Angeschossen

Wie sich El-Halabi in den Ring zurück boxt

2011 wurde Rola El-Halabi beim Kampf in Berlin niedergeschossen. Nun steigt sie wieder in den Ring - und riskiert den finanziellen Ruin.

Foto: - / dpa

Es war einer jener Abende, die vom Ambiente her nur das Berufsboxen bietet. Knapp 1000 Zuschauer vergnügten sich in der Wetthalle des Pferdesportparks in Karlshorst. Das Bier war preiswert, Würstchen und Buletten ebenfalls. Vip-Gäste durften dennoch auf einen Champagner-Vorrat vertrauen.

Alles lief wie am Schnürchen, sogar Eurosport war live dabei. Ex-Champion Graciano Rocchigiani zog gleich nach dem Kurzzeit-Sieg seines Kurzzeit-Schützlings Selcuk Aydin zu einer anderen Stätte des Vergnügens – und auch Boxpate Ahmed Öner bestieg seinen mattschwarzen Bentley und entschwand in die für die Jahreszeit ausgesprochen laue Nacht. Rola El-Halabi aber blieb.

Sie hatte Großes vor hier in der Hauptstadt. Die gebürtige Libanesin, seit 2004 im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft, wollte ihren WM-Titel verteidigen. Doch gegen 22.40 Uhr drangen Schüsse aus El-Halabis Umkleidekabine. Sie lag da blutüberströmt auf dem Boden. Getroffen von mehreren Schüssen aus einer Pistole – abgegeben von ihrem Stiefvater Hicham El-Halabi.

Mit schwer vorstellbarer Kaltblütigkeit, er wechselte sogar das Magazin, schoss er ihr in die rechte Hand, den linken Fuß, das rechte Knie. Wegen Rolas Liebe zu einem verheirateten Griechen wollte er ihre Karriere zerstören, die er bis Januar 2011 als Manager begleitet hatte.

Dieser Abend in Berlin werde immer ein Teil ihres Lebens sein, sagt die Boxerin, die nun am Sonnabend – 653 Tage nach dem Attentat – in Ulm doch wieder in einen Boxring steigen wird, um gegen die Italienerin Lucia Morelli (33) um die Weltmeistertitel der Verbände WIBA und WBF zu kämpfen.

Berliner Morgenpost:

Haben Sie daran geglaubt, jemals wieder boxen zu können?

Rola El-Halabi:

Am Anfang wollte ich nicht mehr. Doch drei, vier Monate später war klar: Ich starte ein Comeback. Denn so wollte ich mich nicht aus der Boxwelt verabschieden. Ich habe immer gesagt, dass ich auf dem Höhepunkt meiner Karriere aufhören möchte, und der 1. April 2011 war nicht der Höhepunkt. Außerdem möchte ich mit meiner Geschichte eine Botschaft weitergeben.

Und zwar?

Dass du dich von nichts abhalten lassen darfst, egal was dir widerfährt.

Bei Ihrem Comeback kämpfen Sie gleich um die WM. Muten Sie sich nicht zu viel zu?

Erstens bin ich ein ehrlicher Mensch, zweitens ist Boxen ein grundehrlicher Sport, und deshalb will ich den Zuschauern auch kein Schauspiel vorführen. Sie sollen für ihr Geld etwas geboten bekommen. Es muss ein WM-Kampf sein, alles andere hätte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren können.

Und was ist, wenn Sie verlieren?

Darüber denke ich nicht nach. Das darf ich auch nicht, denn ich bin auch mein eigener Veranstalter und hafte als Privatperson. Wenn das schiefgeht ist nicht nur meine Karriere beendet, sondern ich bin auch finanziell ruiniert. Ich habe leider keinen großen Fernsehsender (der Kampf ist nur auf Boxen-heute.de zu sehen – d.R.), der das Duell überträgt. Die Veranstaltung kostet mich aber einen sechsstelligen Betrag. Ich bin also zum Siegen verdammt. Außerdem muss ich Ihnen sagen, dass ein Boxkampf nichts ist im Vergleich zu dem, was ich durchgemacht habe.

Zwei Monate lang saß sie im Rollstuhl, neunmal lag sie auf dem Operationstisch. Anfangs waren sich die Ärzte zunächst nicht einmal sicher, ob sie je wieder würde normal laufen können. Zwölf Narben, eine über den fast kompletten rechten Handrücken, erinnern die Athletin an den Horror.

In einigen Phasen klingt El-Halabis Geschichte, wie sie für Familien mit Migrationshintergrund typisch ist, aber in der Regel stets friedlich gelebt wird. Als Rola 13 Jahre alt war, nahm sie ihr Stiefvater, selbst Kickboxer, mit in das Boxgym in Neu-Ulm. Es war eine völlig neue Welt, denn im Boxring bestimmte sie für jeweils zwei Minuten Rundendauer allein ihr Schicksal. Sonst bestimmt Hicham El-Halabi das gesamte Leben, alles. Familie, Freizeit, Freunde. Einige Zeit war der Sport eine Art Ventil. Als sie den Mut gefasst hatte, ihrem Stiefvater zu sagen, dass er sich nicht mehr in ihr Leben einmischen sollte, gab es einen heftigen Streit.

Hicham El-Halabi sah in Rola offenbar immer noch das Mädchen, das er einmal adoptiert hatte. Sah in ihr wohl auch die Möglichkeit, seine eigenen sportlichen Träume erfüllen zu können. Sicher Ruhm, vielleicht auch Geld. Als sie in der Kabine in Karlshorst vor ihm lag, soll er noch gesagt haben: „Schau, wozu du mich getrieben hast!“

Das Berliner Landgericht sah das anders, sprach von der Absicht „die eigene Tochter zum Krüppel zu schießen“. Das Urteil lautete: Sechs Jahre Haft.

Fürchten Sie sich vor dem Tag, an dem Ihr Stiefvater aus dem Gefängnis entlassen wird?

Der Gedanke hat mich anfangs mächtig gequält. Doch inzwischen gehe ich damit entspannt um. Ich weiß doch noch nicht mal, was morgen passiert, weshalb soll ich mir dann den Kopf zermartern über Dinge, die noch drei, vier Jahre entfernt liegen, die ich nicht beeinflussen kann? Ich gehe morgen über die Straße, und irgendein Gestörter fährt mich über den Haufen… Viele sagten mir, ich solle abwarten, der liebe Gott wird schon seinen Grund haben, warum alles so passiert ist. Ich versuche, aus allem das Beste zu machen. Es gibt für alles etwas Positives, auch wenn es oft erst Monate oder Jahre später eintrifft.

Das Landgericht Berlin verurteilte Ihren Stiefvater zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Empfanden Sie das als gerecht?

Es gibt kein gerecht, auch wenn es acht Jahre oder zehn Jahre, die Höchststrafe, gewesen wären. Der liebe Gott hat irgendwann die gerechte Strafe für ihn.

Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?

Bei der Verhandlung. Davor hatte ich total Schiss, weil ich nicht wusste, wie er reagieren würde. Dreimal habe ich ihn vor Gericht gesehen, er hat mich nie angeschaut. Am Ende der Verhandlung forderte er mich auf, ihn anzusehen, weil er sich entschuldigen möchte, da ihm alles so leid tun würde. Woraufhin ich gesagt habe, dass ich ihm das nicht abnehme. Wenn er die Entschuldigung ernst gemeint hätte, hätte er sie nach der Urteilsverkündung wiederholt, als er das letzte Wort hatte, doch er tat es nicht. Ich war so froh, als die Verhandlungen vorbei waren. Jedes Mal war es ein Gang durch die Hölle.

Werden Sie ihm verzeihen?

Wer weiß, wie es in einigen Jahren aussieht, wenn ich Kinder habe, momentan kann ich mir das nicht vorstellen. Es war ja keine Ohrfeige, die mir mein Vater verpasste, weil ihm eben mal die Hand ausgerutscht ist.

Sie sprechen von Ihrem Vater, dabei ist Ihr Peiniger doch Ihr Stiefvater, der Sie seit 2007 gemanagt hat.

Ich sah ihn nie als Stiefvater, sondern immer als meinen Vater. Er hatte mich adoptiert, wir hatten eine ganz normale Vater-Tochter-Beziehung. Meinen leiblichen Vater habe ich nie kennengelernt. Er verließ meine Mutter, kurz nachdem wir nach Deutschland gekommen waren. Damals war ich eineinhalb Jahre alt. Mein Vater brachte mich auch zum Thai- und Kickboxen und später zum Boxen.

Wird Ihr Freund Costa …

… mit dem ich inzwischen verlobt bin,…

… auch als Zuschauer in der Halle sein? Am 1. April 2011 blieb er dem Kampf fern, weil er Ihren Stiefvater nicht reizen wollte.

Natürlich. Ohne die Liebe zu Costa wäre es mir 1000 Mal schwerer gefallen, wieder ins Leben zurückzufinden.

Haben Sie es inzwischen geschafft?

Streng genommen nicht. Das Leben, was ich vor dem April 2011 geführt habe, gibt es nicht mehr. Überall habe ich Narben. Es war viel schwerer, das Ganze psychisch zu verarbeiten, als das körperliche Leid zu ertragen.

Sind Sie traumatisiert?

Irgendwo schon. Albträume, so wie ich sie in den ersten acht, neun Monaten jede Nacht hatte, habe ich zwar jetzt nicht mehr. Ganz schlimm ist aber, dass ich nachts sehr schreckhaft geworden bin. Wenn es draußen einfach nur knallt, bin ich sofort wach. Demnächst werden wir aufs Land ziehen, in ein schönes Häuschen mit Garten. Da habe ich viel mehr Ruhe, wenn ich vom Training oder von der Arbeit in unserer Bar komme.