Interview

Warum Dirk Nowitzki beinahe Handballspieler geworden wäre

Er ist der erfolgreichste deutsche Basketballspieler – und hat in den USA eine Weltkarriere hingelegt. Ein Gespräch mit Dirk Nowitzki über die Schattenseiten des Ruhms, Liebe und den Wert von Luxus.

Foto: nike

Seit 1998 schon spielt Dirk Nowitzki in der amerikanischen Basketball-Profiliga und hat dort so ziemlich alles erreicht, was man erreichen kann. Mit seinem Team, den Dallas Mavericks, wurde er Meister, er selbst wurde zum wertvollsten Spieler der Liga gewählt und zu den zehn erfolgreichsten Korbjägern der Geschichte gehört er obendrein. Nun kommt mit „Nowitzki. Der perfekte Wurf“ ein Dokumentarfilm in die Kinos (Start: 18. September) , für den sich der Franke zwei Jahre lang von Regisseur Sebastian Dehnhardt begleiten ließ. Wir trafen den weltweit gefeierten Ausnahmesportler aus diesem Anlass in Frankfurt zum Interview.

Berliner Morgenpost: Herr Nowitzki, im Film „Nowitzki. Der perfekte Wurf“ erfahren wir, dass Sie beim Bowling nicht der Beste sind, nicht gut kochen können und – laut Präsident Obama – erst recht nicht singen.

Dirk Nowitzki: Was kann ich überhaupt? Ist das die Frage? (lacht)

Zumindest außer „Bälle in Körbchen werfen“, wie Sie selbst so schön sagen.

Nicht viel, das stimmt schon. Sportlich bin ich wohl recht begabt. Aber bei allem anderen eher unbegabt. Das hat sich schon damals in der Schule herauskristallisiert. Auch bei den Sprachen. Sport war für mich immer das einzige, was relativ einfach ging. Alles andere war harte Arbeit.

Basketball war dabei anfangs längst nicht der einzige Sport, oder?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe jahrelang Tennis gespielt und auch Handball. Eine ganze Weile dachte ich, dass es auf eine von diesen beiden Sportarten hinauslaufen wird. Basketball haben meine Mutter und meine Schwester gespielt, das schien mir zunächst eher ein Frauensport zu sein. Aber mit 12 oder 13 Jahren habe ich dann angefangen umzudenken, nicht zuletzt, weil ich damals schon riesengroß für mein Alter war. Mein Cousin hat mich beim ersten Mal zum Training geschleppt – und irgendwie hat es dann gleich riesigen Spaß gemacht. Von dem Moment an war ich infiziert.

Und alles andere war abgemeldet?

Nicht sofort. Ich habe eine ganze Weile alle drei Sportarten gleichzeitig laufen lassen. Meine schulischen Leistungen waren da natürlich dementsprechend. Also habe ich erst mit Handball und dann mit 16 Jahren auch Tennis aufgegeben, um mich nur auf Basketball zu konzentrieren. Im Tennis hätte es sicher nie bis ganz oben gelangt. Aber im Handball hätte ich es schon zu etwas bringen können. Im Endeffekt war die Entscheidung aber sicher die richtige, würde ich sagen.

Können Sie überhaupt an einem Ball vorbeigehen ohne ihn in die Hand zu nehmen?

Das fällt mir schon sehr schwer. Das war schon immer so. Liegt ja auch in der Familie. Meine Mutter hat noch aktiv Basketball gespielt, als ich klein war, und mein Vater war im Handball zumindest noch halb aktiv. Ich bin wirklich in Sporthallen groß geworden und immer irgendeinem Ball hinterhergelaufen, soweit ich mich erinnern kann. Deswegen bin ich sicher, dass der Ball auch nach meiner Karriere noch eine große Rolle spielen wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich nach dem Basketball einfach sage: so, das war es jetzt, nun mache ich etwas vollkommen anderes. Dem Sport werde ich sicher erhalten bleiben, auch wenn ich jetzt noch nicht sagen kann, in welcher Funktion.

Könnten Sie sich denn vorstellen, dann auch nach Deutschland zurückzukehren? Oder wollen Sie aus den USA nicht mehr weg?

Ich fühle mich an beiden Orten wohl. Und meine Frau, die in Schweden groß geworden ist und nun auch schon seit zehn Jahren in den USA lebt, eigentlich auch. Das wird einfach davon abhängen, wo ich nach der Karriere meine Nische finde und was ich dann machen will. Ich habe dann ja noch gute 40 Jahre meines Lebens vor mir. Da habe ich mich noch überhaupt nicht festgelegt, alles ist noch offen.

Sie stehen, daraus machen Sie auch im Film keinen Hehl, eigentlich nicht gerne im Mittelpunkt. Wurde es Ihnen da nicht manchmal zuviel, ständig einen Regisseur samt Kamerateam um sich zu haben?

Nein, die haben das schon ganz gut so gelöst, dass ich auch trotzdem meine Freiheit hatte. Die sind mir nicht ständig in die Unterhose gekrabbelt, sondern waren immer sehr respektvoll. Letztlich fand ich das gar nicht so schlimm, wie ich am Anfang gedacht hatte. Denn als sie mir das Projekt vorgeschlagen haben, war meine erste Reaktion: das mache ich auf keinen Fall. Aber im Nachhinein bin ich ganz froh, dass ich es gemacht habe, denn ich glaube, der Film ist ganz gut geworden.

Welche Vorbehalte hatten Sie denn konkret?

Wir sind ja heute alle so geprägt von diesen Reality-Shows im Fernsehen, und so hatte ich mir das am Anfang vorgestellt. 24 Stunden eine Kamera im Haus, darauf hatte ich keine Lust. Von so etwas bin ich überhaupt kein Fan und schaue mir selbst auch solche Sendung nicht an. Aber wir haben ja über zwei Jahre gedreht; ab und zu waren sie da, aber dann auch wieder weg. Da haben wir einen guten Mittelweg gefunden.

Ihre kleine Tochter ist allerdings im Film nicht zu sehen. War das eine bewusste Grenze, die sie gezogen haben?

Als wir angefangen haben zu filmen gab es sie noch gar nicht. Und sie mitten im Film dann noch einzubauen wollten wir nicht. Wenn sie schon etwas größer gewesen wäre und irgendwie mitgespielt hätte, wäre das vielleicht was anderes gewesen. Aber so lag sie ja nur rum. Ich weiß nicht, ob das für den Film viel Sinn gemacht hätte.

Wie läuft es denn so mit dem Vatersein?

Das macht schon viel Spaß. Ist aber auf jeden Fall auch eine Lebensaufgabe. Die letzte Saison war auch echt eine Herausforderung, mit so einem kleinen Kind zu Hause. Zum Glück ist nachts meistens meine Frau aufgestanden und ich konnte mich noch mal umdrehen. Nach richtig harten Spielen, vor allem wenn sie nicht wie gewünscht gelaufen sind, kommt es schon vor, dass ich nicht vor zwei oder drei Uhr nachts einschlafe. Da kann ich einfach nicht um sechs Uhr wieder aufstehen, wenn ich am nächsten Tag schon wieder Leistung bringen muss. Aber jetzt im Sommer fehlten mir natürlich die Ausreden. Da musste ich dann teilweise morgens mit raus. Kein Wunder, dass ich zum ersten Mal im Leben angefangen habe, Kaffee zu trinken.

Wie sieht es mit der öffentlichen Aufmerksamkeit im Alltag aus? Würden Sie sich manchmal wünschen, mit einer Tarnkappe durchs Leben laufen zu können?

Das wäre schon ab und zu ganz nett. Das Schlimmste, was ich bisher erlebt habe war, als wir 2011 die NBA-Meisterschaft geholt haben. Danach bin ich mit meiner heutigen Frau in den Urlaub gefahren. Wie viele Leute da auf mich zukamen, selbst wenn ich halbnackt am Strand lag und schlief – das war mir doch ein bisschen unangenehm. In dem Moment wäre ich doch gerne ein bisschen kleiner gewesen, am besten mit einer Perücke aufm Kopf. Aber ansonsten ist es natürlich auch schön, erkannt zu werden. Das zeigt ja, dass man dafür respektiert wird, was man geleistet hat.

Werden Sie überhaupt noch irgendwo nicht erkannt?

Das Beste bislang war Australien. Wir hatten damals gerade in den Playoffs in der ersten Runde verloren und ich war richtig schlecht drauf, deswegen wollte ich so weit weg wie möglich und am besten nie mehr über Basketball nachdenken. Da haben mein Coach Holger Geschwindner und ich eine sechswöchige Australienreise gemacht. Und weil die Australier mit Basketball ja nicht so viel am Hut haben, konnte ich völlig unbehelligt durch Sydney laufen. Ich war zwar etwas größer als der Durchschnitt, aber interessiert hat das keinen. Außer natürlich an den Touristen-Hotspots, wo dann viele Amerikaner oder Deutsche waren. Ach, und Malaysia war auch gut. Da haben zwar alle immer gekichert, weil ich acht Meter größer war als alle anderen. Aber da hatten sie von Basketball auch überhaupt keine Ahnung.

Apropos Größe: Ist die eigentlich im Alltag sehr mühsam?

Ach, das geht. Die meisten Hotelbetten sind ja heutzutage zum Glück unten offen, da kann ich die Füße ein bisschen überhängen lassen. Ein kleiner Sportwagen wird mir natürlich zu eng sein. Aber eigentlich finde ich da meinen Weg. Schwieriger war das für mich früher, als ich aufgewachsen bin. Da wurde ich gerade richtig groß und hatte mitunter gerade mal ein Paar Schuhe, dass ich ein Jahr lang draußen zum Spielen genauso anziehen musste wie in der Schule. Das war nicht ganz einfach. Mittlerweile kriegt man ja fast alles in Sondergrößen. Selbst in ganz normalen Läden gibt es oft riesige Shirts für mich. Vor 20 Jahren war das noch undenkbar. Da war meine Garderobe entsprechend eher mau.

Bedauern Sie das mit dem Sportwagen? Oder was ist für Sie Luxus?

Ich habe ein schönes Haus und auch ein schönes Auto. Und ich gehe auch gerne mal gut essen. Aber materielle Dinge brauche ich eigentlich nicht unbedingt, um im Leben glücklich zu sein. Luxus ist für mich Freiheit. Und Freizeit. Mit der Familie zusammen sein können, im Sommer reisen. Solche Dinge genieße ich, denn gerade in der Saison ist der Terminkalender ja jeden Tag voll.

Dass Ihnen das Materielle nicht viel bedeutet, erfährt man auch im Film. Um die Finanzen kümmerte sich lange Ihre Mutter. Was haben Sie für ein Verhältnis zum Geld?

Ich finde es schon sehr schön, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss um Geld. Auch wenn ich mit dem Basketball aufhöre, müsste ich nicht mit 40 Jahren nicht noch einen Job annehmen, den ich gar nicht mag, nur um meine Familie ernähren zu können. Aber mehr hat mir Geld nie bedeutet. Ich habe nie versucht, besonders viel zu horten, oder groß raushängen zu lassen, wieviel ich habe. Ich wollte einfach nur sparen, damit meine Familie den Rest meines Lebens davon gut leben kann. Das ist alles.