Berlin

Die Chefin

Silvia Neid hat den Frauen-Fußball geprägt wie sonst keine. Nun soll der krönende Abschluss her

Berlin.  Es ist ruhig um Silvia Neid geworden, vielleicht ist das ihr größter Triumph. Keiner da, der an ihr zweifelt. Keiner prescht vor, um an ihr herum zu nörgeln. Neid kann machen, was sie will. Die Bundestrainerin ist den Kritikern scheinbar entrückt. Das war nicht immer so, sie musste sich viel anhören. Alles still nun, kein Laut. Eventuell ist sie deswegen so gelassen. Vielleicht ist Neid schon auf dem Zenit, auch ohne den Weltmeistertitel in Kanada.

Es gibt Spielerinnen in ihrer Mannschaft, die können sich ein Fußballleben ohne Silvia Neid nicht mehr vorstellen. Sagen sie. Die ewige Silvia. Heerscharen von Fußballerinnen hat sie sozialisiert. Der Deutsche Fußball-Bund schickt sich bei dieser Weltmeisterschaft an, mit der Frauen-Auswahl den dritten Titel zu holen. Die Mannschaft ist außerdem schon acht Mal Europameister geworden. Bei allen Erfolgen war Neid mit dabei; erst als Spielerin, dann als Assistentin der Nationaltrainerin, schließlich selbst als Bundestrainerin. Als sie es 2005 wurde, sagte Vorgängerin Tina Theune-Meyer: „Es kann keine andere geben.“ Von den 412 Länderspielen der deutschen Mannschaft gibt es nur 16, in denen Neid nicht auf dem Platz oder der Seitenlinie stand. Sie fehlte nur, wenn sie verletzt war.

Nachfolgerin steht schon bereit

Was sie dem Frauenfußball gegeben habe, wurde Neid mal gefragt. Ihr ganzes Leben, antwortete sie. Mit 17 kam sie in den Kreis der Nationalspielerinnen, mit 18 nahm sie am ersten Frauen-Länderspiel überhaupt teil, mit 51 Jahren könnte sie ihren zweiten WM-Titel als Bundestrainerin feiern. Ein Erfolg in der Nacht auf Mittwoch (1 Uhr, ARD und Eurosport) im Halbfinale gegen die USA vorausgesetzt.

Wie auch immer, Kanada markiert ihren Endpunkt. Nach der WM ist Schluss. Neid baut dann eine Scouting­abteilung für den DFB auf. Steffi Jones übernimmt ihren Posten in der Nationalmannschaft, es wird ungewohnt sein. Neid gab dem Frauenfußball ein Gesicht, blond und gut aussehend war es. Ihre 1,66 Meter und die zierliche Figur waren wunderbar präsentabel. Immer schon, sogar ein Angebot vom „Playboy“ hatte sie. „Auf eigentümliche Weise ist sie ein Monolith in der Frauschaft“, schrieb schon 1995 die „taz“. Und auf ihre eigene Art machte sie auch als Bundestrainerin weiter. Vielfach belächelt, manchmal auch verspottet von ihren Kollegen.

Vielleicht nicht ohne Grund. Sie wurde hinter vorgehaltener Hand „die Metzgerin“ genannt oder als „Blumentante“ hingestellt, weil sie mal Fleischerei-Fachverkäuferin gelernt hatte und auch mal Auslieferungsfahrerin einer Gärtnerei war. Doch es gab daneben auch die Neid, die von ihren Spielerinnen geschätzt wurde. Torhüterin Nadine Angerer beschrieb das in ihrer Biografie, als die Mannschaft 2007 in China als erste überhaupt den WM-Titel erfolgreich verteidigte: „Sie hatte fast alles vorausgesehen. Was sie uns über die Gegner und deren Eigenheiten erzählte, stellte sich immer als zutreffend heraus. Manchmal mussten wir im Nachhinein fast lachen, wenn eine Situation im Spiel tatsächlich genau so eingetreten war, wie Silvia es vorher analysiert und besprochen hatte. Sie hatte einfach recht, Punkt.“

Beobachter wissen aber auch von einer anderen Neid zu berichten. Schmallippig, dünnhäutig, schnippisch. 2011 bei der WM im eigenen Land war es geschehen um die liebe Silvia. Sie verkrachte sich erst während des Turniers mit Rekordspielerin Birgit Prinz und vermasselte am Ende auch die WM, Aus im Viertelfinale gegen Japan. Neid war das Gesicht der Gescheiterten, sie konnte den Druck nicht vom Team nehmen. Letztlich scheiterte sie auch an dem Druck, den sie sich selbst gemacht hatte.

Vergangenheit. Vertraute von ihr berichten, sie sei entspannter und umgänglicher geworden. Greift nicht mehr bei jeder Kleinigkeit ein, sondern lässt einfach auch mal die Dinge laufen. Der Mannschaft tut das gut. Sie vertraut darauf, dass die älteren Spielerinnen wie Angerer, Bartusiak, Sasic oder Krahn korrigieren, wenn etwas falsch läuft. 2013 bei der EM in Schweden riefen die nach dem Gruppenspiel gegen Norwegen (0:1) einen internen Krisengipfel aus. Neid hatte die Spielerinnen nach der Partie und einem Abendessen auf ihre Zimmer schicken wollen, als Angerer das Wort ergriff: „Nee, keiner geht. Wer von den Spielerinnen fertig ist, kommt jetzt in den Besprechungsraum. Alle.“ Deutschland gewann später den Titel. Bei dieser WM war es das blutleere 4:0 in der Vorrunde gegen Thailand, nach dem Angerer Gesprächsbedarf sah. Gegen Schweden im Achtelfinale gab es dann das bisher beste Spiel des deutschen Teams bei dieser WM, ein 4:1 wie im Rausch.

Warten auf geballten ICE

Es ist nicht übertrieben, wenn bei einem Erfolg in Kanada die EM 2013 als Basis dafür gesehen wird. Neid machte da ihren Seelenfrieden mit sich selbst. Die Bedingungen waren nicht optimal, und dennoch konnte sie den Titelgewinn feiern. Sie hatte da für sich selbst die endgültige Erkenntnis, dass sie keine schlechte Trainerin ist. So etwas schafft Gelassenheit und Sicherheit, das stärkt sie auch bei dieser WM.

Der Respekt ihrer Spielerinnen vor dem Auftritt gegen die USA ist zwar groß. „Da kommt ein geballter ICE auf uns zugerast“, sagte Angerer. Auch die Statistik spricht gegen das deutsche Team: 32 Spiele, 20 Mal siegten die Amerikanerinnen, nur sechs eigene Siege, der bislang letzte davon vor zwölf Jahren. Es könnte Neids letztes Spiel sein, die US-Torhüterin Hope Solo hat seit 423 Minuten kein Tor mehr kassiert. „Dann wird es Zeit, dass sie eins kriegt“, sagte Neid. Sie lässt keinen Zweifel aufkommen.