Nachruf

Harry Valérien prägte Generationen von Sportfans

TV.Moderator Harry Valérien ist im Alter von 88 Jahren gestorben. „Mister Sportstudio" war Kult bei Zuschauern und Kollegen.

Wenn die Vergangenheit noch einmal lebendig werden könnte, dann würde im "Aktuellen Sportstudio" des ZDF (zu weit zuschauerfreundlicherer Sendezeit!) ein eloquenter Herr sitzen, der seine Gäste wie etwa dem mit Werder Bremen an der Spitze stehenden Stürmer Manfred Burgsmüller oder dem vor einigen Tagen zu Inter Mailand gewechselten Karl-Heinz Rummenigge im gemusterten oder gelben Strickpullover empfängt.

Er würde eher ernst als fröhlich sein, seinen Gegenüber mit bajuwarisch gefärbtem Dialekt in Erklärungsnot bringen oder hartnäckig aus der Reserve locken und mit detaillierten Informationen glänzen. Das "Aktuelle Sportstudio" böte durch ihn noch einen Grund einzuschalten oder länger wach zu bleiben. Es wäre eine lebhafte Sendung.

Doch Harry Valérien war leider schon seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr in der Sendung zu sehen, die er mitbegründet hat. Er starb am Freitagabend im Alter von 88 Jahren.

Randi war die Liebe seines Lebens "Mister Sportstudio" hatte sich in Oberbayern mit ehemaligen Kollegen und Skirennläufern getroffen. Auf der Rückfahrt zu seinem Wohnort am Starnberger See war er auf der Rückbank des Autos eingenickt. Im Schlaf versagte sein großes Herz. An seiner Seite im Fond saß Randi, die Liebe seines Lebens. Als er die norwegische Skirennfahrerin zum ersten Mal sah, stieß er seinen Moderationskollegen Dieter Kürten an und sagte: "Da ist ja meine Frau." Der Gefühlsmensch Valérien spürte, dass sie die Eine war. 1960 haben die beiden tatsächlich geheiratet. Er hinterlässt sie und seine Tochter Tanja. Seine zweite Tochter Laila war 2007 an Brustkrebs gestorben.

Valérien war der vielleicht nonchalanteste Sportmoderator, den das Fernsehen hervor gebracht hat. Er hakte nach, formvollendet im Ton, aber unerbittlich in der Sache. Ein Fachmann insbesondere für Ski alpin, Schwimmen und Golf. Es gab keine Sportart, über die er berichtete, ohne sie selbst ausgeführt zu haben. Legendär wurde sein Duell 1973 gegen den Olympiadritten Werner Lampe. Der 21 Jahre alte Schwimmer ging gegen den auf die 50 zugehende Valérien ins Rennen. Doch der frohgemute Grandseigneur schlug eine Zehntelsekunde vor Lampe an – er war mit Schwimmflossen gestartet.

"Wo samma? Da samma"Nicht nur deswegen war Valérien bei den Zuschauern Kult. Wenn er mal wieder nicht wusste, in welche Kamera er gerade zu schauen hatte, überspielte er das charmant mit einem Ausflug ins Bayerische: "Wo samma? Da samma." Bei seinen Reportagen von der Skipiste hörten die Fernsehzuschauer bei gewagten Läufen der Athleten: "Sappradi, Bursch, pass auf!"

Seine Leidenschaft für den Sport war da in jeder Silbe zu vernehmen. Und es war eine unverbrüchliche Beziehung. Als er 1983 ZDF-Sportchef werden sollte, lehnte er ab. Er wollte lieber Reporter bleiben, dem Puls der Athleten und ihren Adrenalinschüben nahe sein. "Das sagt mir mehr zu als ein Verwaltungsposten", hatte er damals gesagt.

283 Mal moderierte er das Sportstudio

Bei den olympischen Winterspielen 1952 war er der jüngste Redakteur des Bayerischen Rundfunks, bis 1988 hatte er insgesamt 283 Mal das "Aktuelle Sportstudio" moderiert. Allein drei Mal verlieh ihm die Fernsehzeitschrift "Hörzu" die renommierte "Goldene Kamera". "Er war ein Meister des geschliffenen Wortes und auf seine ganz besondere bayerische Art bodenständig und amüsant. Er hatte immer einen festen Standpunkt, den er nie verließ", sagte am Samstag sein Kollege Kürten: "Für Generationen von Journalisten in Funk und Fernsehen war Harry ein Idol."

Der deutsche Sport hat in den vergangenen Tagen einige herausragende Persönlichkeiten verloren. Es musste viel zu früh Abschied genommen werden vom Welthandballer Erhard Wunderlich, 55, und dem ehemaligen Fußball-Nationalspieler Helmut Haller, 73. Mit Harry Valérien ist ein Kenner der beiden hinzu gekommen. Ein großartiger Mensch hat die Bühne des Sports verlassen. "Sappradi, Bursch, pass auf dich auf!"