Amiens –

Deutsche Festspiele

Schon drei Etappensiege. Und Tony Martin will die Tour de France nun bis in die Berge anführen

Amiens –.  Im Teambus schoss Tony Martin schnell noch ein Selfie, dann brach der Radprofi auf zur Premierenfahrt im Gelben Trikot. Um 13.01 Uhr führte der 30-Jährige das Peloton erstmals als Gesamtführender der Tour de France in die fünfte Etappe, die mit der Verteidigung seiner Führung und dem Tagessieg von André Greipel wieder im Zeichen der Deutschen stand.

Martin wirkte aufgeräumt, trotz einer ausgelassenen Feier am Dienstagabend. Im Teamhotel Château de la Motte Fénelon wurde mit einem Gläschen Rotwein angestoßen. „Das war ein besonderer Abschluss eines wunderschönen Tages für mich“, erzählte Martin: „Einfach genial.“ Angeführt von Marc Coucke, Mitbesitzer des belgischen Teams Etixx-Quick Step, war das dank seiner Kronleuchter, der Stuckverzierungen und des edlen Mobiliars majestätisch anmutende Schloss in einen Partysaal verwandelt worden. Als Martin im Vorgarten noch ein Interview fürs Fernsehen gab, tauchte plötzlich der versammelte Betreuerstab singend und jubelnd um ihren Helden auf und tanzte die Polonaise - einschließlich Manager Patrick Lefevere und Martins Mutter Bettina.

Gegen 22.15 Uhr schnappte sich Martin das Gelbe Trikot und zog sich auf sein Zimmer zurück. Das Erreichte wollte verarbeitet werden. Mit einer beherzten Attacke kurz vor Ende der gefürchteten Kopfsteinpflaster-Etappe nach Cambrai hatte Martin sich die Gesamtführung gesichert. „Endlich hat Martin den Fluch besiegt“, schrieb das Tour-Organ „L’Equipe“ am Mittwoch.

Erst fünf, dann drei, dann eine – die Sekunden, die Martin in den ersten drei Tagen vom Traumziel trennten, waren für ihn zu einer tragischen Zahlenkombination geworden. Doch die Auftakt-Niederlage im Zeitfahren, das Sprint-Desaster an der Nordsee und die Millimeter-Entscheidung in Huy mündeten letztlich in einem viel wertvolleren Erfolg. „Rückblickend bin ich dankbar, dass es bis jetzt nicht geklappt hat. Schöner kann eine Radsport-Geschichte nicht geschrieben werden“, sagte Martin. Den Tag im Gelben Trikot konnte der gebürtige Cottbuser bei Regen, Wind und stets hektischer Stimmung im Peloton kaum genießen. „Ich war erst gegen zwei Uhr zum Schlafen gekommen und ein bisschen k.o., aber das Gelbe Trikot wird mir hoffentlich Flügel verleihen

Gut möglich ist nun sogar, dass er es noch einige Tage lang spazieren fahren wird, erst am 14. Juli steht die erste Pyrenäen-Etappe an. Spätestens in den Bergen kann der dreimalige Zeitfahr-Weltmeister mit seinen 1,86 Metern und 76 Kilogramm nicht mit den Spezialisten mithalten, das weiß er selbst. „Bei jeder Tour stehe ich vor mindestens ein, zwei Etappen, wo ich mir denke: Oh Mann, wie soll ich da drüber kommen?! Allein schon innerhalb der Karenzzeit zu bleiben, mutet dann unmöglich an“, sagte Martin. Auch die Abfahrten machen ihm mitunter Sorgen. Bereits 2013 kritisierte er als einer von wenigen öffentlich die gefährliche Abfahrt vom Col de la Sarenne hinter Alpe-d’Huez. „Am Ende müsse jeder für sich selbst entscheiden, wie er mit der Gefahr umgeht. Ich bin die Abfahrt damals bewusst risikoarm heruntergefahren, so, dass ich mein Fahrrad jederzeit unter Kontrolle hatte. Andere hingegen schalten in so einer Situation den Kopf aus und nehmen jedes Risiko. Ich sage mir: Am Ende ist es ‘nur’ Sport. Dafür werde ich mein Leben nicht außerordentlich riskieren.“

Nach sechs Tour-Teilnahmen mit nun insgesamt fünf Etappensiegen gibt sich Martin („Der Kommerz steht über allem“) keinen Illusionen hin, er arrangiert sich mit den Gegebenheiten. In den Bergen wie überhaupt während der Tour gilt schließlich: „Mit Panik komme ich nicht weit.“ Mit Beharrlichkeit hingegen schon.

Das gilt übrigens auch, wenn es um die Reputation seines Sports geht. Wegen der vielen Dopingskandale hatte es drei Jahre lang keine Tour-Übertragungen bei den Öffentlich-Rechtlichen gegeben, bei der Rückkehr ins Live-Programm kommt die Tour bislang nur langsam in Tritt. Am Dienstag lockte sie 1,06 Millionen Menschen vor die Bildschirme. Der Marktanteil blieb mit 9,3 Prozent wie an den Vortagen unter der 10-Prozent-Marke. Insofern ist es vermutlich hilfreich, dass der Polizeimeister Martin zu jenen Radprofis gehört, die sich über die nächste Kurve hinaus gründliche Gedanken machen. Gemeinsam mit Fahrern wie Marcel Kittel, 27, und John Degenkolb, 26, äußert Martin seit Jahren auch bei unangenehmen Fragen seine Meinung. 2008 Profi geworden, hat er ja am eigenen Leib gespürt, was es bedeutet, Angehöriger der Post-Ullrich/Armstrong-Generation zu sein. Klare Worte dazu scheut der vermeintlich Introvertierte bis heute nicht. „Ich bin heilfroh, dass ich erst nach dieser Doping-Ära in den Profiradsport gekommen bin - auch wenn das breite Interesse an meinem Sport kurz danach am Tiefpunkt gewesen ist“, sagte Martin. „Aber es hat sich viel getan.“ Fangemeinde und Medieninteresse wachsen garantiert wieder, jetzt, da er in Gelb fährt.