Vancouver –

Amerikas Skandalnudel hofft auf ein Happy End

Nach vielen Affären will US-Torhüterin Hope Solo im heutigen WM-Finale den letzten ihr fehlenden Titel gewinnen

Vancouver –. Manchmal sind es die kleinen Dinge. Das breiteste Grinsen, das sich in den vergangenen Wochen durch das Gesicht von Hope Solo zog, wurde von einer flachen Metall-Plakette ausgelöst, einer sogenannten Hundemarke. In einer feierlichen Zeremonie überreichte Sergeant Mulloy der amerikanischen Torhüterin stellvertretend für das komplette WM-Team der USA ein Ehrenabzeichen der Army. „Vielen Dank für die bedingungslose Unterstützung durch unsere Soldaten“, sagte Solo gerührt. So viel Rückendeckung hat sie zuletzt nicht genießen können.

Die 33-Jährige ist der schillernde Star der Frauen-WM in Kanada: Sie ist Olympiasiegerin, Welttorhüterin, wurde mehrmals zur US-Sportlerin des Jahres gewählt und gilt bis heute als talentierteste Keeperin der Welt. Sie posierte nackt für Zeitschriften, landete wegen häuslicher Gewalt im Gefängnis und tanzte in Fernseh-Shows. Nur eins war sie noch nicht: Fußball-Weltmeisterin. „Es war das härteste Jahr meines Lebens“, sagte sie vor WM-Finale gegen Titelverteidiger Japan (Montag 1 Uhr, ZDF und Eurosport): „Ich will, dass die Menschen mich mit dem WM-Pokal in Erinnerung behalten. Und wegen meiner Leistungen.“ Nach inzwischen 513 Minuten ohne WM-Gegentor am Stück, soll heute die Revanche für das verlorenen Finale von 2011 her. Damals glich Japan in der 81. Minute zum 2:2 aus und gewann im Elferschießen. Der von der Tsunami-Katastrophe gebeutelten Nation gab man so ein Stück Lebensfreude zurück. Doch Solo will nun Revanche.

Ehemann musste in den Knast

Kaum ein Sportler und erst recht keine Fußballerin ist in den USA so umstritten wie Solo, die Tochter einer Alkoholikerin und eines Vietnam-Veteranen, der mehrfach wegen Betrugs im Gefängnis saß. „Mein Elternhaus glich einem Kriegsgebiet. Ich wollte nie die typische Sportlerin sein, die für gar nichts steht“, sagt Solo, die mit TV-Werbung für Energydrinks und Sportbekleidung Millionen verdient hat. Inzwischen steht sie jedoch in erster Linie für Skandale. Nach besagter Tanz-Show überwarf sie sich schlagzeilenträchtig mit ihrem Tanzpartner, weil der sie während der Übungseinheiten geschlagen haben soll. Dass sie davon erst nach der Ausstrahlung berichtete, werteten Kritiker als typisches Manöver: Sie kann nicht ohne Schlagzeilen. Im Januar wurde sie für einen Monat aus der Nationalmannschaft verbannt, weil sie ihrem Ehemann die Schlüssel für ein Auto des Fußball-Verbands überlassen hatte. Beide wurden nach einer Party bei Freunden stark alkoholisiert von der Polizei aufgegriffen. Jerramy Stevens, ein ehemaliger Football-Star aus Seattle, hat just vor WM-Beginn die 30-tägige Haftstrafe angetreten, ist wegen guter Führung aber schon wieder auf freiem Fuß.

Solo rutschte nach klärenden Gesprächen mit dem Trainerteam zurück in den Kader, angeblich soll sie sich auf Drängen ihrer Coaches einer Therapie unterzogen haben. Auf Solos Glamour wollten sie halt nicht verzichten beim Turnier im Kernmarkt des Frauen-Fußballs. Und sie zahlt in Kanada mit seriöser Leistung zurück und fügt sich artig ins Team ein.

Das war nicht immer so. Als sie bei der WM 2007 einen Stammplatz forderte, wurde sie zur Außenseiterin. Die Mitspielerinnen verließen fortan Fahrstühle, wenn Solo zustieg. Sie standen vom Esstisch auf, sobald die Schlussfrau den Raum betrat. Das ging so, bis Solo vorzeitig zurück in die Heimat flog. „Am meisten enttäuscht war ich von Abby Wambach“ schrieb sie in ihrer Biografie: „Sie hat mich verraten, weil sie dem Trainer den Wechsel empfohlen hat.“ Acht Jahre später gelten beide als absolute Stützen der amerikanischen Mannschaft, aus der 14 Spielerinnen schon 2011 dabei waren, viele werden nach der WM wohl abtreten. Am liebsten mit dem Titel, Amerika giert immer nach dem Happy End. „Sie ist unsere Anführerin, nicht nur auf dem Feld“, schrieb Solo daher der Weltklasse-Stürmerin in einem offenen Brief kurz vor der WM: „Abby kann Dinge allein durch ihren Willen geschehen lassen.“ Nach dem Halbfinalsieg gegen Deutschland (Spiel um Platz drei gegen England nach Redaktionsschluss beendet) soll nun endlich auch der erste WM-Titel her.