40 Jahre danach

Erstes Wiedersehen nach dem Terrorakt von München

Das Attentat von München hat sich in ihre Köpfe gebrannt: Olympiasieger Frenkel und sein israelischer Rivale Ladany erinnern sich zurück.

Foto: Ja

Die in die Jahre gekommenen Männer fallen sich um den Hals. Die Freude ist riesig, als sich Peter Frenkel (73) und Shaul Ladany (76) nach vier Jahrzehnten wiedersehen. Der einstige Weltklassegeher aus der DDR hat seinen israelischen Konkurrenten nach Potsdam zu seiner Fotoausstellung „Ganz fern, ganz nah“ eingeladen, die er anlässlich des 40-jährigen Jubiläums seines Olympiasieges von München veranstaltet. Ohne zu zögern sagt der Professor für Arbeitsingenieurwesen aus Omer sein Kommen zu. Ladany ist einer von zehn israelischen Sportlern, die das Attentat auf die Olympiamannschaft überlebten. Morgenpost Online sprach mit den Sportlern.

Morgenpost Online: Haben Sie sich wiedererkannt?

Shaul Ladany: Peter sieht im Gesicht fast noch so aus wie damals. Und er hat ja auch kaum ein graues Haar.

Peter Frenkel: Du hast aber auch noch fast deine Wettkampffigur.

Ladany: Ich bewege mich noch sehr viel. Aber weißt du, Peter, die 40 Jahre kommen mir überhaupt nicht lang vor. In meinem Kopf sind die damaligen Erinnerungen noch immer so frisch, als hätten wir uns erst vor ein paar Wochen das letzte Mal gesehen.

Frenkel: Mir geht es ähnlich. Weil ich auch oft an München denken muss.

Morgenpost Online: Wegen Ihres Triumphes?

Frenkel: Nicht nur. Natürlich hat sich auch das Attentat unauslöschbar in meinem Gedächtnis eingebrannt.

Ladany: Peter, zu Hause habe ich ein Fotoalbum mit dem Titel „Olympische Spiele von München“. Weißt du, was du dort beim Aufschlagen findest?

Frenkel: Na?

Ladany: Und zwar eine dieser rot-violetten Servietten, die bei der Abschlussfeier bei den Spielen in Mexiko vom Himmel regneten. Ich habe sie mir aufgehoben und ins Buch gelegt.

Frenkel: Ich erinnere mich. Bei den Spielen 1968 sind wir uns das erste Mal begegnet. Gesprochen haben wir aber erst in München das erste Mal, was für DDR-Athleten ein Risiko war.

Ladany: Konnte ich mir denken. Alle Ostblockländer waren ja gegen Israel. Ich bin auch nie bei einem Wettkampf in der DDR gestartet, was ich liebend gern getan hätte. Doch ich wäre bei Euch nicht reingekommen. Dabei wart ihr, du und dein Mannschaftskollege Christoph Höhne…

Frenkel: …der 1968 in Mexiko mit zehn Minuten Vorsprung siegte…

Ladany: …. meine großen Helden.

Frenkel: Du wurdest in Mexiko 32. über 50 Kilometer, ich Zehnter über 20 Kilometer.

Ladany: Stimmt. In München wurde ich 19. Aber weißt du noch, was auf den Servietten stand?

Frenkel: Nein.

Ladany: In verschiedenen Sprachen stand dort „Willkommen in München 1972“ geschrieben.

Morgenpost Online: Mit welchen Gefühlen sind Sie dorthin gereist?

Ladany: Mit gemischten. Ich habe das KZ in Bergen-Belsen überlebt, habe ungefähr 50 Angehörige durch den Holocaust verloren. Ich wusste, mich erwartet ein neues Deutschland. Ich wollte unbedingt nach München, um zu zeigen: Wir sind stolz, hier zu sein, wir sind am Leben und in der Lage, das Beste zu geben. Wir wollten zeigen, dass wir nicht nur Nobelpreise gewinnen können, sondern auch gut sind im Sport. Sport war nie eine jüdische Tradition, Studieren war es eher.

Frenkel: Hattest du wirklich keinerlei Bedenken?

Ladany: Wirklich nicht. Ich glaubte, dass in dieser Zeit Freiheit und Friede vorherrsche, dass nichts Schlimmes passieren würde. Wir wollten auch nur Sport miteinander treiben. Als Israeli im Ausland bist du immer einem gewissen Risiko ausgesetzt. Das ist heute nicht anders als damals. Doch das olympische Dorf strahlte so viel Freundliches und Friedliches aus. Die Pastellfarben, die Blumen – und alles Feindliche und Gewalttätige waren fern. Es war ein sehr schönes Gefühl.

Morgenpost Online: Bis zum Morgen des unheilvollen 5. September.

Ladany: Ungefähr um halb sechs hat mich einer unserer beiden Schützen aus dem Team, der mit mir in der Wohnung 2 in der Connollystraße 31 wohnte, aufgeweckt. Erst kurz vorher war ich eingeschlafen. Ich hatte am 3. September meinen 50-Kilometer-Wettbewerb. Den Tag danach nutzte ich zum Ausspannen. Am Abend war unser ganzes Team im Theater, um sich das Musical „Anatevka“ anzuschauen. In der Pause wurde noch ein Foto von der kompletten Mannschaft auf der Bühne gemacht. Es war das letzte mit allen Lebenden, ich habe es noch. Als wir dann Mitternacht ins Dorf zurückkehrten, fragte mich Ringertrainer Mosche Weinberg, der in Wohnung 1 wohnte, ob ich ihm einen Wecker geben könnte. Insgesamt bewohnten wir fünf zweistöckige Wohnungen, die in einer Reihe standen. Ich bin etwas essen gegangen, habe ihm dann den Wecker gebracht und anschließend bis etwa drei Uhr Zeitungsartikel ausgeschnitten. Erst weit nach drei Uhr bin ich eingeschlafen.

Frenkel: Zwei Stunden später wurdest du aus deinen Träumen gerissen.

Ladany: Mein Teamkollege schüttelte mich und sagte: „Mosche wurde von Arabern getötet.“ Mosche hatte ich meinen Wecker gebracht. Im ersten Moment dachte ich, er macht einen Witz. Mit dem Sportschützen lag ich schon vor vier Jahren in Mexiko auf einem Zimmer, er war der Stimmungsmacher. Beim zweiten Gedanken war mir aber klar, dass er nicht scherzt. Alles was dann passierte habe ich quasi hautnah miterlebt.

Frenkel: Hattest du keine Angst? Zwei von euch wurden gleich erschossen.

Ladany: Das wusste ich am Anfang nicht. Ich bin ins Hauptquartier des Dorfes geflüchtet, ich glaubte, dass die Geiseln befreit werden. Angst, hatte ich ganz ehrlich, auch nicht. Vielleicht bin ich ein wenig verrückt.

Frenkel: Ich habe den Überfall auf euer Haus auch live miterlebt. Wir wohnten ja gegenüber. Vom Balkon konnte ich alles verfolgen. Durch den Krach bin ich auch kurz nach fünf Uhr aufgewacht. Ich habe die vermummten Terroristen gesehen, habe Fotos gemacht. Gegen halb sieben mussten wir dann unsere Sachen packen, weil unser Balkon von schwer bewaffneten Sicherheitsleuten in Beschlag genommen wurde.

Ladany: Die sahen aber aus wie Athleten. Sie trugen Trainingsanzüge, so dass nicht zu erkennen war, dass sie Sicherheitsleute waren.

Frenkel: Auf Befehl mussten wir dann runter in die Garage. Wir sind dann in die Nähe von Neuschwanstein gebracht worden, wo wir uns gut aufgehoben fühlten. Es war dramatisch. Wenn ich daran denke, kriege ich noch immer Gänsehaut. Aber Shaul, du hast ja unheimliches Glück gehabt.

Ladany: Die Terroristen wussten genau, dass in meiner Wohnung zwei Schützen wohnten, die ihre Waffen dabei hatten. Einer der Terroristen arbeitete ja im Planungsbüro des olympischen Dorfes. Deshalb, denke ich, wurden wir nicht attackiert. In einigen Medien wurde ich schon für tot erklärt. Amerikanische Freunde, die zur gleichen Zeit in Norwegen und Dänemark an Wettkämpfen teilnahmen, hatten in Gedanken an mich Schweigemuten eingelegt. Besonders tragisch ist aber, dass bei der Befreiungsaktion von den verantwortlichen Stellen alles nur Denkbare falsch gemacht wurde. Hätten sie sich nicht so amateurhaft angestellt, hätten vielleicht bis auf Weinberg und Josef Romano, die beim nächtlichen Überfall ermordet wurden, alle überlebt.

Frenkel: Einen Tag nach der Gedenkfeier im Olympiastadion bist du mit den anderen Überlebenden zurück nach Israel.

Ladany: Und unten im Flugzeugrumpf befanden sich die Särge mit den elf Toten. Peter, du kannst dir gar nicht vorstellen, was das für ein schreckliches Gefühl war. Ich war aber auch mächtig verärgert über unsere Mannschaftsleitung.

Morgenpost Online: Warum?

Ladany: Ich hatte gebeten, wir sollten nicht abreisen. Denn die Entscheidung uns zurückzuziehen war falsch. Wir haben uns damit den Terroristen gebeugt. Ich war auch der Meinung, dass wir wenigstens unsere Flagge zurücklassen sollten, die mit einem Trauerflor versehen werden und von jemand bei der Abschlussfeier ins Stadion getragen werden sollte. Ich habe mir mit meinen Bitten viel Ärger bei unseren Offiziellen eingehandelt. Es war auch falsch, von unserer Seite die Beendigung der Spiele zu verlangen. Ich war glücklich, als ich hörte, die Spiele gehen weiter.

Frenkel: Hattest du danach mit Deutschland abgeschlossen?

Ladany: Nein, überhaupt nicht, sonst wäre ich auch nicht zu dir gekommen. Ich habe nur mit Deutschen ein Problem, die vom Alter her bei den Naziverbrechen mitgewirkt haben könnten. Die Nazizeit kann ich natürlich nie vergessen, auch München nicht. Doch mit München habe ich meinen Frieden geschlossen. Damit setze ich mich nicht mehr auseinander.

Frenkel: Wann warst du das erste Mal danach wieder in Deutschland?

Ladany: Ich glaube, Ende der 70er- oder Anfang der 80er-Jahre. Damals bin ich mit meiner Frau mit dem Auto durch Deutschland gefahren. In die DDR wollte ich aber vor der Wiedervereinigung nicht kommen, weil ich große Angst hatte, dass mir was passieren würde. Ich wusste, dass sie in Prag einen israelischen Aktivisten in der Moldau gefunden hatten. Die tschechischen Sicherheitsorgane behaupteten, er hätte Selbstmord begangen. Doch meine Informationen waren andere. Ich wollte einfach kein Risiko eingehen, obwohl es mich schon gereizt hat zu sehen, wie es in Ostdeutschland aussieht.

Morgenpost Online: Haben Sie noch einmal das Haus in München besucht, in dem Sie während der Spiele wohnten?

Ladany: Zweimal war ich sogar dort. Ich wollte es unbedingt meiner Frau zeigen. Mit dem Bus sind wir bis kurz vor das olympische Dorf gefahren. Dort haben wir dann eine Frau gefragt, wie wir zur Connollystraße 31 kommen. Sie gab sehr nett Auskunft. Als wir dann dort ankamen, habe ich an der Wohnungstür geklopft, und wissen Sie, wer aufgemacht hat? Dieselbe Frau, die uns den Weg erklärt hatte. Ich habe ihr erzählt, dass ich Mitglied der israelischen Mannschaft war, und ich in dieser Wohnung wohnte. Ich fragte sie dann, ob ich meiner Frau zeigen dürfte, wie es drinnen aussieht. Plötzlich wurde die Frau dann unheimlich böse. Sie sagte kategorisch „Nein“ und schloss sofort wieder die Tür. Wir waren völlig konsterniert. Beim zweiten Mal ging es uns ähnlich.

Frenkel: Manche Deutsche können einfach nicht über ihren Schatten springen. Ich fände es aber gut, wenn bei olympischen Sommerspielen der Opfer gedacht werden würde.

Ladany: Es ist traurig, dass es keine Zeremonie für die Opfer gibt, da das IOC ja immer noch befürchtet, dass dann muslimische Staaten die Spiele boykottieren würden. Ich glaube aber auch, dass die Zuständigen in Israel sich unklug verhalten haben. Wenn sie nach einer Schweigeminute gefragt hätten für alle Opfer der olympischen Familie, und nicht nur für die aus Israel, wäre das dem olympischen Gedanken gerecht geworden. Dann hätte es wahrscheinlich funktioniert.

Morgenpost Online: Glauben Sie denn, das Internationale Olympische Komitee hat sich letztlich erpressen lassen?

Ladany: Die Welt ist eine politische Welt. Leider. Peter, gehst du eigentlich noch?

Frenkel: Nein, das ist für mich abgeschlossen. Ich halte mich allgemein fit.