Schmiergeldaffäre

Joachim Gauck soll Fifa-Boss Blatter bestrafen

Fifa-Boss Joseph Blatter bekommt Feuer von allen Seiten. Jetzt wollen ihm Politiker das Bundesverdienstkreuz aberkennen.

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Das Bundesverdienstkreuz ist die höchste Anerkennung, die Deutschland für Verdienste um das Gemeinwohl zu vergeben hat. Joseph Blatter (76), Präsident des Weltfußballverbandes Fifa, erhielt den Orden 2006 für seine besonderen Leistungen rund um die Fußball-WM in die Bundesrepublik. Schon damals war die Eignung des skandalumwitterten Schweizers für diese Ehrung umstritten. Nachdem die Staatsanwaltschaft Zug nun die Verwicklung Blatters in die Affäre um Schmiergeldzahlungen des Sportvermarkters ISL an ranghohe Fifa-Funktionäre dokumentiert hat, fordern Politiker die Aberkennung des Verdienstkreuzes. „Sepp Blatter steht für endemische Korruption bei der Fifa. Nachweislich“, sagte der grüne Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer Morgenpost Online. „Deshalb sollte ihm das Bundesverdienstkreuz wieder entzogen werden.“

Auch aus der SPD wurde dieser Ruf laut. „Wenn es dabei bleibt, dass Herr Blatter keine echte Aufklärung der Schmiergeldaffäre will, sollten wir über eine Aberkennung des Bundesverdienstkreuzes nachdenken“, sagte Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann. „Die Schmiergeldzahlungen an Funktionäre der Fifa sind belegt. Und: Herr Blatter hat von diesen Zahlungen gewusst.“

Die Entziehung ist im „Gesetz über Titel, Orden und Ehrenzeichen“ ausdrücklich vorgesehen. „Erweist sich ein Beliehener durch sein Verhalten … der verliehenen Auszeichnung unwürdig oder wird ein solches Verhalten nachträglich bekannt, so kann ihm der Verleihungsberechtigte den Titel oder die Auszeichnung entziehen“, heißt es dort. Der Verleihungsberechtigte ist der Bundespräsident. Die Grüne Viola von Cramon, Mitglied im Sportausschuss des Bundestags, bittet Joachim Gauck deshalb „um eingehende Prüfung“. Schon seit Jahren stehe Blatter im Verdacht, korrupte Geschäfte in seinem Hause betrieben und Straftaten zugelassen zu haben. „Mit der nun zugegebenen Mitwisserschaft in der ISL-Affäre wird dies endlich belegt. Das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben“, sagte Cramon der „Berliner Morgenpost“.

Niersbach hat reines Gewissen

Der Vorsitzende des Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), möchte einer „Entscheidung des Herrn Bundespräsidenten“ zwar nicht vorgreifen. Aber er gehe davon aus, „dass die Berichterstattung über die Korruptionsvorwürfe bei der Fifa nicht nur in sportbegeisterten Kreisen, sondern auch im Bundespräsidialamt gelesen werden“. Wolfgang Neskovic, Justiziar der Linken-Fraktion und ehemaliger Richter am Bundesgerichtshof, sagte, er halte „eine Entziehung der Auszeichnung für zwingend geboten.“ Stephan Mayer (CSU) schließlich forderte das Innenministerium auf, „Blatter deutlich zu verstehen geben, dass Regierung und Öffentlichkeit erwarten, dass nun etwas passiert“.

Am besten schon heute bei der Sitzung des Fifa-Exekutivkomitees. „Die Sitzung ist eigentlich anberaumt worden, um den Reformprozess zu verabschieden. Aber sie ist total überschattet von dem, was jetzt öffentlich geworden ist“, sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach. Auch sein Vorgänger Theo Zwanziger sieht Handlungsbedarf. „Die Informationen beweisen in eindrucksvoller Weise, wie zwingend notwendig der aktuelle Reformprozess bei der Fifa und wie wichtig die Schaffung einer komplett unabhängigen Ethikkommission und eines klaren Ethikreglements ist“, sagte er.

Von Blatters jüngsten Einwurf, es hätte womöglich auch bei der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland Unregelmäßigkeiten gegeben, wollen sich die deutschen Funktionäre auf keinen Fall einschüchtern lassen. „Wenn Sepp Blatter meint, er müsse komische Nebelkerzen werfen, kann er uns damit nicht verwirren“, sagte Niersbach bei Sky Sport News und ergänzte: „Ich bin total gelassen, weil ich ein absolut reines Gewissen habe. Ich war vom ersten Tag dabei bis zur Entscheidung am 6. Juli 2000. Wir haben sauber gearbeitet.“

Auch der langjährige Fifa-Direktor Guido Tognoni hält Blatters Andeutungen für ein „Ablenkungsmanöver“. „Er braucht einen Befreiungsschlag. Aber das ist ein Schuss in den eigenen Fuß, denn alles ist unter Aufsicht von Sepp Blatter geschehen“, sagte der langjährige Mediendirektor im „Morgenmagazin“ der ARD.

Argentinier wird Chefankläger

Nachdem in der Vorwoche Details der Schmiergeldaffäre um den ehemaligen Fifa-Präsidenten Joao Havelange und dessen brasilianischen Landsmann Ricardo Teixeira bekannt wurden, soll ab heute eine Ethik-Abteilung des Weltverbandes in einer juristisch ähnlichen Konstruktion wie beim DFB mit dem Sportgericht und dem Kontrollausschuss arbeiten. Als unabhängiger Chefankläger ist der argentinische Top-Jurist Luis Moreno Ocampo vorgesehen. „Die Tatsache, dass Luis auf der Liste steht, zeigt, wie ernst wir es meinen“, hatte der Schweizer Strafrechtler Mark Pieth, zugleich Vorsitzender der unabhängigen Kommission für Governance bei der Fifa, kürzlich gesagt. Moreno Ocampo (60) war von 2003 bis zum Juni dieses Jahres Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag.

Und auch die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) will sich auf ihrer Sitzung am Wochenende in London mit der Fifa-Affäre beschäftigen. Der Druck auf Blatter, der einen Rücktritt bislang ausschloss, ist somit groß wie nie.