Snooker

Weltmeister Selby gewinnt Masters im Tempodrom

20.000 Fans pilgerten diese Woche ins Berliner Tempodrom, um die Snookers-Star einmal hautnah zu erleben. Weltmeister Mark Selby inspiriert das besonders: Er erobert Weltranglistenposition Nummer eins.

Foto: ChinaFotoPress / ChinaFotoPress via Getty Images

Lange Zeit ist es mucksmäuschenstill. Nur das fast schon beruhigend wirkende Klackern der Kugeln ist zu hören, dazu ein paar sporadische Huster auf den Rängen, vereinzelt wird leise getuschelt. Dabei sind die Ränge im Berliner Tempodrom gut gefüllt, weit mehr als 1000 Augenpaare blicken gebannt auf das Geschehen unter ihnen. Die zeltartige Dachkonstruktion, das Scheinwerferlicht, die angespannte Stille – wenn man es nicht besser wüsste, könnte man sich fast in einem Zirkus wähnen, wo ein Zauberer gerade zum nächsten Trick ansetzt. In gewisser Hinsicht stimmt das sogar, allerdings sind in diesen Tagen sehr spezielle Magier am Werk. Die Zauberer des Snooker.

Seit Mittwoch duellieren sich die besten Spieler des Planeten bei den German Masters, einem der Top-Events der Szene. Der Andrang ist gewaltig, die Veranstalter rechnen bis Sonntagabend mit insgesamt 20.000 Besuchern. Barry Hearn, der Vorsitzende des Weltverbandes, spricht vom „Woodstock des Snooker“ und einer „Weltrekordkulisse“. Ganz falsch liegt er damit nicht. Denn bei aller Contenance, die der „Gentleman-Sport“ gebietet: Wenn auf einem der fünf Tische besonders kunstvoll eingelocht wird, lässt sich das Berliner Publikum zur Ekstase hinreißen. Beim Snooker heißt das dann: irgendwas zwischen moderatem Applaus und tosendem Beifall.

Keiner bringt die Fan-Seele dabei derart in Wallung wie Ronnie O’Sullivan. In Snooker-Kreisen ist der Engländer ein Superstar. Er gilt als Jahrhunderttalent, vergleichbar mit Sport-Granden wie Tennisprofi Roger Federer oder Basketball-Ikone Michael Jordan. Vom Typ „perfekter Schwiegersohn“ ist der fünfmalige Weltmeister allerdings weit entfernt. Seine Eltern betrieben einen Sex-Shop, sein Vater landete wegen Mordes im Gefängnis. Er selbst hatte mit Depressionen und Suchtproblemen zu kämpfen, und seit Jahren kokettiert er damit, seinen Queue in die Ecke zu stellen. Kurzum: O’Sullivan liefert die große Show – auf und eben auch neben dem Snookertisch.

Die meisten kommen wegen Ronnie o’Sullivan

In Berlin hat er als einziger der 32 Spieler einen eigenen Merchandise-Stand. Im Vergleich zum Vorjahr, als er sich nicht für das Turnier qualifiziert hatte, ist das Medienaufkommen deutlich erhöht. Die englische BBC hat im Foyer des Tempodroms ein kleines TV-Studio installiert.

Nach einem aus seiner Sicht „furchtbaren“ Auftritt beim Masters in London, wo er Mitte Januar im Halbfinale eine 1:6-Demütigung hinnehmen musste, ist O’Sullivan nach Berlin gekommen, um sich zu rehabilitieren. Im Erstrundenspiel gegen Landsmann Mark Davis gelang ihm das eindrucksvoll. Nach verlorenem ersten Frame machte er seinem Spitznamen alle Ehre. „The Rocket“ zündete – und während an den anderen Tischen noch ums Weiterkommen gekämpft wurde, saß O’Sullivan nach 90 Minuten im TV-Sessel der BBC. Sein Fazit nach dem 5:1-Erfolg: „Wenn ich schnell gewinne, dann spiele ich auch gut.“ Eine Einschätzung, die auch auf das 5:0 in der zweiten Runde gegen Joe Perry zutraf. Die Zuschauer, die alterstechnisch größtenteils schon bei Woodstock 1969 dabei sein hätten können, trampelten vor Begeisterung mit den Füßen.

O’Sullivans Tempo ist atemberaubend. Keiner erfasst die Konstellation der Kugeln schneller, keiner versenkt sie so schnell in den Taschen des Tisches wie er. In einer erzkonservativen Sportart wie Snooker, in der die Spieler Stoffhosen, Hemd und Fliege tragen müssen, wirkt sein Stil wie purer Rock ‘n‘ Roll – wild und ungestüm. „Wenn man das Spiel zu ernst nimmt“, sagt O’Sullivan, „dann endet man im Irrenhaus.“

Nicht nur als Spieler, auch als Typ fällt der Mann aus Essex auf im Snooker-Zirkus. Während einige seiner Konkurrenten mit akkurater Konfirmanden-Frisur daherkommen, könnte O’Sullivan mit leicht zerzaustem Haar und Koteletten auch als Mitglied einer Britpop-Band durchgehen. Noch markanter sein Habitus: Andere Snookerspieler wirken beim Warten auf den nächsten Stoß mitunter wie brave Schuljungen. O’Sullivan, ganz in schwarz, überschlagene Beine, erinnert eher an einen Gast in Hugh Hefners Playboy-Mansion. Wo bleibt der nächste Drink?

Einer Ausnahmeerscheinung wie O’Sullivan zum Trotz: Dass sich hierzulande so viele Menschen für Snooker ereifern können, ist bemerkenswert, schließlich gelten die deutschen Sportzuschauer doch als ausgewiesene Erfolgsfans. Ein deutscher Stern ist am von Engländern und Asiaten dominierten Snooker-Himmel aber weit und breit nicht zu sehen.

O’Sullivans Bezwinger im Finale

„Ich bin durch Zufall am TV hängengeblieben“, erzählt Manfred Roh, 66, ein Besucher aus Wilmersdorf. Auf Neugier folgte ein kurzes Regelstudium und die Erkenntnis: „Da steckt die ganz hohe Taktikschule dahinter.“ Christian Krause ging es ähnlich. Er hat die knapp 400 Kilometer lange Anreise aus Rendsburg schon zum dritten Mal auf sich genommen – auch, weil ihn die Atmosphäre beim German Masters begeistert. „Hier herrscht nicht dieses Turnhallenambiente wie bei anderen Turnieren“, findet der 28-Jährige. Für die letzte Prise Eleganz sorgt nicht zuletzt Rolf Kalb. Er kommentiert das Geschehen im Tempodrom für den Spartensender Eurosport, stimmt aber auch die Zuschauer vor Ort ein. Wenn es einen deutschen Snooker-Star gibt, dann ihn. Mit seinen geduldigen Erklärungen hat der 55-Jährige etliche Menschen am TV für das Spiel begeistert. Bei der WM 2014 hörten ihm mehr als eine Million Menschen zu.

Für O’Sullivan ist der Traum vom Sieg in Berlin am Freitagabend geplatzt. In einem dramatischen Match unterlag er seinem Landsmann Shaun Murphy, Spitzname „The Magican“. Beim denkbar knappen 5:4 hatte der Magier schlussendlich die besseren Tricks im Ärmel (und zog am Samstag auch ins heutige Finale ein). „Gegen Shaun zu verlieren, ist keine Schande“, sagte O’Sullivan. Das nächste Turnier kommt bestimmt, und O’Sullivan ist sich seines Status gewiss. Wenn das German Masters das „Woodstock des Snooker“ ist, war O’Sullivan sein Jimi Hendrix.

Und am Ende gewinnt der Weltmeister

Das Finale am Sonntagabend gewann Weltmeister Mark Selby gegen Murphy dann 9:7 und eroberte damit Weltranglistenposition Nummer eins. Vor 2500 Zuschauern im Berliner Tempodrom machte er dabei einen 2:5-Rückstand wett. „Die Fans waren die ganze Woche über fantastisch. Nächstes Jahr komme ich gerne wieder“, sagte der Engländer danach.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.