Leichtathletik-EM

Kugelstoßer Storl hat die Linie verloren, aber den Titel gewonnen

Der Kugelstoßer David Storl gewinnt bei der Leichtathletik-EM Gold - und hadert mit sich und der 22-Meter-Marke. Der Berliner Robert Harting dominiert die Diskus-Qualifikation und ist Favorit für das Finale.

Foto: Bernd Thissen / dpa/Thissen

Oben auf der Tribüne schüttelte Sven Lang missmutig den Kopf, unten auf der Tartanbahn lag David Storl auf dem Rücken und starrte in den dunkel werdenden Abendhimmel über dem Stadion Letzigrund. Schon wieder ein ungültiger Versuch. Der zweite in Folge schon. Was war bloß los mit dem haushohen Favoriten?

Wer den Zwischenstand im Kugelstoßen der Männer nach drei von sechs Versuchen nicht kannte, hätte leicht meinen können, bei der EM bahne sich ein miserables Resultat für Storl an. Und wer das Tableau kannte, musste sich ebenso wundern: Langs Schützling führte doch mit 55 Zentimetern auf den Zweitplatzierten. Der Grund für des Trainers Verdruss war dessen Lippen abzulesen: „Er versucht’s mit der Brechstange.“

Siegweite im ersten Versuch

Für Haudraufs mag die Devise „Gewalt ist eine Lösung“ gelten – für den weltbesten Kugelstoßer ist sie normalerweise keine Option. Am Ende eines seltsam unemotionalen Abends aber galt es, einen Haken unter den Verlauf des Wettkampfs zu machen. Wie schon 2012 in Helsinki heißt auch in Zürich 2014 der Europameister David Storl.

Seine Siegweite von 21,41 Meter brachte der Titelverteidiger gleich im ersten Versuch zustande. Der zweitplatzierte Spanier Borja Vivas (20,86) und Tomasz Majewski (Polen,20,83) hatten wenig entgegenzusetzen. Zu Storls ersten Worten nach der Gratulation seines Trainers gehörte: „Ich habe schon bessere Wettkämpfe gemacht.“ Da hatten beide längst ihr Lächeln wiedergefunden. Dass der alte und neue Europameister zu seinem eigenen Missfallen unter seinen Möglichkeiten geblieben war, lag sehr offensichtlich an seinem maladen linken Knie. Die Patellasehne bereitet dem 130-Kilo-Hünen schon seit langem Probleme, und als er im dritten Versuch dynamisch das Umspringen probierte, „da habe ich gemerkt, das ich gleich wieder den alten Fehler gemacht habe, und dann zwickt und zieht es“, fügte Storl an, „Das ist aber keine Ausrede dafür, dass ich so meine Linie verloren habe“.

Seine technische Linie – sie war das einzige, was der Gewinner an diesem Abend verlor. Storl ärgerte sich „tierisch“ („Ich wollte es mit Kraft und Gewalt versuchen, das geht aber nicht“), vor allem aber fuchste ihn, dass er nicht einmal in die Nähe der 22-Meter-Marke gekommen war, deren erstmaliges Erreichen er sich fest vorgenommen hatte. Nach den 21,97 Meter, die er vor gut drei Wochen beim Meeting in London als neue persönliche Bestweite gestoßen hatte, „bin ich schon davon ausgegangen, dass ich die 22 hier stoßen kann. Rein vom Physischen her hätte ich das auch schaffen können“. Soweit ist es schon gekommen in der nach wie vor ja noch jungen Karriere des 24-Jährigen, dass ihn das Wie mehr beschäftigt, als dass er gewonnen hat.

Karriere hat an Fahrt gewonnen

Es lohnt, sich Storls Karriere gelegentlich vor Augen zu führen, so rasant wie sie in Fahrt gekommen ist. Seitdem der bullige Chemnitzer mit 15 Jahren vom Mehrkämpfer zum Kugelstoßer umschulte, ist schließlich eine Menge passiert. Über Siege in diversen Nachwuchsklassen mauserte sich Storl rasch zum überragenden Kugelstoßer auf nationaler Ebene, seit 2011 gewann er jedes Jahr den Titel Deutscher Meister. 2011 war es auch, als er als U23-Europameister seinen ersten WM-Titel bei den Erwachsenen gewann. Jünger als der damals 21 Jahre alte Deutsche war nie ein Kugelstoß-Weltmeister.

Überraschend war allenfalls der Zeitpunkt – denn dass der Große (1,98 Meter) mal ein ganz Großer werden würde in der Zunft der Eisenkugelbeweger, das war Fachleuten frühzeitig klar gewesen. „David“, pflegt Trainer Lang (52) zu sagen, „hat einfach das Gefühl für die Kugel.“ Und dazu enorm flinke Beine. Das ist sein Plus gegenüber den Konkurrenten, gerät aber bisweilen zum Handicap. Dann nämlich, wenn Storls Beine für den komplexen Bewegungsablauf zu schnell sind und ihn förmlich über die Ringbegrenzung hinauskatapultieren. Die 22-Meter-Marke, daraus macht das Duo Storl/Lang kein Geheimnis, hat der Weltmeister längst übertroffen. Nur waren es eben dummerweise ungültige Versuche.

„Ich werde noch zwei Tage in Zürich bleiben und mich dann auf meine weiteren Wettkämpfe vorbereiten“, sagte der Europameister am Dienstagabend noch. Er weiß: Beim Istaf in Berlin am 30. August bekommt er es mit unbequemeren Konkurrenten zu tun. Der Amerikaner Joe Kovacs stieß dieses Jahr bereits 22,03 Meter, seine Landsleute Reese Hoffa und Ryan Whiting zählen ebenfalls zur illustren 22-m-Elite.

Ganz stark trumpften am ersten Wettkampftag auch Diskuswerfer Robert Harting, das deutsche Zehnkampf-Trio und die Sprintgarde auf. Alle sechs 100-Meter-Läufer stürmten ins Halbfinale. Als Halbzeit-Spitzenreiter lag Kai Kazmirek von der LG Rhein-Wied mit 4492 Punkten 129 Zähler vor dem zweitplatzierten Weißrussen Andrej Krautschanka. Arthur Abele (Ulm) ist mit 4310 Zählern Dritter. Was Storl jetzt schon hat, will sich Harting am Mittwoch holen. Der Diskus-Olympiasieger aus Berlin machte in der Qualifikation den ersten Schritt zur Titelverteidigung. Mit 67,01 Meter übertraf der 29-Jährige die geforderte Qualifikationsweite um mehr als drei Meter. „Ich fühle mich gut und hundertprozentig fit. Ich hatte aber neue Schuhe an und Probleme, mit meinem linken Fuß den Boden zu fühlen. Ich werde im Finale wohl die Socken ausziehen“, sagte Harting nach seinem Wettbewerb.