Kommentar

Die Paralympics waren inszeniert wie nie zuvor

In London gehen die Spiele zu Ende. Sie haben neue Maßstäbe in puncto Medienpräsenz, Zuschauer und Leistungen für alle künftigen gesetzt.

Große Sportveranstaltungen folgen gewöhnlich Spielplänen mit dem gleichen Repertoire. Nur ihre Darsteller sind unterschiedlich, und ihre Inszenierung ist es. So verhält es sich mit Olympischen Spielen, und so hat es die Welt nun auch mit den Paralympischen Spielen erlebt, die am Sonntag zu Ende gehen. Und doch war von Beginn an etwas neu: der Grad der Inszenierung.

In einem teuren Bieterverfahren hatte Channel 4 sich die Fernsehrechte vor der BBC gesichert. Der britische Privatsender bewarb die Veranstaltung mit dem Slogan „Meet the Superhumans“ und stilisierte die Sportler mit Behinderungen so zu Übermenschen. Auf Plakaten posierten nebeneinanderdrapierte britische Sportler mit Prothesen, Arm- und Beinstümpfen, im Rollstuhl oder mit Augenbinde wie eine entschlossene Sportarmada.

Die Paralympics in Großbritannien haben neue Maßstäbe für alle künftigen gesetzt. Nie haben die Spiele der Menschen mit Behinderungen mehr Zuschauer in die Stadien und Hallen gelockt. Noch nie haben sie derart viel mediales Interesse geweckt. Und nie zuvor hat es bessere sportliche Leistungen gegeben als in London.

„Meet the Superhumans“. Sind Sportler mit Behinderungen etwa die besseren Menschen? Die Antwort lautet: nein. Und der Behindertensport tut gut daran, abseits von PR-Kampagnen diesen Anspruch auch gar nicht erst erheben zu wollen. Die Paralympics haben gezeigt, zu was Menschen mit Handicaps in der Lage sind. Die Botschaft dieser Spiele ist, Hoffnung zu haben und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, so groß die körperlichen Nachteile auch sein mögen.

Doch am Ende geht es auch bei Paralympischen Spielen um Gold, Silber, Bronze. Ebenso wenig sind die Paralympics gefeit vor Manipulationen. Sei es durch Erschleichung von Schadensklassen – rund 300 der 4200 Athleten in London wurden überprüft, ob sie einen unfairen Vorteil besitzen – oder durch Doping.

Schließlich hat London 2012 auch sonst vortrefflich illustriert, wie sehr die Annäherung der Athleten mit Behinderung an die Spiele der Nichtbehinderten voranschreitet. Das betrifft zum einen den erwähnten Körperkult, der – ohne es zynisch zu meinen – vor allem ein Kult um besonders leistungsfähige Prothesen ist. Zum anderen haben die zu Ende gehenden Paralympischen Spiele die Debatte darüber befeuert, ob nicht künftig mehr Sportler mit Behinderungen sich mit Nichtbehinderten in Wettkämpfen messen sollten.

Wegbereiter war der doppelt beinamputierte südafrikanische Läufer Oscar Pistorius, der sich das Recht, sich für Olympia qualifizieren zu dürfen, vor Gericht erstritt. Vor einem Monat lief er das olympische 400-Meter-Halbfinale – und leistete der paralympischen Bewegung vorige Woche dann einen Bärendienst. Es ist mehr als eine ironische Fußnote, dass ausgerechnet Pistorius sich nach einer Niederlage über die Prothesen seines Gegners beschwerte. Dabei ist es wichtig, die Dinge unverkrampft zu sehen. Gerade im Sinne des Behindertensports.