Tennis

Lisicki - „Ich muss die Barriere in meinem Kopf durchbrechen“

Der Berliner Tennisstar will die Stärken von Wimbledon auch auf anderen Belägen zeigen. Im Interview äußert sich die 25-Jährige auch darüber, wie es ist, fast elf Monate im Jahr auf Weltreise zu sein.

Foto: Reto Klar

Sie spielte eine überzeugende Hartplatzsaison in Florida, danach eher glücklos auf Sand in Sotschi (Fed Cup) und in Stuttgart. Gerade verlor sie in Madrid gegen Coco Vandeweghe aus den USA mit 6:7 (3:7), 6:3, 5:7, wehrte sich aber 2:33 Stunden gegen die Niederlage. In Rom und Paris stehen die nächsten Tennisturniere auf Sand an. Zwischendurch weilte Sabine Lisicki, 25, für eineinhalb Tage in ihrer Heimat Berlin. Und nahm sich Zeit für ein Interview.

Berliner Morgenpost: Sie sind sind elf Monate mit der Tennistour rund um die Welt unterwegs. Geht da nicht irgendwann das Gefühl von Heimat verloren?

Sabine Lisicki: Nein, ich fühle mich in Berlin immer noch zu Hause. Und es ist schön, mal wieder die deutsche Sprache im Alltag sprechen zu können, auch wenn es nur zwei Tage sind.

Stimmt es eigentlich, dass Sie immer deutsches Brot mit auf Ihre Weltreisen nehmen?

Richtig, das hängt mit meiner Gluten-Unverträglichkeit zusammen. In vielen Ländern, in denen wir mit der WTA-Tour zu Gast sind, findet man glutenfreie Produkte nur sehr schwer. Selbst in Frankreich ist das so. Von daher gehört mein spezielles Vollkornbrot immer mit in die Reisetasche. Für mich bringt die Allergie immer eine gewisse Gefahr. Ich kam schon aus Restaurants und hatte Probleme, weil das Essen trotz entsprechender Zusicherung des Kellners nicht glutenfrei war. Das ist vor einem Match nicht lustig.

Und deswegen nehmen Sie im Flugzeug dann auch mal teure Zusatzgebühren für Übergepäck in Kauf, um glutenfreie Nahrung mitzunehmen?

Das passiert, aber ehrlich gesagt, sind glutenfreies Brot oder Energieriegel nicht der alleinige Grund für mein Übergepäck. Wir Tennisprofis leben ja elf Monate fast nur aus dem Koffer, da nimmt man am liebsten das halbe Haus mit, um sich trotz der Rastlosigkeit dann auch wohl zu fühlen. Mit anderthalb großen Taschen als Kleiderschrank bin ich als Frau aber noch gut dabei, oder?
„Ich bin ein absoluter Foto-Freak“


Könnte sein. Was ist Ihnen das Wichtigste, das bei Abreise nie vergessen werden darf?

Mein Smartphone! Wegen der vielen Fotos darauf. Ich bin ein absoluter „Foto Freak“. Das kann für meine Mitreisenden mitunter nervig sein, weil ich jede Gelegenheit nutze, um ein Bild zu machen. Ich habe das Glück, meinen Traum wirklich erleben zu dürfen. Das weiß ich sehr zu schätzen und will möglichst viele Momente durch die Fotos festhalten.

Dabei sein ist aber längst nicht alles. Und deswegen würden wir gern wissen, welche sportlichen Ziele Sie sich als Wimbledon-Finalistin und aktuell 19. der Weltrangliste auf der Tour noch stellen. Mit 25 nähern Sie sich ja womöglich dem Zenit Ihrer Karriere.

Ohne Ziele geht es weder im Leben noch im Sport. Gemeinsam mit meinem Coach habe ich ein großes Ziel definiert. Auf dem Weg dorthin gibt es viele Etappenziele. Das bleibt aber unter uns, und ich hoffe, unseren Plan nach und nach auf dem Platz offenlegen zu können. Wir haben zum Glück Woche für Woche die Chance, antreten zu können. Ein Turnier läuft besser und ein anderes schlechter. Am Ende geht es darum, weder im positiven noch im negativen Fall den Fokus zu verlieren, sondern kontinuierlich auf sein Ziel hinzuarbeiten. Daher rechne ich übrigens auch nie, ob ich bei einem Turnier Ranglistenpunkte aus dem Vorjahr verlieren könnte. Wenn ich antrete, dann immer, um dabei Punkte hinzuzugewinnen.

Weil das sonst zur Verkrampfung führen könnte?

Nein, weil es für mich nur so funktionieren kann. Jede Spielerin ist anders und geht ihre Aufgaben anders an. Das gilt auf dem Platz, aber auch für die Zeit ohne Tennisschläger. Für mich ist es wichtig, neben dem Training oder Match auch mal etwas anderes zu machen. Das ist natürlich nicht immer möglich, aber ich versuche, das zunehmend hinzubekommen. Für das Turnier in Rom stand zum Beispiel auch mal ein Besuch im Colosseum auf meinem Programm.
„Ich bin auf Asche groß geworden“


Seit dem Wimbledon-Finale 2013 kennt jeder Ihre Stärke auf Rasen, jetzt steht aber erst noch die Sandplatzsaison an. Mögen Sie Sand überhaupt?

Wir haben ja schon ein paar Sachen aus dem Weg geräumt. Ich habe in Indian Wells sieben Jahre kein Spiel gewinnen können und stand jetzt im Halbfinale. Bisher hatte ich auf Asche auch nicht viele Erfolge, außer meinem ersten Turniersieg in Charleston 2009. Das versuchen wir jetzt auch zu ändern. Ich bin auf Asche groß geworden. Man muss sich halt Schritt für Schritt von dem Gedanken befreien, dass ich nur auf anderen Belägen gut spielen kann. Diese Barriere im Kopf gilt es zu durchbrechen. Die Bedingungen auf den Sandplätzen sind in den letzten Jahren schneller geworden, was mir eher entgegen kommt. Ein guter Aufschlag und mein druckvolles Spiel können auch auf Sand zu einer Waffe werden. Dafür hat mir mein neuer Trainer viel Selbstvertrauen vermittelt.

Nach vielen Trainerwechseln in der Vergangenheit scheint Christopher Kas also endlich der richtige zu sein, mit dem Sie länger zusammen arbeiten wollen?

Auf jeden Fall. Mit Ricardo Sanchez, Wim Fissette und Martina Hingis hatte ich drei sehr gute Coaches. Mit Christopher Kas passt es jetzt perfekt.

Haben Sie schon jemals bereut, dass Sie so im Rampenlicht stehen? Erst recht, seit Sie mit Oliver Pocher auch noch einen prominenten Partner haben?

Das kommt mit den sportlichen Erfolgen und gehört einfach dazu. Nach dem Wimbledon-Finale hat es eine Zeitlang gedauert, mit der erhöhten Aufmerksamkeit klarzukommen. Ich musste erst Wege finden, damit umzugehen. Da fühlt man sich manchmal erdrückt, und es gab Tage, an denen ich den Hintereingang genommen habe. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es das nicht sein kann, und gelernt, damit umzugehen.

Ihre Fed-Cup-Kollegin Andrea Petkovic hat nicht nur die Tenniswelt gerade mit der Aussage überrascht, dass sie 50 Prozent der Spiele auf der WTA-Tour nur mithilfe von Schmerzmitteln bestreiten kann. Ist das bei Ihnen etwa ähnlich?

Jeder Körper reagiert auf die extreme Beanspruchung anders. Bei mir halten sich die Beschwerden erfreulicherweise noch in Grenzen, so dass ich Schmerzmittel weitgehend vermeiden kann.