Wimbledon

Berlinerin Lisicki schlägt Top-Favoritin Scharapowa

Lisicki hat in Wimbledon die Nummer eins geschlagen -mit einer 6:4, 6:3-Weltklasse-Vorstellung. Nun gibt es ein deutsches Viertelfinale.

Er wird „verrückter Montag“ (Manic Monday) genannt. Oder auch „wunderbarer Montag“ (Marvellous Monday“. Und genau an diesem größten Tag des Tennisjahres, an dem in Wimbledon alle Stars und Sternchen der Branche im Achtelfinale kämpfen, hat das neue deutsche Fräuleinwunder seine bisher magischsten Momente erlebt und sogar Träume von ersten Grand-Slam-Sieg seit den glorreichen Zeiten von Steffi Graf geweckt.

Erst stürzte Sabine Lisicki die stolze French-Open-Königin und Weltranglisten-Erste Maria Scharapowa mit 6:4, 6:3 aus allen Hoffnungen auf ein Sand/Rasen-Pokaldouble, und dann beendete Angelique Kerber mit einer makellosen 6:1, 6:1-Siegvorstellung die Wimbledon-Karriere von Belgiens Tennis-Mama Kim Clijsters. Was selbst die kühnsten Optimisten vor diesen Offenen Englischen Meisterschaften nicht für möglich gehalten hatten, war auf den grünen Tennisfeldern des All England Club nun wahr geworden: Ein deutsch-deutsches Viertelfinale zwischen Kerber, der Nummer acht der Welt, und Favoritenkillerin Lisicki. Und somit eine garantierte deutsche Halbfinalistin und ganz sicher auch eine deutsche Sieganwärterin auf dem heiligen Rasen an der Church Road.

„Das ist der reinste Wahnsinn. Unfassbar. Superschön“, befand da gerührt Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner, die über die letzten Aufstiegsjahre alle neuen deutschen Tennis-Stars unnachgiebig gefordert, aber auch leidenschaftlich gefördert hatte. Zweimal sind sich Kerber und Lisicki, Fed-Cup-Kolleginnen und Partnerinnen im kommenden Olympia-Doppelwettbewerb, bisher begegnet, beide Male gewann Kerber bei kleineren Turnieren. „Wenn man erst mal auf dem Platz steht, ist es ein Spiel wie jedes andere. Ein Spiel, das du gegen die Spielerin auf der anderen Seite gewinnen willst“, sagte Lisicki.

Es waren zwei Hurra-Erlebnisse der unterschiedlichsten Art, die nicht nur Deutschlands Tennisfreunde an diesem regengrauen, herbstlichen Sommermontag in Entzücken versetzten – die beinahe sagenhafte Courage, mit der Lisicki den Kampf gegen Scharapowa aufnahm. Und die souveräne Brillanz, mit der Top-Ten-Spielerin Kerber die einstmalige Branchenführerin Kim Clijsters nach allen Regeln der Kunst ausspielte. „Die deutschen Frauen sind einfach megastark drauf“, sagte da Basketball-Held Dirk Nowitzki, der als Gast der „Championships“ gerade noch die entscheidenden Punkte bei Lisickis kleiner Tennis-Revolution gegen Scharapowa mitbekam und beim 5:2 im zweiten Satz anrückte, „das war schlicht beeindruckend.“

„Ich habe alles riskiert“

Was vor knapp zwei Jahren mit Andrea Petkovics Achtelfinal-Vorstoß bei den US Open ins Rollen kam, eine weibliche Tennis-Offensive in Schwarz-Rot-Gold, erlebte an diesem 2. Juli 2012 nun eine vorläufige Krönung. Und wie: Als Sabine Lisicki mit einem Matchball-Ass bei zweitem Aufschlag zockte wie einst Boris Becker an diesem ehrwürdigen Tennis-Schauplatz, war schon die bisher größte Sensation im Damenwettbewerb perfekt. Tränenreich sank Lisicki zu Boden, als ihr Vabanquespiel mit dem schönsten denkbaren Ergebnis zu Ende gegangen war, ein emotionaler Ausbruch, der auch den Krisenwochen vor dem Saisonhöhepunkt mit vier Erstrundenniederlagen geschuldet war. „Ich bin einfach voll auf jeden Ball draufgegangen, habe alles riskiert“, sagte die überglückliche Berlinerin, die nun drei Mal in den vergangenen vier Jahren die amtierende Roland-Garros-Siegerin ausgeschaltet hatte – Swetlana Kusnetsowa 2009, Li Na im Vorjahr und nun auch Scharapowa. Mit selbstbewusster Körpersprache, wuchtigen Grundschlägen und kühler Nervenkraft bei den Big Points beherrschte Lisicki die Partie im Stile einer Weltklassespielerin – sie war ganz einfach die bessere Scharapowa.

„Sie hat eine Zuversicht ausgestrahlt, das war schon unmenschlich“, sagte Rittner, die sich an das letzte, knapp verlorene Match von Lisicki gegen Scharapowa bei den Australian Open erinnerte: „Da hat Sabine mir hinterher gesagt: Die packe ich beim nächsten Mal.“ Und genau mit dieser Entschlossenheit und fein dosierten Aggressivität ging die 22-jährige nun auch an ihr Hand-Werk. Nach zwei unglücklich vergebenen Matchbällen schaltete Lisicki einfach noch einmal einen Gang höher, pokerte mit allerhöchstem Einsatz: Zuerst knallte sie einen zweiten Aufschlag ins gegnerische Feld, an den Scharapowa nur mit Not herankam, ihn aber nicht returnieren konnte. Vorteil Lisicki, Matchball drei – und noch einmal diese Alles-oder-Nichts-Attitüde, die große Spieler auszeichnet. Erster Aufschlag ins Aus, doch dann ein zweites Service, das durch die Mitte an Scharapowas Racket vorbeirauscht. „Ich dachte mir einfach: Wer nichts wagt, der gewinnt auch nichts“, sagte Lisicki später, „das ist einfach mein Spiel.“

In solche Bedrängnis geriet Angelique Kerber, die Frontfrau des deutschen Damentennis, nicht einmal annähernd. Ganze 49 Minuten brauchte die tüchtige Kielerin, um den vagen Traum von Kim Clijsters auf den ersten Wimbledon-Titel zu zerstören. Selbst Boris Becker, der alte Held Wimbledons, befand: „Das deutsche Damentennis ist einfach wunderbar. Mit richtig guten Typen.“