Eisschnelllauf

Auf dem Eis geht es neuerdings heftig zur Sache

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Marcel Stein

Foto: Jordan Mansfield / ISU via Getty Images

Die Berlinerin Claudia Pechstein erlebt in Heerenveen die WM-Premiere des Massenstarts. Er soll das Eisschnelllaufen moderner machen. Der neue Wettbewerb bringt Leben auf die Bahn.

Einer Frau in ihrem Alter würde ein wenig Ruhe ab und zu ganz gut tun. Doch Claudia Pechstein kann auch wenige Tage vor ihrem 43. Geburtstag noch volles Programm laufen. Vier Tage, vier Rennen. So sieht ihr Plan bei der Einzelstrecken-Weltmeisterschaft der Eisschnellläufer in Heerenveen aus. Nach Platz fünf über 3000 Meter am Donnerstag und Bronze über 5000 Meter am Freitag folgte Sonnabend das Teamrennen mit dem siebten Rang. Sonntag steht die Berlinerin abschließend beim Massenstart auf dem Eis.

Der ist quasi eine zusätzliche Belastung, zum ersten Mal bei einer WM gehört der Massenstart zum Wettkampf-Programm. Eine gute Sache, finden die Athleten. „Ich denke, der Massenstart ist attraktiver für die Zuschauer als die 10.000 Meter“, sagt der Erfurter Patrick Beckert, der gerade über eben diese 10.000 Meter die erste WM-Medaille seiner Karriere gewonnen hat. Der Eislauf-Weltverband ISU habe den richtigen Schritt gewagt.

Allerdings war die ISU ganz schön zögerlich. Außerhalb der Niederlande kämpft das Eisschnelllaufen mit einem Attraktivitätsproblem, Überlegungen, den Sport moderner zu präsentieren, gab es einige. Doch meist wurde halbherzig vorgegangen. Es ist eben schwer, sich gegen den Willen der starken niederländischen Lobby im Eisschnelllaufen, die sich dem klassischen Programm verbunden fühlt, durchzusetzen.

Mit der Aufnahme ins WM-Programm hat sich der Wettbewerb nun verändert. „Man merkt, dass immer mehr am Massenstart teilnehmen, auch Topläufer“, sagt Beckert. Schon seit 2011 gehört der Massenstart zum Weltcup-Programm, dort aber hielten sich die Besten oft zurück. Ohne WM-Status fehlte für sie der richtige Grund, dort mitzumachen. Die anderen hatten aber auch da schon ihren Spaß am Rennen. „Der Massenstart hat es verdient, diesen Status zu bekommen“, sagt der deutsche Teamleiter Helge Jasch.

Denn er bringt Leben auf die Bahn. Sechs Paare über 10.000 Meter ihre Runden ziehen zu sehen, kann schon eine Geduldsprobe sein. Beim Massenstart geht es jetzt teilweise zu wie beim Shorttrack. Fast 30 Athleten stehen bei Männern und Frauen auf der Bahn, die Läufer tragen Schutzausrüstung wie Helm oder Schienbeinschoner. Denn es geht richtig zur Sache. „Es ist ein Kampf mit Haken und Ösen. Ständig rumpelt es irgendwo, man wird angefasst, es wird geschubst, auch Schläge gegen den Helm dürfen einen nicht aus der Fassung bringen. Es fühlt sich auf dem Eis keineswegs so entspannt an, wie es von außen aussieht“, sagt Claudia Pechstein. 16 Runden sind zu laufen, und anders als bei den meisten anderen Wettbewerben gibt es keine klaren Favoriten. Pechstein sagt: „Der Massenstart ist eine Lotterie.“

Schwereres Los für Langstreckler

Für sie als Langstrecklerin ist es schwieriger geworden, das richtige Los zu ziehen, weil ab dieser Saison auch die innere Einlaufbahn einbezogen wurde. Athleten, die vom Sprint kommen, haben in der engen Kurve Vorteile. Sie bekommen meist auch keine Probleme, die Strecke durchzuhalten. Denn es wird sehr taktisch gelaufen, Ähnlichkeiten zum Radsport sind vorhanden. Mal ist die Geschwindigkeit hoch, dann reihen sich die Läufer in einer langen Schlange aneinander; mal ist das Tempo niedrig, dann laufen alle im Pulk. Oft mit dem Arm voraus am Po des Vorderen, um nicht zu kollidieren. Das sieht schon interessant aus.

Doch den Überblick zu behalten, ist nicht einfach. „Man muss in dem Gedrängel ständig auf der Hut sein“, sagt Pechstein, die in dieser Saison stets unter den besten Zehn war, aber nie auf dem Podest. Bei den Männern lief Marco Weber vor zwei Wochen in Hamar/Norwegen auf Platz zwei. Pechstein könnte es in Heerenveen mit einer kleinen Ausreißergruppe probieren, das ist ihre größte Chance auf eine Medaille im Massenstart.