Berlin -

Silverstone feiert Hamilton

Der Weltmeister behält beim Heimrennen vor 140.000 Zuschauern im Regen die Nerven

Berlin -.  Wo soll gute alte Formel-1-Tradition wieder aufleben, wenn nicht in Silverstone, wo am 12. Mai 1950 das erste WM-Rennen in der Geschichte der Königsklasse ausgetragen wurde. Der Grand Prix von England 2015 erfüllte jedenfalls die Erwartungen der rund 140.000 Zuschauer perfekt.

Denn vor heimischer Saison-Rekordkulisse setzte sich Titelverteidiger und Lokalmatador Lewis Hamilton im Krieg der Sterne perfekt in Szene und fügte seinem Mercedes-Teamkollegen Nico Rosberg eine bittere Niederlage zu. „Ich wollte unbedingt für diese Fans gewinnen, ohne euch hätte ich das nie geschafft, ich habe euch in jeder Kurve gesehen“, rief der 30-Jährige auf dem Siegerpodest zu, wo ihn Star-Jockey Frankie Dettori beim Champions-Interview aufgefordert hatte, seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Was Hamilton nach dem 38. Sieg im 157. Formel-1-Rennen auch tat: „Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie glücklich mich das macht. Auf den letzten Runden habe ich versucht diese Momente festzuhalten.“

Apropos Tradition: Mit seinem dritten Erfolg in Silverstone zog Hamilton auch mit den nationalen Helden Nigel Mansell und Jim Clark gleich. 18 Rennen in Serie hat Hamilton Führungsrunden gesammelt, damit löschte er einen 45 Jahre alten Rekord von Jackie Stewart. Es war zugleich der 17. Doppelerfolg für Mercedes. Mehr schafften nur Michael Schumacher und Rubens Barrichello bei Ferrari, nämlich 24.

Rosberg, 30, blieb die unangenehme Rolle, Rang zwei erklären zu müssen. Was er aber ziemlich emotionslos und dennoch nachvollziehbar fertig brachte. „Am Start haben uns die beiden Williams überrascht und echte Probleme bereitet. Dann hat sich das Rennen etwas sortiert, bis der Regen einsetzte. Die Bedingungen wurden schwierig, und Lewis hat am Ende die besseren Entscheidungen mit dem Boxenstopp getroffen, und das war’s dann.“

Dritter in einem am Ende turbulenten Rennen mit nasser Strecke und zahlreichen Ausfällen wurde Sebastian Vettel (Heppenheim) im Ferrari, der sich zwei Tage nach seinem 28. Geburtstag mit dem Podestrang beschenkte. „Ohne den Regen wären wir nicht auf dem Podium gelandet“, sagte Vettel: „Wir haben aber am Ende die Ruhe bewahrt und genau die richtigen Entscheidungen getroffen. Aber ehrlich, es war ein Ergebnis, dass wir so nicht verdient hatten.“

Die Williams-Piloten Felipe Massa (Brasilien) und Valtteri Bottas (Finnland) vergaben dahinter durch die falsche Taktik ihre bis zum Regen so sorgsam gehütete Chance aufs Treppchen. Beide verpassten den richtigen Zeitpunkt, um auf Intermediate-Reifen (für leichten Regen ) zu wechseln.

Nico Hülkenberg (Emmerich) fuhr im Force India auf den siebten Rang, zudem holte Ex-Weltmeister Fernando Alonso (Spanien) als Zehnter seinen ersten Punkt für das Krisen-Team McLaren - was auch ein klein wenig an gute alte Zeiten erinnerte. Schließlich gab es gleich nach dem Start einem Crash zwischen den McLaren von Alonso und Jenson Button sowie den Lotus von Romain Grosjean und Pastor Maldonado - noch in der Auftaktrunde kam das Safety Car. Vor der Reise nach England hatte Rosberg drei der vergangenen vier Rennen gewonnen, der WM sneues Leben eingehaucht und sich damit sogar die Unterstützung von höchster Stelle gesichert. „Nico kann diese Weltmeisterschaft retten“, sagte Formel-1-Chef Bernie Ecclestone und wünschte sich vor dem Start ganz offen einen Sieg des Deutschen:„Wir brauchen ihn, damit das Ganze am Leben bleibt.“

Als die roten Ampeln erloschen, legten Pole-Setter Hamilton und Rosberg jedoch einen ganz schwachen Start hin und mussten Massa und Bottas vorbeiziehen lassen. Das Quartett setzte sich in der Folge spielend vom Rest des Feldes ab, doch an der Spitze hielten die Williams beide Silberpfeile zunächst in Schach. Im Mittelfeld lief es für Vettel zunächst überhaupt nicht rund. Der Heppenheimer verlor am Start gleich drei Plätze und fand sich auf Rang neun wieder, bis zur Rennhälfte hatte sich der Deutsche gleich hinter seinem Teamkollegen Räikkönen zumindest wieder auf Position sechs vorgearbeitet. Vorn ging Hamilton in Runde 20 als erster Fahrer des Spitzenquartetts an die Box, und diese taktische Maßnahme sollte sich auszahlen. In der folgenden Runde kamen Massa und Rosberg zum Reifenwechsel und reihten sich hinter dem Titelverteidiger ein. Augenblicke später ereilte Bottas das gleiche Schicksal. In diesem Moment wurde es ein Rennen wie gemacht für Hamilton. Er konnte sich an der Spitze absetzen und dazu auf beide Williams als Puffer zwischen sich und Rosberg setzen. Das alarmierte die Silberpfeile. „Nico, gib jetzt alles!“, funkte das Team an Rosberg. Was dieser so gut es ging umsetzte.

Probleme bei den kleinen Teams

Der attraktive Rennverlauf in Silverstone kann die Probleme der Königsklasse aber nicht verdrängen. Mercedes, gelegentlich herausgefordert von Ferrari und Williams, beherrscht die Szene. Red Bull schmollt nach vielen erfolgreichen Jahren (vier Titel zwischen 2010 und 2013) - und fährt hinterher. Der Rest kämpft ums Überleben. Dazu kommt eine vom Formel-1-Boss zu verantwortende Unsicherheit über die Zukunft der Serie. Denn um die künftige Verteilung der Formel-1-Rechte ranken sich Fragezeichen. Gerüchte, wonach ein Konsortium aus den USA und Katar an einer Übernahme von 35,5 Prozent von Rechtehalter CVC Capital Partners interessiert sei, bestätigt Ecclestone. Keine Nachricht, die die Suche nach Geldgebern für die kleinen Teams einfacher macht.