Boxen

Der verordnete Abschied vom Kopfschutz gefällt nicht jedem Boxer

Nach 25 Jahren wird im Boxen wieder ohne Kopfschutz um die Titel gekämpft - größere Schmerzen inklusive. Berlins Weltmeisterschafts-Starter Härtel bezweifelt jedenfalls die angeblichen Vorteile.

Foto: Tatyana / pa/Zenkovich

Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Es tut mehr weh.“ Stefan Härtel, der derzeit erfolgreichste Amateurboxer Berlins, braucht nur vier Worte, um den wohl schmerzhaftesten Unterschied zur Vergangenheit zu erklären. Der 25-Jährige ist amtierender Deutscher Meister und kämpft momentan bei den Weltmeisterschaften in Kasachstan. Dort wird erstmals seit rund 25 Jahren wieder ohne Kopfschutz um die Titel gekämpft.

Einst war der von Aktiven gern auch als „Helm“ bezeichnete Kopfschutz als großer Sicherheits- und Gesundheitsgewinn eingeführt worden, nun haben die Verantwortlichen im Amateurbox-Weltverband Aiba umgedacht. Seit 1. Juni wird wie bei den Profis wieder ohne gekämpft. Die Reaktionen der Aktiven darauf fallen sehr unterschiedlich aus. „Ich weiß nicht, warum es attraktiver sein soll, ohne Helm zu kämpfen. Zugegeben, die Boxer sind für die Leute in der Halle besser zu erkennen. Aber das ist nur ein Randaspekt. Schließlich war die Kampfkleidung in der Regel immer so unterschiedlich, dass man wusste, wer wer ist“, sagt Härtel nach etwa einem Dutzend Kämpfen ohne den gewohnten Kopfschutz.

Der Mittelgewichtler von Lichtenberg 47 sieht eher die Gefahr steigender Verletzungen im Bereich der Augen und glaubt nicht an eine Qualitätssteigerung der Faustduelle. „Es hat sich doch nichts geändert. Wenn ich gewinnen will, muss ich besser treffen. Kondition und Taktik zählen immer noch, egal ob mit oder ohne Helm.“

Aiba will mit Profis konkurrieren

Bei den Deutschen Meisterschaften im September in Oldenburg hatte es in 95 Kämpfen 13 sogenannte Cuts (Platzwunden im Bereich der Augenbrauen) gegeben. Für Jürgen Kyas, den Präsidenten des Deutschen Boxsport-Verbands (DBV), war das „eine erwartete kleine Steigerung zu vergleichbaren Turnieren mit Kopfschutz“. Doch der 63-Jährige hatte eine Erklärung dafür parat. „Die Athleten müssen sich natürlich umstellen. Bisher war der Helm das Polster für eine gewisse Risikobereitschaft. Jetzt müssen sie sich vor allem in Abwehrsituationen geschickter verhalten, schneller reagieren. Das braucht ein bisschen Zeit, ist aber für alle gleich.“

Jack Culcay, 2009 in Mailand letzter deutscher Amateur-Weltmeister und heute Profi im Berliner Sauerland-Team, empfand nach seinem Wechsel ins Lager der Berufsboxer den Wegfall des Helmes als gut. „Der Kopfschutz hat die Sicht beeinträchtigt, und er ist verrutscht, wenn man geschwitzt hat oder getroffen wurde. Ich glaube auch, dass man etwas vorsichtiger wird ohne Helm“, sieht der heute 27-Jährige die neue Entwicklung als den richtigen Weg an. Allerdings benutzen alle Profis einen Helm bei ihren Sparringseinheiten. Jack Culcay: „Wir boxen oft acht, zehn oder zwölf Runden im täglichen Training. Da verringert ein Helm schon die Verletzungsgefahr.“

Auswertung folg nach der WM

DBV-Sportdirektor Michael Müller sieht wesentliche Vorteile darin, „dass sich der Kampfstil mehr dem der Profis angleichen wird“. Und das sei schließlich gewollt. Womit der vermutlich ausschlaggebende Grund für den Verzicht auf den Kopfschutz genannt ist. Die Aiba sieht sich mittelfristig als Konkurrent für die etablierten Profibox-Verbände. Mit der World Series of Boxing (WSB), in der auch Stefan Härtel bereits angetreten ist, hat man ein Betätigungsfeld geschaffen, in dem frei zusammengestellte Staffeln unter Profibedingungen gegeneinander antreten. Also nicht nur ohne Kopfschutz, sondern auch mit freiem Oberkörper. Zusätzlich gibt es, mit geplant steigender Tendenz, Veranstaltungen der APB (Aiba Professional Boxing). Gemeinsames Ziel: Top-Amateure sollen unter Profibedingungen boxen können. Sie werden über die WSB und die Aiba finanziell unterstützt, erhalten Börsen und können sich dennoch für Olympische Spiele qualifizieren.

„Das olympische Boxen muss sich vor dem Profiboxen nicht verstecken“, sagt Jürgen Kyas. „Ich bin überzeugt davon, dass wir in einigen Jahren in der Öffentlichkeit auf Augenhöhe miteinander konkurrieren. Dazu gehört allerdings, sich optisch anzugleichen.“ Eine erste repräsentative Auswertung wird Charles Butler, Chef der medizinischen Kommission der Aiba, nach Beendigung der Welttitelkämpfe in Kasachstan vornehmen.