Berlin

„Wir sind ja keine Roboter“

Fatmire Alushi über Deutschlands Chancen bei der WM, Erwartungsdruck und ihr Babyglück

Berlin.  Es war ein Satz, mit dem alles gesagt war. „Es gibt Dinge im Leben, die sind einfach wichtiger als Fußball”, verkündete Fatmire Alushi kurz vor der Fußball-WM in Kanada. Die 79-malige Nationalspielerin ist im fünften Monat schwanger. Daheim erlebt die Frau von Enis Alushi, der beim FC St. Pauli spielt, nun die WM am TV. Bislang ist die 27-Jährige, die seit Jahren den deutschen Frauen-Fußball prägt, begeistert von dem, was sie sieht.

Berliner Morgenpost: Frau Alushi, wie geht es Ihnen?

Fatmire Alushi: Sehr gut, wir freuen uns unheimlich auf unser Kind.

Wissen Sie denn schon, was es wird?

Ein Junge. Wie gesagt, die Freude bei uns ist unheimlich groß.

Wie erleben Sie denn die WM daheim vor dem Fernseher?

Es ist natürlich ein komisches Gefühl, nicht dabei zu sein. Aber ich weiß ja, warum das so ist. Ich habe alle Spiele unserer Mädels verfolgt, bis auf das Achtelfinale gegen Schweden, da ich parallel zum Spiel zurück aus dem Urlaub gekommen bin. Doch ich habe nach der Rückkehr gleich im Internet nach dem Ergebnis geschaut und mir später auch noch die Tore angesehen. Ich freue mich sehr für die Mädels, sie machen das gut in Kanada.

Sind Sie denn mit einigen von Ihren Mitspielerinnen in Kontakt.

Klar. Per SMS oder Whatsapp. Wir schreiben uns vor und nach dem Spiel oder auch mal zwischendurch. Da werden Texte oder Bilder hin- und hergeschickt. Mit einigen spreche ich auch über Skype. Sie wollen ja auch wissen, was ich so mache, wie es mir und dem Baby geht. Und ich frage, wie es da drüben in Kanada so ist, wie die Ausflüge sind, die Spiele, die Trainingsplätze und die Stimmung – was man alles so wissen will. Es ist schön, dass es den Kontakt gibt. Da haben sich ja auch einige Freundschaften entwickelt.

Wenn Sie die WM-Berichte aus Kanada hören, muss das Verlangen doch bestimmt groß sein, auch gern dabei zu sein oder?

Ab und an denke ich mir schon, ach, da wär’ ich jetzt schon gern auf dem Platz. Dann bin ich ein bisschen wehmütig. Letztlich sage ich mir aber: „Hey, ich habe einen wahnsinnig tollen Grund dafür, dass ich daheim geblieben bin.“ Und diese Freude darüber ist viel größer. Selbst wenn es vielleicht meine letzte WM gewesen wäre.

Wie schätzen Sie die Chancen im Viertelfinale am Freitag gegen Frankreich ein?

Das wird ein Spiel auf Augenhöhe, die Chancen stehen 50:50. Die Französinnen haben sich in den vergangenen Jahren extrem gesteigert und stellen eines der Topteams auf der Welt. Wir müssen von der ersten Minute an voll da sein. Ich denke, es wird auf die Tagesform ankommen. Denn was die Positionen betrifft, nehmen sich beide Teams von der Qualität her fast nichts.

Wie beurteilen Sie den Turnierverlauf der deutschen Mannschaft? Nach dem letzten Vorrundenspiel, das 4:0 gegen Thailand gewonnen wurde, gab es trotz der Qualifikation für die K.o.-Runde eine Teamsitzung, weil einige Dinge nicht so gut gelaufen sein sollen.

Bei einer WM geht es um viel. Da spielt Druck natürlich auch eine Rolle. Wir Spielerinnen sind ja keine Roboter und können auf den Punkt genau immer gleich gut funktionieren. Dass es mal so ein Spiel wie gegen Thailand gibt, in dem einiges vielleicht nicht so lief, wie man es sich vorgestellt hat, ist doch normal. Wichtig ist, dass man die richtigen Schlüsse daraus zieht. Das ist geschehen, wenn man sieht, wie gut dann das Spiel gegen Schweden gewesen ist.

Nun muss Frankreich erst einmal geschlagen werden. Aber wie schätzen Sie die Chancen auf den Titelgewinn ein?

Sollten wir Frankreich schlagen, ist der Weg frei für das Finale. Denn mit Frankreich hätten wir dann eine Mannschaft aus dem Turnier geworfen, die für mich zu den Titelkandidaten zählt.

Wie finden Sie das spielerische Niveau bei dieser WM?

Um ehrlich zu sein, so viele Spiele habe ich nicht gesehen, da es hier in Deutschland schon sehr spät ist, wenn die meisten Spiele beginnen. Die vermeintlichen Topspiele haben das geboten, was sie versprochen haben. Einige Partien waren schon enttäuschend, da hat man gesehen, dass das Niveau schwankt. Überrascht war ich von dem frühen Aus der Brasilianerinnen. Das hatte ich nicht erwartet.

Und die Brasilianerin Marta, die fünf Mal Weltfußballerin wurde und die wohl bekannteste Persönlichkeit im Frauen-Fußball weltweit ist, muss den WM-Titel erneut abhaken.

Das tut mir leid für sie und auch für ihre Mitspielerinnen. Für Marta ist es seit Jahren nicht einfach. Um Weltmeister zu werden, brauchst du eine Mannschaft. Ich habe immer schon gesagt, wenn Marta noch drei, vier gute Spielerinnen um sich herum hätte, wäre Brasilien richtig top. Aber sie hat keine gute Qualität um sich herum.

Das Turnier findet erstmals komplett auf Kunstrasen statt. Was berichten Ihnen die Mitspielerinnen von ihren Erfahrungen?

Die Mädels haben mir gesagt, dass es ziemlich hart ist, darauf zu spielen. Es muss unter den Füßen unheimlich brennen. Aber ich habe den Eindruck, dass es unseren Mädels inzwischen egal ist. Sie haben sich darauf eingestellt und nehmen den Rasen so, wie er ist. Es bringt ja auch nichts, darüber zu diskutieren.

Wie sieht Ihr Plan für die Zukunft aus – werden Sie nach der Geburt auf den Platz zurückkehren.

Absolut. Ich habe neulich schon zu meinem Mann gesagt, als er zum Training gegangen ist, dass ich mir jetzt auch gern den Ball nehmen und damit spielen würde. Aber das ist jetzt natürlich nicht möglich (lacht). Allerdings werde ich auf jeden Fall wieder zurückkommen. Wann das genau der Fall sein wird, weiß ich noch nicht. Klar ist, dass ich erst einmal für das Kind da sein möchte. Doch es kann schon sein, dass ich in den letzten zwei, drei Monaten der kommenden Saison wieder auf dem Trainingsplatz bei meinem Klub Paris Saint-Germain stehe. Ich habe ja noch einen Vertrag bis zum Juni 2016.