Profiboxen

Aus Lebemann Abraham muss wieder ein Weltmeister werden

Am Sonnabend steht Arthur Abraham vor dem wichtigsten Kampf seiner Karriere. Gegen Titelverteidiger Robert Stieglitz ist der Ex-Weltmeister aus Berlin aber nur noch Außenseiter.

Foto: Jens Wolf / dpa/Jens Wolf

Sven Ottke wickelte sich sorgfältig die Bandage um seine Hand. Mit dem Ellenbogen zeigte der Profibox-Weltmeister aus Berlin ans andere Ende der Trainingshalle: „Den Typ mit den schwarzen Handschuhen musst du dir merken, der wird einer.“ Das war im Frühjahr 2004, und Ottke sollte recht behalten. Der „Typ“ wurde sein Nachfolger im Berliner Sauerland-Team.

Zehn Jahre später steht Profiboxer Arthur Abraham nun vor dem wichtigsten Kampf seiner Karriere, bei einer Niederlage wäre es vermutlich sogar sein letzter. Das klingt vertraut – fast zu vertraut. Bisher konnte der mittlerweile 34 Jahre alte Ex-Weltmeister den Kopf immer aus der Schlinge ziehen. Am Sonnabend (ab 22.45 Uhr bei Sat.1) wird das nur gelingen, wenn Abraham wieder zu dem Sportler wird, der er einmal war. Einer, der mit Herz und Kopf boxt, der in mehr als 30 Kämpfen ungeschlagen geblieben war, bis sich seine Einstellung zum Leben langsam aber sicher wandelte.

Gegner in Magdeburg ist Robert Stieglitz, Champion im Super-Mittelgewicht nach Version der World Boxing Organization (WBO). Die Arena ist längst ausverkauft, es ist das dritte Duell der beiden, es steht 1:1. Stieglitz, geboren in Jeisk (Russland), ist für Experten der Favorit. Der 32-Jährige ist hungrig, hat das Geld für ein völlig sorgenfreies Leben noch nicht verdient.

Forsche Gangart im Ferrari

Abraham dagegen ist längst Millionär – und abgesehen von den Klitschko-Brüdern die schillerndste Figur im deutschen Profibox-Geschäft. Warum? Weil er Charisma hat, weil er oft durch spektakuläre Leistungen im Ring in die Schlagzeilen kam. Unvergessen: Die Blutschlacht von Wetzlar 2006. Das WM-Duell gegen den Kolumbianer Edison Miranda bestritt Abraham in acht der zwölf Runden mit mehrfach gebrochenem Unterkiefer. „Ich werde ihn nur noch drei Mal sehen: Ein Mal beim Wiegen, ein Mal beim Kampf und zum dritten Mal, wenn ich ihn danach im Krankenhaus besuche“, hatte Abraham auf Stänkereien vor dem Kampf geantwortet. Später sagte er noch zu dem Kampf, der ihn erst richtig berühmt machte: „Hätte ich gegen jemanden mit doppeltem Kieferbruch verloren, hätte ich meine Karriere sofort beendet und wäre Nachtwächter geworden.“

Es waren aber nicht allein die großen Sprüche, die ihn zum Publikumsliebling werden ließen. Er löste Probleme meist charmant, selbst Ausraster wie ein viel zu schnelles Fahren im schwarzen Ferrari (231 statt erlaubter 80 km/h). Eile tat not, lautete seine fast schon liebenswerte Ausrede, wo doch Trainer Ulli Wegner bei einer Gala geehrt werden sollte und Abrahams viele Termine einfach das pünktliche Losfahren verhindert hätten.

Aber irgendwann verlor er dann das Maß. Wie die Nötigung eines Fahrschülers zeigt, mit anschließendem Gespräch mit dem Fahrlehrer und daraus resultierendem Verlust der „Pappe“. Wenn es schlecht läuft, droht die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU). Derzeit bewegt sich der Boxer mit Chauffeur (oft Bruder Alexander) durch die Lande. Viel Kredit hat Abraham verspielt, nicht nur durch solche Dinge.

Geschäfte mit Likör und Duschgel

Auf dem Weg zur Weltspitze war aus dem Schlumpfboxer einst „König Arthur“ geworden. Seine Schlagkraft wurde vom Boulevard zum „Abrahammer“ stilisiert, seit er im Dezember 2005 in Leipzig den Nigerianer Kingsley Ikeke in Runde fünf bezwang und sich fortan Weltmeister im Mittelgewicht nennen dufte. Zehn Titelverteidigungen folgten. Und dann das sogenannte Super-Six-Turnier der sechs weltbesten Super-Mittelgewichtler. Gerade rechtzeitig, heißt es noch heute, angesichts immer wieder auftauchender Gewichtsprobleme.

Der Aufstieg vom ungeschlagenen Weltmeister im Mittelgewicht zum Protagonisten im Super Six wurde aber zum Rohrkrepierer. Abraham verlor drei von vier Turnierkämpfen. Der Kampf gegen den Briten Carl Froch in Helsinki geriet dabei zur Bankrotterklärung. Ein Tiefpunkt auch für seinen Trainer Ulli Wegner. Dabei hatte der in Finnland alle Register gezogen. Vom aufmunternden Zureden, über aufrüttelnde Sticheleien bis zu Beschimpfungen und Beleidigungen. „Was du machen sollst, macht der.“ Dann wütend: „Hör auf mit dem Scheiß. Der lacht sich halb tot über dich“ und schließlich: „Wovor hast du denn Angst? Du bist feige!“

Feigheit via TV als Vorwurf vor einem Millionenpublikum gegenüber einem jungen Mann, der in Armenien sozialisiert wurde. Der in einer großen Familie lebt, nach festen Regeln, festen moralischen Vorstellungen, wenn auch meist an hiesige Verhältnisse angepasst. Kurzzeitig drohte sogar der Bruch.

Gut für jede Überraschung

Kritiker warfen Abraham und seinem Management Selbstüberschätzung vor. Trainer Wegner, in einem Anflug von Ärger, eher eine „völlig bescheuerte“ Vielzahl von Beschäftigungen. „Arthur hat 21 Jobs, einer davon ist Boxer“, lautet seit geraumer Zeit das Fazit des 71 Jahre alten Coaches. Abraham war, blieb und ist auf jeden Fall auch Geschäftsmann. Und er genießt sein hart erarbeitetes Leben gern.

Seine Jobs? Ein bisschen Immobilien, ein bisschen Möbel, ein wenig Konfektion, eine Beteiligung an einer Likörfabrik, Kontakte zu einer kleinen Fluglinie. In Armenien gibt es sogar Abraham-Duschgel. Wegner schwört trotzdem: „Arthur hat ein Potenzial, von dem viele andere nur träumen können. Wenn er aufhört, schöne Reden zu schwingen, sich stattdessen im Ring opfert, den Schmerz nicht scheut, dann ist er noch absolute Weltklasse!“ Aber nur dann.

„Ich glaube nicht, dass ich nervös bin. Wer nervös ist, kann nicht richtig denken. Ich denke nicht an das, was vorbei ist, und nicht an das, was kommen kann. Ich denke nur an den Kampf“, sagt Abraham nun. Eigentlich die richtige Einstellung. Aber schon etwas zu oft gehört von ihm. „Arthur muss sich entscheiden. Zeigt er Herz, wird er Robert Stieglitz schlagen. Versteckt er sich hinter seiner Doppeldeckung, wird er scheitern.“ Ein wenig Resignation schwingt bei Wegner mit. Sein Schützling ist definitiv noch immer für jede positive Überraschung gut. Aber dazu muss der Boxer den Lebemann verdrängen.