Eishockey-WM

Tobias Rieder hat sich in den USA aus dem Schatten gespielt

NHL-Profi Tobias Rieder soll bei der WM in Tschechien die Offensive der deutschen Mannschaft beleben. Gegen Frankreich steht das DEB-Team am Sonnabend gleich vor einer schweren Aufgabe.

Foto: Armin Weigel / dpa

Weil gerade keiner etwas sagt, schaut er sich um, bleibt geduldig stehen. Es könnte ja noch jemand eine Frage haben. Und Fragen gibt es viele an Tobias Rieder. Nach kurzer Pause geht es tatsächlich weiter. Aber seelenruhig lässt der 22-Jährige das alles geschehen, es ist ihm nicht unangenehm, er lächelt freundlich. Nach jedem Training, nach jedem Spiel.

Ganz eindeutig ist Tobias Rieder im Mittelpunkt angekommen. Obwohl Deutschland auf ein gutes Dutzend Profis in der NHL verweisen kann, wollten oder konnten fast alle nicht antreten für die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) bei der Weltmeisterschaft in Tschechien, die am Freitag begann. Nur der gebürtige Landshuter, Stürmer der Arizona Coyotes, sagte Bundestrainer Pat Cortina zu. Zwangsläufig konzentriert sich das Interesse nun auf Rieder.

Mit seiner Ausgeglichenheit und Unaufgeregtheit macht ihm das nichts aus. „Ich denke nicht zu viel drüber nach. Wenn ich auf dem Eis bin, vergesse ich das sowieso und versuche, so gut wie möglich zu spielen“, sagt er. Natürlich wären die defensive Vorzüge der verletzten Verteidiger Christian Ehrhoff und Dennis Seidenberg wichtig für die Mannschaft gewesen. Mit Rieder entschied sich dennoch der aktuell auffälligste deutsche Spieler in Nordamerika für die Teilnahme an der WM.

Dynamisch und torgefährlich

Darüber kann Bundestrainer Cortina nur froh sein. Die Problemlage seiner Mannschaft ist eindeutig. „Wir müssen mehr treffen als in der Vergangenheit“, so der Italo-Kanadier. Rieder soll die Probleme lösen. Kein anderer deutscher Spieler erzielte in der NHL in den zurückliegenden vier Jahren so viele Tore in einer Saison wie er gerade – es waren 13. „Er wird sehr wichtig, weil er ein dynamischer, intelligenter Spieler ist“, sagt Cortina. In Berlin beim letzten Test am Mittwoch gegen Slowenien (4:3 n.P.) zeigte Rieder, der mit 17 Jahren nach Nordamerika ging, ab und zu seine Qualitäten. Er bewegt sich überlegter und zielstrebiger zum Tor als die meisten Kollegen.

Vergangene Saison traf Rieder einmal bei der WM, es war sein Turnierdebüt. Dabei stand er im Schatten von Leon Draisaitl, der als kommender Star des deutschen Eishockeys gilt. Kurz nach der WM zogen die Edmonton Oilers bei der Auswahl der Talente in der NHL Draisaitl an dritter Position, kein Deutscher wurde je so früh ausgewählt. Während klar war, dass Draisaitl also bald in der NHL spielen würde, ging Rieder bei den Portland Pirates in der AHL in die Saison, so wie zuvor auch.

Für die großen Geschichten sorgte aber der an Position 114 gezogene Rieder. „Sie haben mir vor der Saison gesagt, dass ich eine Chance bekomme. Ich dachte, dass ich ein paar Spiele machen werde. Dass es gleich 72 werden und ich bei der Mannschaft bleibe, hätte ich nicht gedacht. Es war unglaublich“, erzählt der Außenstürmer, der nach neun Partien und vier Toren in der AHL in den Kader der Coyotes berufen wurde. Beim NHL-Debüt im November 2014 erzielte er gleich den Siegtreffer gegen Washington, einen Monat später traf in Unterzahl binnen 58 Sekunden doppelt und stellte einen Rekord für Neulinge auf. Gegen Edmonton war das, gegen das Team mit Draisaitl. Der wurde wenig später zurück in die Juniorenliga geschickt. „Das hat mich überrascht. Aber er wird bestimmt wieder in der NHL auftauchen, da habe ich gar keine Zweifel“, sagt Rieder, der jetzt Draisaitl in den Schatten stellt und beim DEB zum Werbeträger avanciert.

Plötzlich im Mittelpunkt

Zwar empfindet sich Rieder nicht in einer herausgehobenen Rolle: „Ich bin hier genau wie jeder andere Spieler, da gibt es keine Unterschiede.“ Doch er merkt, wie sehr sein Prädikat als NHL-Spieler ihn von den anderen abhebt. Vor dem Treffen in Berlin flog er morgens von München nach Köln, um dort mit DEB-Präsident Franz Reindl an einer Pressekonferenz teilzunehmen. Danach jettete er nach Berlin, um nachmittags beim Training mit dem Team auf dem Eis zu stehen. „Wenn sie mich fragen, bin ich natürlich bereit“, sagt Rieder. Stress bereite ihm das nicht.

Die nächsten Tage werden sicher anstrengender. Sonnabend geht es in Prag los gegen Frankreich (16.15 Uhr, Sport1), sieben Spiele in zehn Tagen müssen in der Gruppenphase absolviert werden. Das härteste Programm aller Konkurrenten. „Wir können daran nichts ändern“, sagt Rieder. Er will sich nicht wie viele andere über die viele Absagen beklagen und sich mit wenig zufrieden geben. Rieder spricht vom Viertelfinale, obwohl das kaum realistisch erscheint. „Ich glaube, mit der Mannschaft kann man einiges erreichen“, sagt er. Seine Einstellung hat viel dazu beigetragen, dass er in der NHL überraschend stark einschlug. Vielleicht kann Rieder sogar das DEB-Team mit seiner Geschichte inspirieren.