Bundesliga

Unter Hertha-Trainer Rehhagel blüht Ben-Hatira auf

| Lesedauer: 6 Minuten

Foto: DPA

Er hatte es nicht leicht, wurde gar als Fehleinkauf gehandelt. Doch zum Endspurt scheint sich Änis Ben-Hatira gefangen zu haben.

Nachdem er zum zweiten Mal zugeschlagen hatte, entlud sich bei Änis Ben-Hatira die gesamte Anspannung der vergangenen Wochen und Monate. Gerade hatte er in fast lässig anmutender Manier, aber doch höchstpräzise den Ball zum 2:0 für Hertha BSC im Tor der TSG 1899 Hoffenheim versenkt, es war sein zweites Tor an diesem Tag. Da nahm er Anlauf, rutschte auf den Knien in Richtung der Berliner Fans und schrie seine ganze Erleichterung heraus.

Rund eine halbe Stunde später stand der 23-Jährige erneut im Mittelpunkt. Mit seinen Mitspielern war er in die Ostkurve geeilt. Auf der blauen Laufbahn führte er den Zug der feiernden Profis an. Und schnappte sich das Megaphon, welches die Spieler nach großen Siegen immer benutzen, und richtete ein paar Worte an die euphorischen Fans: „Noch ist nichts geschafft, es sind noch zwei Spiele“. Dann aber entluden sich auch bei ihm die Emotionen, „Ha Ho He“ brüllte er in das Mikrophon, worauf ihm die Kurve natürlich antwortete: „Hertha BSC.“ Ben-Hatira, daran konnte an diesem Nachmittag kein Zweifel bestehen, war mit seinem Doppelpack der Held des Tages bei Herthas vorerst rettendem 3:1 gegen Hoffenheim. Und ist nach dem bitteren Ausfall von Stürmer-Talent Pierre-Michel Lasogga (siehe Text links) zur Offensivhoffnung der Berliner in den kommenden Relegationsspielen aufgestiegen.

Neuer Trainer, neue Kraft

Kein Wunder also, dass er erstmals seit seiner Rückkehr nach Berlin den Vorsänger in der Ostkurve geben durfte.

So ausgelassen hatte man den in der Öffentlichkeit meist recht ruhigen Ben-Hatira allerdings lange nicht gesehen. Was nicht nur an den schlechten Resultaten seiner Mannschaft lag. Über Wochen galt er als prominentester Fehleinkauf, er war abgetaucht und stand zwischenzeitlich nicht einmal mehr im Kader. Jetzt aber durfte er sich endlich wieder feiern lassen.

Wobei: So ganz geheuer war ihm das alles nicht, der Dialog mit den Fans blieb der einzige emotionale Ausbruch. „Jetzt geht es ja erst richtig los“, betonte er etwas später vor TV-Kameras, und wahrscheinlich war der 23-Jährige sodann froh, dass er mit seinen Ausführungen vor den Journalisten nicht mehr weiter kam – er wurde von den Dopingjägern zum Probe gebeten. Sonst wäre er natürlich wieder gefragt worden über seine Gefühle, und natürlich nach seiner Schwester, und wie sehr er gelitten hatte damals.

Rückblick: Im November war Ben-Hatiras Schwester Ines in Neukölln brutal überfallen und ausgeraubt worden. Sie hatte sich noch bis nach Hause in den Wedding geschleppt, es blieben zum Glück keine bleibenden Schäden. Und doch hat das Erlebnis dem gebürtigen Berliner Angst gemacht. „Meine Familie ist mein ein und alles. Ich konnte nächtelang nicht schlafen. Ich hatte immer die Bilder im Kopf, wie sie wohl geschlagen wurde“, sagte Ben-Hatira erst Wochen nach der Tat, bis heute spricht er nur äußerst selten und vor allem ungern über die Geschehnisse. Er weiß, dass „diese Erfahrung immer im Unterbewusstsein bleiben wird, nicht nur bei ihr, auch bei mir.“

Sportlich brach er vollkommen ein, und auch sonst zog er sich zurück. Von seinem vielumjubelten Einstand gegen den 1. FC Köln, bei dem ihm gleich zwei sehenswerte Torvorlagen gelungen waren, blieb nichts mehr übrig. Der Verein unterstützte ihn in der schwierigen Zeit an allen Ecken und Enden. „Das war seinerzeit eine Selbstverständlichkeit, wenn einer unserer Spieler in Schwierigkeiten ist, helfen wir ihm“, betonte Manager Michael Preetz nach der Partie noch einmal.

Großer Verdienst des Trainerteams

Jetzt, im Endspurt der Saison, zahlt es Ben-Hatira mit stetig steigenden Leistungen zurück. Über den Überfall spricht er bis heute nicht, er ist ein Familienmensch, schockiert von dieser sinnfreien Brutalität. Und doch scheint er den Vorfall mehr und mehr verdrängen zu können, von Woche zu Woche agiert er präziser. „Er ist in den letzten Wochen mit großem Engagement und Einsatzwillen vorangegangen“, lobte Preetz.

Das ist sicher auch ein Verdienst des Trainerteams, das ihm konsequent und behutsam die Verantwortung auf dem Platz zurückgegeben hat. Ben-Hatiras Rückkehr zu guten Leistungen begann just in dem Moment, da Otto Rehhagel das Team übernahm. Hatten viele Kritiker geunkt, der 73 Jahre alte Coach könne womöglich mit der Generation Torun und Ben-Hatira nichts anfangen und umgekehrt genauso, scheint der Altmeister in seinem Schützling neue Kraft entlockt zu haben. „Ein großes Lob an Trainer und Co-Trainer, sie wussten unter welchem Druck wir standen, aber sie haben uns immer beruhigt, egal was da draußen los war“, schwärmt Ben-Hatira.

Mit seinen beiden Toren hat er Hertha – bildlich gesprochen – am Leben erhalten. Für ihn, der im Wedding groß wurde und einst zu der berüchtigten Straßen-Fußballer Gang um Ashkan Dejagah, den Boateng-Brüdern und Patrick Ebert gehörte, ist es natürlich ein ganz besonderes Anliegen, Hertha weiter in der Bundesliga zu wissen. Nur wenige Minuten vor Ende der Wechselfrist hatten die Berliner den Transfer vom Hamburger SV klargemacht. „Ich war froh, für den HSV spielen zu dürfen. Aber ich wollte unbedingt zurück in meine Heimatstadt“, sagt er. Es wird gegen Düsseldorf auch an ihm sein zu verhindern, dass ihn dieser Weg in die Zweite Liga führt.

( Martin Kleinemas )