Leichtathletik-EM

Diskuswerfer Robert Harting ist neuer Europameister

Der Berliner Athlet Robert Harting hat in Helsinki sein erstes EM-Gold gewonnen. Sein Ziel: Die ersehnte Medaille bei Olympia.

Foto: Bongarts

Als der Diskus in seinem vierten Versuch auf 68,30 Meter gesegelt war, posierte der Berliner Robert Harting bereits siegessicher als Muskelmann. Das sah ein bisschen anders aus als vergangenen Donnerstag beim italienischen Fußballstar Mario Balotelli, zumal der Berliner ja nicht sein Trikot ausgezogen hatte. Man weiß aber spätestens seit seinen WM-Titelgewinnen 2009 und 2011, als er vor Freude und Stolz sogar sein Shirt zerriss, dass Harting sich vor niemandem verstecken muss, was seinen austrainierten Körper angeht.

Der 27 Jahre alte Hüne jedenfalls war sich nach dem vierten Versuch im Medaillenkampf der Leichtathletik-Europameisterschaften in Helsinki schon jetzt sicher, dass keiner seiner Rivalen ihn noch übertreffen würde. Und er behielt Recht. Olympiasieger Gerd Kanter aus Estland kam als Zweiter auf 66,53 Meter. EM-Bronze sicherte sich der Ungar Zoltan Kovago mit 66,42 Meter. Markus Münch von der LG Wedel-Pinneberg erreichte Platz neun und nur 61,25 Meter.

Sieg aus dem vollen Training

„Klasse. Der Titelgewinn wird ihm Rückenwind für die Olympischen Spiele geben“, hofft Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). 2010 in Barcelona hatte Harting den Titel um 40 Zentimeter verpasst und war Vizeeuropameister geworden. Als letzter Deutscher hatte Lars Riedel 1998 in Budapest EM-Gold gewonnen. Der frischgebackene Europameister erklärte nach dem Wettkampf, warum sein Trikot diesmal nicht dran glauben musste: „Dieses Ritual hebe ich mir für London auf. Da will ich das letzte Gold gewinnen, das mir noch in der Sammlung fehlt. Die EM war nur eine Zwischenstation.“ Am kühlen Abend in Helsinki ließ der Berliner den wärmenden Stoff also heil und wechselte das Trikot lieber mit Gerd Kanter. „Mir hat gefallen, was er angehabt hat. Deshalb haben wir uns wie kleine Mädchen benommen und die Sachen getauscht.“

Harting feierte im Olympiastadion den 28. Erfolg in Serie seit 2010, als er bei der EM in Barcelona gegen Piotr Malachowski verlor. Ein Jahr danach hatte er den Polen bei der Heim-WM in Berlin in die Schranken gewiesen. Und nun hat er all seine Konkurrenten mit großem Vorsprung in die Schranken gewiesen und ihnen gezeigt: Er allein ist der große Favorit für die Spiel in London.

Nicht wirklich entspannt war Harting in die Qualifikation gegangen. „Ich hatte es mir leichter vorgestellt“, haderte er nach einer fast schlaflosen Nacht. Zeichen dafür, dass der äußerlich unangreifbar wirkende, bärige Berliner durchaus sehr sensibel ist und sich selbst immer gewaltig unter Druck setzt. Mit 64,88 und 65,49 Meter schaffte der übernächtigte Modellathlet dennoch die besten Weiten. Im verregneten Finale kam er im ersten Versuch mit 63,02 Meter nicht annähernd so weit, ließ sich durch den Ausrutscher aber nicht beunruhigen und ging mit 65,80 Meter in Führung. Nach einem ungültigen Versuch flog dann der Diskus auf die Siegerweite von 68,30 Meter. „Technisch war das nicht besonders gut. Nun habe ich noch fünf Wochen Zeit, um meinen Wurf-Rhythmus zu finden“, sagte Harting selbstkritisch.

Der Topfavorit auf den Olympiasieg hat nach der aus dem vollen Training absolvierten EM nun noch viel zu tun, um in London optimal vorbereitet antreten zu können. „Ich befinde mich im Tal und versuche den Berg hochzuklettern“, sagte Harting. Was in ihm steckt, wenn er seine 129 Kilogramm Körperkraft hinter den Diskus bringen kann, zeigte er schon im Mai zweimal: In Halle landete der Diskus bei 70,31 Meter, beim Sportfest in der tschechischen Stadt Turnov flog er sogar auf 70,66 Meter. Es waren die ersten 70-Meter-Würfe seines Sportlerlebens im Wettkampf. Nach zwei WM-Siegen und dem ersten EM-Titel soll nun die edelste Sportplakette folgen. „Ich will schon komplett sein“, hofft Harting auf eine goldene Stunde am 3. August in London. Dort werden ihm aber seine größte Rivalen, Virgilijus Alekna (Litauen) und Piotr Malachowski, den Fehdehandschuh in den Olympia-Ring werfen.

Es war nicht die einzige außergewöhnliche Leistung eines deutschen Sportlers am Samstagabend. Vor zwei Jahren schien die Karriere von Antje Möldner-Schmidt beendet – eine Lymphzellenerkrankung hatte sie aus der Bahn geworfen. Mit Bronze über 3000 Meter Hindernis meldete sich die 28-Jährige aus Cottbus jetzt eindrucksvoll zurück.

Bronze nach Chemotherapie

„Es ist ein wunderbares Comeback für mich. Das ist das, was ich mir gewünscht hatte“, sagte die deutsche Rekordhalterin überglücklich. In der letzten Kurve lag noch Gesa Felicitas Krause aus Frankfurt auf Rang drei, doch die Läuferin mit der Sonnenbrille schnappte sich ihre Konkurrentin noch und rannte nach 9:36,37 Minuten hinter der Türkin Gülcan Mingir (9:32,96) und der Ukrainerin Switlana Shmidt (9:33,03) über die Ziellinie. Möldner-Schmidt, die 2009 mit 9:18,54 Minuten eine nationale Bestmarke aufgestellt hatte, musste wegen ihrer schweren Erkrankung im Frühjahr und Sommer 2010 pausieren. Ein Tumor in der rechten Schulter hatte operativ entfernt werden müssen, vier kräftezehrende Chemotherapien folgten. Im Oktober 2010 schnürte sie erstmals wieder die Laufschuhe und kämpfte sich 2011 zurück. „Ich war immer davon überzeugt, ich komme wieder“, sagte die dreifache Meisterin.

Die dritte deutsche Medaille glänzte silbern. Noch mehr mit dem Regen zu kämpfen als alle anderen hatten die Stabhochspringerinnen, doch Martina Strutz zeigte sich wetterfest. Die Neubrandenburgerin überflog 4,60 Meter und gewann wie bei der WM im vergangenen Jahr Silber. „Ich hab' auf jeden Fall Spaß gehabt. Ich kenne die Bedingungen von zu Hause in Schwerin“, sagte sie. Gold ging an die höhengleiche Tschechin Jirina Ptacnikova. Die Leverkusenerin Silke Spiegelburg (4,50) wurde von Krämpfen geplagt und war mit ihrem vierten Platz sichtlich unzufrieden: „Ich bin nicht reingekommen, Regen oder Kälte – natürlich ist das nervig.“