Fußball-WM 2014

Lahm und Schweinsteiger melden sich bärenstark zurück

Die zuletzt angreifbaren Führungsspieler des FC Bayern überzeugen im entscheidenden Gruppenspiel gegen die USA. Khedira kommt nicht zum Einsatz. Lahm sagt: „Wir haben ein gutes Spiel gemacht.“

Foto: Hassan Ammar / AP

Philipp Lahm ist nicht der Allergrößte. Das wurde ihm vor dem letzten Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen die USA in Recife ziemlich zum Verhängnis. Der deutsche Kapitän werde so seine Probleme bekommen, hieß es. Für Lahm werde es nun eng.

Durch den starken Regen drohte ja die halbe Stadt abzusaufen, und das Spiel schien gefährdet. Und wie das nun einmal so üblich ist in Zeiten von Social Media, fanden sich schnell ein paar Witzbolde, die meinten, Lahm werde das Wasser schnell bis zum Hals stehen. Lustig war das natürlich ein bisschen: Der Münchner ist 1,70 Meter klein, und da reicht das Wasser eben nun mal zügiger ans Kinn.

Löw vertraut seinem Kapitän

Der Allergrößte war Lahm eigentlich ziemlich lange. Bis, ja bis vor dem letzten Gruppenspiel seines Teams. Der 30-Jährige war im Vorfeld der Partie kritisiert worden, weil er sich entgegen seines Naturells beim 2:2 gegen Ghana einen verhängnisvollen Fehlpass erlaubte. Der Fehlerlose war plötzlich in das Reich der ganz normalen Fußballprofis hinabgestiegen, die auch einmal ein, zwei schwache Spiele im Portfolio haben. Der langjährige Streber im Kader von Bundestrainer Joachim Löw hatte sich also nur eine mäßige Note verdient. Nun forderten allerlei Experten (Ballack, Magath, Daum), Lahm solle doch wieder in seinem natürlichen Lebensraum zurückkehren – die rechte Abwehrseite. Da sei er der Weltbeste, im Mittelfeld schwächele er doch offensichtlich.

Löw allerdings pfiff gegen die USA auf das Gerede. Der 54-Jährie bot Lahm einfach weiter stur im defensiven Mittelfeld auf, und er tat gut daran. Lahm ordnete das Spiel seiner Mannschaft von hinten heraus, trug die Bälle aus der Abwehr nach vorn und zeigte sich in der Offensive agil wie noch nie zuvor bei dieser WM. So ließ er zwei US-Amerikaner mit einem feinen Dribbling am gegnerischen Strafraum aussteigen, steckte durch auf Jerome Boateng, doch dessen Flanke verpasste Thomas Müller in der Mitte.

Lahm: „Ich habe die Debatte mitbekommen“

Löw hat Vertrauen in Lahm. Warum sollte er auch nicht? Lahm hat ihn in den allermeisten Spielen unter seiner Regie seit acht Jahren nicht enttäuscht. Doch Löws Aussitzen der Debatte um seinen Kapitän hatte darüber hinaus einen anderen Grund: Es war auch das Aussitzen einer gesamten Systemdebatte. Für die WM in Brasilien hat Löw eine Idee seines Spiels entworfen, in deren Zentrum ein Dreier-Mittelfeld steht, das sich variabel verschiebt, ballsicher ist und vor allem im Umschaltspiel nach vorn kreative Akzente setzen kann. Lahm ist mit seinen ständigen Häschenhaken und den vielen kurzen Pässen prädestiniert dafür, und bewies das gegen die USA endlich auch.

„Ich habe die Debatte natürlich mitbekommen. Ich lebe ja nicht in einer Blase“, sagte Lahm. „Aber für mich spielt das keine Rolle. Ich habe immer gesagt, dass ich da spielen werde, wo der Trainer es will.“

Schweinsteiger trotzt der knallharten US-Spielweise

An seine Seite stellte Löw diesmal einen Mann, bei dem viele das Wasser ebenfalls schon am Hals haben stehen sehen: Bastian Schweinsteiger. Sami Khedira erhielt dafür eine Verschnaufpause. Schweinsteiger hatte lange als das Herzstück des deutschen Spiels gegolten. Ihn hatte Löw noch bei der WM 2010 seinen „aggressiv leader“ getauft und zwei Jahre später für so unersetzbar gehalten, dass er ihn trotz mangelnder Fitness durch die EM 2012 schleppte. Doch nachdem Löw Sami Khedira gegen Portugal (4:0) und Ghana (2:2) bevorzugt hatte, schien Schweinsteigers Rolle bei seiner wohl letzten WM zu einer Nebenrolle zu verkümmern.

Dass sich aber an seinem Wert für die deutsche Elf nichts geändert hat, zeigte Schweinsteiger gegen die USA. Bundestrainer Löw: „Bastian im Mittelfeld war nötig, um Sami Khedira eine Pause zu geben.“ Dem physischen, bisweilen überharten Spiel der Amerikaner hielt der 29-Jährige mit den mittlerweile graumelierten Schläfen eine Wucht und Aggressivität entgegen, die man ihm nach seiner Knieverletzung und dem weitgehend verpassten Trainingslager in Südtirol nicht zutrauen konnte.

Kroos lobt den Teamkollegen

Schweinsteiger lieferte sich krachende Duell mit dem deutsch-amerikanischen Raubein Jermaine Jones im Mittelfeld, trieb seine Mannschaft immer wieder nach vorn, forderte Bälle und war nicht ohne Grund der meistgefoulte Spieler auf dem Feld.

Als Schweinsteiger in der 76. Minute unter großem Applaus der deutschen Anhänger das Feld für Mario Götze verließ, durfte sich der Münchner offiziell als Gewinn dieser Partie betrachten – ebenso wie Lahm. Toni Kroos sagte: „Basti tut uns einfach gut. Das hat man heute gesehen.“

Lahm lobt die gesamte Mannschaft

Lahm und Schweinsteiger, zwei, die lange als unantastbar galten, zuletzt aber angreifbar waren, haben sich an diesem wasserreichen Tag in Recife freigeschwommen.

Lahm sagte: „Wir habe ein gutes Spiel gemacht. Wir haben besser die Räume dicht gemacht und haben klug nach vorn gespielt.“