Boxen

Felix Sturm hält Abraham für keinen Weltklasseboxer

| Lesedauer: 8 Minuten
Gunnar Meinhardt

Im Interview lässt Box-Weltmeister Felix Sturm kein gutes Haar an seinem Erzrivalen und unterstellt dessen Management eine Lüge.

Sieben Tage nach dem Comeback von Arthur Abraham (32) als Weltmeister der WBO im Super-Mittelgewicht wird dessen Erzrivale Felix Sturm (33) zu einer Titelvereinigung in den Ring steigen. Der Mittelgewichts-Champion der WBA stellt sich am Sonnabend in Oberhausen (Sat.1, 22.15 Uhr) dem Australier Daniel Geale (31), der den WM-Gürtel der IBF besitzt. Morgenpost Online sprach mit Sturm.

Morgenpost Online: Herr Sturm, haben Sie den Kampf gegen Geale abgehakt?

Felix Sturm: Wieso?

Morgenpost Online: Weil Sie gesagt haben, Abraham als nächsten boxen zu wollen!

Sturm: Seinen Kampf gegen Robert Stieglitz habe ich nur teilweise gesehen. Ich habe zu spät eingeschaltet, weil ich verpennt habe. Ich muss auch sagen, dass mich der Kampf nicht sonderlich interessierte.

Morgenpost Online: Das verwundert aber angesichts Ihrer Aussage im Vorfeld des Kampfes.

Sturm: Stopp mal: Ich wurde gefragt, ob ich gegen den Sieger boxen würde. Klar, dass ich sage, ich würde das tun. Wenn ich das nicht wollen würde, heißt es, ich kneife. Das ist nicht der Fall, ich kneife vor keinem und erst recht nicht vor Abraham. Dem Thema möchte ich aber mal die Luft nehmen. Abraham hat drei glasklare Niederlagen kassiert. Jetzt haben sie ihn auf dem einfachsten Weg wieder zum Weltmeister gemacht. Gegen die Weltmeister der anderen Verbände, das weiß sein Management, hat er keine Chance. Arthur kann sich noch mal feiern lassen. Er muss nur aufpassen, dass er sich leichte Gegner rauspickt und nicht noch mal solche Kaliber bekommt wie Andre Dirrell, Carl Froch oder Andre Ward. Gegen die war er chancenlos und würde er auch noch mal gnadenlos untergehen. In der Weltspitze des Supermittelgewichts hat Abraham nichts zu suchen, er ist kein Weltklasseboxer.

Morgenpost Online: Unter welchen Bedingungen wären Sie für einen Kampf gegen Abraham bereit?

Sturm: Ganz klar, der Kampf müsste bei meinem Fernsehsender Sat.1 steigen. Ohne Wenn und Aber und ohne Diskussion.

Morgenpost Online: Abraham ist bei der ARD unter Vertrag.

Sturm: Genau das ist das große Problem. Arthurs Manager Wilfried Sauerland weiß doch genau, dass der Kampf deshalb niemals zustande kommen wird. Doch das ist typisch Sauerland. Er macht es immer unseriös. Ich nehme das alles auch nicht mehr ernst, weil ich dessen Vorgehensweise inzwischen kenne. Er bringt den Namen Felix Sturm doch nur ins Spiel, um seinen Arthur zu promoten. Mit meinem Namen gelingt ihm das am besten. Das Thema ist so ausgelutscht. Es interessiert mich einfach nicht mehr.

Morgenpost Online: Herr Sauerland hatte Ihnen aber schon des Öfteren Angebote unterbreitet und versprach, dass künftig weiter zu tun.

Sturm: Wilfried Sauerland ist einfach ein Lügner. Zusammen mit seinem Sohn Kalle haben wir über einen Vereinigungskampf mit Sebastian Sylvester gesprochen. Sie haben versprochen, sich zu melden, sie wollten sogar zu mir nach Köln kommen. Doch ich habe nie wieder einen Ton von denen gehört. Als er ein Angebot wegen Abraham gemacht hat, war ich noch nicht selbstständig, sondern bei Universum unter Vertrag. Mein damaliger Promotor Klaus-Peter Kohl hatte kein Interesse an einem Abraham-Kampf. Das war nicht meine Schuld.

Morgenpost Online: Sie müssten ins Supermittelgewicht aufsteigen, um gegen Abraham zu boxen.

Sturm: Glauben Sie mir, ich bin für alles offen. Für mich wäre das kein Problem. Ob Mittel-, Supermittel- oder sogar Halbschwergewicht, ich kann mir alles vorstellen. Ich habe die Größe und das Gewicht, ich habe noch einige gute Jahre vor mir, wo ich noch einiges ausprobieren kann. Doch erst einmal konzentriere ich mich auf den Kampf gegen Geale.

Morgenpost Online: Der auch deshalb ein besonderer ist, weil Sie sich zum ersten Mal ohne Trainer Fritz Sdunek vorbereiteten.

Sturm: Da musste ich durch. Fritz bereitete ja zur gleichen Zeit Vitali Klitschko in Going auf dessen Titelverteidigung am 8. September in Moskau vor. Ich bin nicht mit nach Österreich gegangen, weil ich in meinem gewohnten Umfeld in Köln bleiben wollte. In meinem Boxgym habe ich alles, was ich brauche. Da fühle ich mich am wohlsten. Außerdem stelle ich mich gern neuen Herausforderungen.

Morgenpost Online: Aber gerade beim Boxen, wo es insbesondere beim Sparring immer an die Schmerzverträglichkeitsgrenze geht, ist doch ein vertrauter Trainer unverzichtbar. Wollen Sie beweisen, dass Sie auch ohne Sdunek Doppelweltmeister werden können?

Sturm: Sicher, viele sehen das als Nachteil an. Aber ich bin seit 22 Jahren im Geschäft. Ich weiß genau, was ich zu tun habe, um fit zu werden, um weltklasse zu boxen. Fritz war fünf Wochen vor dem Kampf bei mir, wir haben alles detailliert durchgesprochen. Beim Sparring war Magomed Schaburow da. Er ist auch ein hervorragender Trainer. Wir kennen uns über 15 Jahre. Er weiß, wie ich ticke. Fritz weiß, dass er sich auf mich verlassen kann. Ich habe ja auch meine Familie und mein Team, die sein Fehlen kompensiert haben. Außerdem habe ich häufig mit Fritz telefoniert, ebenso wie Fritz mit Magomed. Mich motiviert diese Situation zusätzlich. Bei mir wurde doch schon immer viel gezweifelt. Meinen ersten WM-Titel hatte mir auch keiner zugetraut, weil ich mich nur vier Wochen vorbereiten konnte. Oder gegen Oscar de la Hoya glaubte auch keiner, dass ich gewinnen kann. Das unmöglich Erscheinende ist für mich eine wichtige Triebfeder. Klar kann ich jetzt erzählen, was ich will, ob alles aufgegangen ist, werden wir erst am Samstag sehen.

Morgenpost Online: Haben Sie Zweifel?

Sturm: Nullkommanull. Ich bin voller Energie, bin total positiv, freue mich riesig, wieder im Ring zu stehen. So wie ich jetzt drauf bin, boxerisch, konditionell, psychisch, von den Bewegungen her, kann ich in keiner besseren Verfassung sein.

Morgenpost Online: Obwohl Sie wieder unheimlich viel Gewicht machen mussten.

Sturm: Es waren knapp 13 Kilo. Vor zehn Wochen habe ich noch 85 Kilo gewogen. Für mich ist das nichts Dramatisches. Ich bin doch kein Typ wie Arthur Abraham, der in der Vorbereitung Pommes isst und Cola vor laufender Kamera trinkt. Das habe ich noch nie gemacht. Ich bin Vollprofi. Wenn ich ein Ziel vor Augen habe, brauche ich keinen, der mich antreibt. Dann funktioniere ich instinktiv.

Morgenpost Online: Woran machen Sie Ihre Topverfassung fest?

Sturm: Boxerisch hatte ich meine beste Zeit zwischen dem De-la-Hoya-Kampf und 2009, als ich mich selbstständig machte. Danach vernachlässigte ich vieles im Training, fixierte ich mich zu sehr auf die Kraftentwicklung. Jetzt bin ich wieder zu alten Attributen zurückgekehrt, konzentriere mich viel mehr aufs Boxerische – auf die Beinarbeit, Meidbewegungen, Kombinationen, Kontern. Das, was früher für die großen Champions wie Muhammad Ali oder Sugar Ray Leonard und auch für mich gut war, kann ja heute nicht schlecht sein. Darauf habe ich mich besonnen, und es klappt wunderbar. Sie werden es erleben.