Champions-League-Finale

Was Europa von Borussia Dortmund lernen kann

Ökonomische Empfehlungen vom Siegeszug des BVB abzuleiten, käme zu früh. Aber eines zeigt sich dennoch: Der Klub kennt seine Grenzen und der Weg aus Krise braucht keine Hybris, sondern Format.

Was das krisengeschüttelte Europa, die an die Fernsehgeräte verbannte Fangemeinde in Madrid und Barcelona zumal, von Borussia Dortmund lernen kann? Es wäre mit Sicherheit zu früh, aus den Erfolgen der vergangenen Jahre und der soliden wirtschaftlichen Lage des Vereins irgendeine ökonomische Empfehlung abzuleiten – mit Ausnahme der Banalität vielleicht, dass man mit Schulden nicht allzu viel Gewinn machen kann.

Diese Lektion hat der BVB als börsennotiertes, in den Neunzigern fast havariertes Unternehmen bitter gelernt. Auch was den möglichst profitablen Umgang mit dem eigenen Erfolg anlangt, ist in Dortmund sicher noch Spielraum nach oben. Da müssen sich die Westfalen, was Umsätze und Erlöse angeht, weit hinter den Kollegen aus Manchester, München oder den spanischen Spitzenklubs anstellen.

Was an diesem Verein taugt also als Vorbild, als Leitidee? Die Bodenständigkeit des Ruhrgebiets vielleicht? Die ist ein folkloristisches Klischee, auch wenn es sie wirklich gibt. Nennen wir es anders: Nennen wir es Format.

Bayerns Vorwurf der Verlogenheit war falsch

Die Saison begann damit, dass die BVB-Führung nach zwei Deutschen Meisterschaften in Folge als Saisonziel nur die Qualifikation für die Champions League ausgab. Prompt posaunte es aus München zurück, soviel falsche Bescheidenheit sei doch verlogen. Das ist ein Missverständnis, das erfolgsverwöhnten Menschen leicht unterläuft. Jahrzehntelange Triumphe führen gern dazu, dass die eigenen Grenzen übersehen oder gleich für inexistent gehalten werden.

Schon die Griechen kannten ein Wort dafür: Hybris. Wer an ihr leidet, verliert den Sinn für die eigene Größe. Oder anders: Er verliert den Sinn für sein Format. Vor dieser Psychopathologie des Erfolgs, die den FC Bayern in seiner Führungsriege vollumfänglich heimgesucht hat, ist Borussia Dortmund weit entfernt.

Sammer und Hoeneß eint der Glaube, man dürfe alles

Es mag schon sein, dass der selbstbewusst herausgebellte Siegeswille eines Matthias Sammer einschüchternd wirkt und am Ende aufs Podest führt. Aber wollen wir das lernen? Wie man einen Gegner niederbrüllt? Wie man ihm hinterrücks die Spieler wegnimmt, ohne ein Wort?

Die Transferpolitik unter Matthias Sammer hat mit Uli Hoeneß’ Steueraffäre eins gemein: Den Glauben, man dürfe das. Man ist ja nicht irgendwer. Man ist der FC Bayern. Manche sagen dazu: „Mia san mia.“ Ich würde es anders nennen: Hybris. Und damit sind wir wieder beim Format, das der an Hybris leidende Mensch eben nicht hat.

Gegen Ende der Saison, die Meisterschaft war längst gelaufen, gab BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke einer Sonntagszeitung ein Interview. Am Ende ging es um das von Uli Hoeneß gern und oft betonte Zwei-Millionen-Darlehen, mit dem die Bayern die Dortmunder in den Neunzigern angeblich vor dem Ruin gerettet haben. Watzke widersprach dieser Darstellung, und dann sagte er einen schönen Satz: „Wenn wir als Borussia Dortmund einem anderen Verein beispringen würden, würden wir das übrigens nicht öffentlich thematisieren.“

Das hat Format.

Was Europa sich vom FC Bayern nicht abgucken sollte