offen. Es verdichten sich die Anzeichen, dass er in die Moto2 zurückkehrt und dort für eines der beiden deutschen Teams startet. Bradl bleibt unverbindlich, er hat er ja einen gültigen Vertrag mit Forward-Yamaha: „Ich werde versuchen, die vierwöchige Pause vor Indianapolis bestmöglich zu nutzen.“