Terrorismus

Boston-Marathon: Wenn ein Bomben-Opfer zur Mit-Läuferin wird

„Ich bin wieder aufgestanden“: Unter den 264 Menschen, die vor zwei Jahren bei dem Anschlag verletzt wurden, befand sich auch Michelle L’Heureux. Die 39-Jährige startet heute bei der 119. Auflage.

Foto: John Wilcox / Boston Herald

Am Nachmittag des 15. April 2013 irrte Michelle L’Heureux benommen durch die Trümmer. Ihr Arm war von Splittern aufgerissen, ihr linkes Knie schwer verletzt, die Trommelfelle geplatzt. Die 39-Jährige war eines der Opfer der Anschläge auf den Boston Marathon vor zwei Jahren. Drei Menschen starben, 264 wurden zum Teil schwer verletzt.

An diesem Montag startet die 119. Auflage des ältesten Stadtmarathons der Welt, und L’Heureux, vor zwei Jahren Zuschauerin, wird erstmals als Läuferin dabei sein. Gemeinsam mit rund zwei Dutzend Opfern nimmt sie die 42,195 Kilometer in Angriff – auch deshalb, um ein Zeichen zu setzten.

„Es fühlt sich so an, als dass ich darüber hinwegkomme und in der Lage bin zu sagen: Ihr habt mich niedergeschlagen, aber ich bin wieder aufgestanden und kann einen Marathon laufen“, sagte L’Heureux dem „Boston Globe“. „Ihr“, das sind die beiden Attentäter Tamerlan und Dschochar Zarnajew.

Tamerlan starb bei der Festnahme wenige Tage später, die Verhandlung über das Strafmaß von Dschochar beginnt am Dienstag, nur einen Tag nach dem Marathon. In allen 30 Anklagepunkten wurde er schuldig gesprochen. Ihm droht die Todesstrafe. Bei der Verfolgungsjagd vor ihrer Festnahme erschossen die Brüder zudem noch einen Polizeibeamten.

3500 Beamte an der Strecke

Die Stadt ist noch immer tief betroffen von den Anschlägen, doch anstatt Angst herrscht in der Stadt eher das Gefühl, sich von nichts und niemandem unterkriegen zu lassen. Der jährlich am 15. April stattfindende „One Boston Day“ ist nicht nur ein Tag der Trauer und Andacht. Sondern auch ein Tag des Miteinanders.

Die Brighton Music Hall verschenkte Freikarten an Polizisten und Feuerwehrleute, Firmen spendierten Passanten Kaffee und Kuchen, Mitarbeiter eines Nobelhotels sammelten über 500 Paar Schuhe für Obdachlose. Nur ein paar Beispiele von vielen in der Stadt, die sich auch um die Olympischen Spiele 2024 bewirbt.

Die Sicherheitsmaßnahmen für den Tag des Marathons sind genauso hoch wie bei der emotionalen Ausgabe im Vorjahr. Zuschauer dürfen keine Rucksäcke, großen Handtaschen oder Decken mit sich führen. Die Polizei forderte die Besucher auf, persönliche Dinge in einer durchsichtigen Tasche zu transportieren.


Das Laufen neu gelernt

Mit der Kampagne „Siehst du etwas, sag’ etwas“ sollen die Menschen dazu aufgefordert werden, verdächtige Dinge zu melden. Rund 3500 Beamte sollen die Veranstaltung absichern, zudem kommen auch Bombenspürhunde zum Einsatz.

Angst hat Michelle L’Heureux keine, ihr vorherrschendes Gefühl ist Vorfreude. Zwei Wochen lag sie nach dem Anschlag im Krankenhaus, musste mehrere Operationen über sich ergehen lassen und von Neuem laufen lernen.

Angefeuert wird sie in diesem Jahr von Freunden und Verwandten, die genau an jenem Punkt im Zielbereich stehen werden, an dem sie vor zwei Jahren stand, ehe die erste Bombe explodierte. „Ich möchte einfach meinem Vater einen Kuss zuwerfen“, sagt L’Heureux, „und dann über die Ziellinie laufen.“