Brink und Reckermann

Beachvolleyball-Erfolgsduo hat „üble Zeiten durchgemacht“

Beachvolleyballstar Julius Brink spricht über Selbstzweifel in der Olympiasaison, körperliche Nachteile und flatternde Aufschläge.

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Das fing nicht gut an. Anders gesagt: Julius Brink und Jonas Reckermann, Deutschlands Top-Beachvolleyballspieler, machten es spannend. Die Weltmeister von 2009 verloren gleich ihren ersten Satz bei dem Weltserien-Turnier in der Berliner Wuhlheide. Mit 19:21 unterlagen die zwei Deutschen den Amerikanern Bradley Keenan und John Mayer zwar äußerst knapp, standen fortan aber unter Druck. Eine Auftaktniederlage vor heimischem Publikum wäre alles andere als ein perfekter Start gewesen.

Am Ende aber setzten sich die Favoriten in dieser Partie durch. Die zweimaligen Europameister Brink/Reckermann gewannen die folgenden beiden Sätze 21:18 und 15:8. „Wir haben etwas schwer ins Spiel gefunden, dann aber das Niveau erreicht, mit dem wir unsere Überlegenheit zum Ausdruck bringen konnten“, sagte Julius Brink, der Abwehrspezialist des Erfolgsduos.

In Berlin wollen sie sich derzeit den entscheidenden Kick für die Olympischen Spiele in London (27. Juli - 12. August) holen. Das Großereignis ist stets ihr Fernziel gewesen, seit sie sich 2009 zu einem Team zusammengefunden hatten. Fast wäre der große Traum jedoch schon vorbei gewesen, noch bevor er überhaupt beginnen kann. Eine Schulterverletzung hatte Zwei-Meter-Mann Jonas Reckermann im April ausgeschaltet – und mit ihm seinen Beachpartner. Deutschlands Medaillenanwärter für London mussten den Saisonstart und danach auch weitere Turniere absagen. Erst Anfang Juni konnten sie bei den Europameisterschaften in Den Haag/Niederlande ihr Comeback geben.

Morgenpost Online: Was für ein Geduldsspiel! Wie groß war Ihre Angst um das Projekt London 2012, als Jonas Reckermann verletzt war?

Julius Brink: Ich habe in der Tat an unserer Olympiateilnahme gezweifelt. Ich konnte ja auch wenig bis gar nichts machen – wir beide haben eine üble Zeit durchgemacht. Unser großes Ziel stand auf der Kippe, und wir waren nicht mehr sicher, ob wir es noch schaffen, eine hohe Spielqualität zu entwickeln. Es waren bittere Momente, zumal wir lange nicht wussten, wie schnell es Jonas besser gehen wird. Wir waren bereit, in die Turniere zu starten – und kurz vorher dann so etwas!

Morgenpost Online: Wie haben Sie sich aufgebaut?

Julius Brink: Jonas und ich verstehen uns ja nicht nur als Zweierteam. Wir haben drei hervorragende Trainer, einen Psychologen und Freunde. Wir sind noch enger zusammengerückt in dieser Zeit, haben den anderen noch näher kennengelernt. Es macht mich stolz, dass wir so ein tolles Team um uns herum haben, von dem wir auf Schultern getragen werden. Da gehören natürlich auch die Ärzte und Physiotherapeuten, die Jonas betreut haben, dazu. Wir haben die Situation alle gemeinsam hervorragend gelöst.

Morgenpost Online: So böse es klingt, aber hat die Verletzung vielleicht ein bisschen einen neuen Spaß zurück gebracht?

Julius Brink: Du machst dir die ganze Arbeit und den Wert des Ganzen auf jeden Fall viel stärker bewusst, wenn das Vorhaben zu scheitern droht. Ich habe eine andere Ernsthaftigkeit entwickelt und wir schöpfen jeden gesunden Trainingstag noch mehr aus, als wir es eh schon tun. Es nagt an dir und du erhältst noch mal einen anderen Blickwinkel auf den Sport, wenn du deiner größten Freude nicht nachgehen kannst und nicht weiß, wie lange das andauert. Und dass es dann wieder bergauf ging – und dann noch mit so einem Riesenerfolg –, war einfach schön.

Morgenpost Online: Sie meinen Ihren überraschenden EM-Titel bei Ihrem Comeback.

Julius Brink: Der Titel war ein absolutes Highlight für uns und unter diesen Umständen ganz besonders wertvoll. Bei dieser Vorgeschichte hatten wir nie daran gedacht, gewinnen zu können. Wir waren aber auch einfach sehr happy darüber, dass wir wieder gemeinsam auf dem Platz stehen konnten.

Morgenpost Online: Dann sollten Sie sich jetzt in Berlin den letzten Kick für die Spiele holen – oder was ist der Plan?

Julius Brink: Berlin als Rückkehrstation der World Tour passt für uns natürlich perfekt. Wir freuen uns total, hier wieder an den Start gehen zu können. Sicherlich können wir uns nicht frei davon machen, dass bald die Spiele beginnen – aber wir haben nach Berlin ja noch Regenerationszeit. Über unsere Fitness mache ich mir jedenfalls überhaupt keine Gedanken.

Morgenpost Online: 2009 wurden Sie Weltmeister, als Sie gerade erst als Team zusammengefunden hatten. Was machen Sie jetzt besser als damals, um auch Olympiasieger werden zu können?

Julius Brink: Wir sind im Aufschlag mittlerweile das beste Team der Welt – den Titel haben wir schon mal sicher. Wir sind jederzeit in der Lage, jeden Gegner von Anfang an unter möglichst große Probleme zu stellen, sein eigenes Spiel zu entwickeln. Genau das war auch unser Ziel: 2012 auf diese Art Beachvolleyball spielen zu können, weil wir gegenüber anderen Teams in körperlichen Dingen unterlegen sind.

Morgenpost Online: Zu den Größten gehören Sie jedenfalls nicht – für einen Beachvolleyballspieler sind Sie mit 1,86m klein. Und selbst Jonas Reckermann gehört mit seinen zwei Metern zum Mittelfeld.

Julius Brink: Die Entwicklungsmöglichkeiten waren recht bescheiden, weil ich ja seit 2009 nicht noch mal ein paar Zentimeter wachsen konnte. Deshalb haben wir versucht, das mit spielerischen Mitteln zu entwickeln, und ich denke, das ist uns gut gelungen. Das zeigt, dass das athletische Niveau mehr und mehr gestiegen ist – auch seit 2009.

Morgenpost Online: Nun werden es für Sie beide nicht die ersten Olympischen Spiele sein. Jonas Reckermann war 2004 dabei, flog im Achtelfinale raus, Sie 2008 in der Vorrunde. Was nehmen Sie von dieser Pleite mit nach London?

Julius Brink: Ich habe in Peking sicherlich eine große Enttäuschung erlebt. Christoph Dieckmann und ich sind unter unseren Möglichkeiten geblieben – wir wären in der Lage gewesen, eine Medaille zu holen. In den vier Jahren ist aber viel passiert, Jonas und ich haben uns weiter entwickelt, fahren dort mit einem anderen Selbstvertrauen hin. Auch die Erfahrung, einmal Olympische Spiele erlebt zu haben, ist ein wichtiger Punkt. Mittlerweile kann ich auch das Positive aus Peking sehen.

Morgenpost Online: Und das wäre?

Julius Brink: Im sportlichen Bereich sehe ich Peking immer noch enttäuschend, aber ich konnte daraus viel lernen. Dieses Großereignis, so verspürte ich es 2008, war für mich der absolute Höhepunkt meiner Karriere. Von dem Gedanken habe ich mich verabschiedet, weil ich weiß, dass auch nach London das Leben weitergeht. Den Gedanken konnte ich in Peking noch nicht entwickeln. Da war wirklich alles auf diese Spiele gerichtet, ein riesiger Traum, der in Erfüllung ging. Und genau das hat ein bisschen die klare, rationale Sicht verklärt. In London wird es eine andere Situation sein. In den vier Jahren bin ich als Athlet gereift – und Jonas sicherlich auch, bei ihm sind es acht Jahre.

Morgenpost Online: Dann sollte es doch gelingen, ihre jeweiligen Olympia-Ergebnisse zu toppen, oder?

Julius Brink: Ja, definitiv! Wir fahren natürlich mit hohen Erwartungen hin. Das machen wir immer so. Ich blicke auf jeden Fall positiv nach London, es gibt aber sechs/sieben Medaillenkandidaten – eine ganz enge Kiste. Die Teams sind im Vergleich zu Peking viel mehr zusammengerückt.

Morgenpost Online: Wie hoch genau sind denn Ihre „hohen Erwartungen“?

Julius Brink: Es ist in erster Linie unser Ziel, uns bestmöglich zu entwickeln. Wir wollen dort ein hohes Niveau abrufen können. Wenn wir es in London schaffen, unsere Qualitäten, die wir definitiv haben, aufs Feld zu bringen, werden wir um die oberen Plätze mitspielen. Ob es zu einer Medaille reicht, ob Gold, Silber oder Bronze – ist schwer zu sagen. Aber klar: Eine Medaille ist immer unser Ziel.