Champions-League

Bayern glaubt an historischen Sieg im eigenen Stadion

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Julien Wolff

Nach dem 3:1 gegen Real Madrid wollen sich die Bayern jetzt den nächsten Traum erfüllen – den vom Titelgewinn in der Champions League.

Einmal noch musste Mario Gomez schnell sein in dieser magischen Nacht. Der Stürmer wollte vom Bankett des FC Bayern im Hotel „Westin Palace“ durch die Lobby auf sein Zimmer gehen, doch das war schwierig. Die Münchner Fans hatten sie in eine Partyzone verwandelt. Alle drängten auf ein Foto, einen Handschlag, einen Schulterklopfer. Gomez strahlte, war aber auch müde, und bevor er gegen 1.30 Uhr schnellen Schrittes den Fahrstuhl erreichte, brachte ein Mann in Lederhosen die Emotionen auf den Punkt. „Des war scho geil heut, oder Mario?“ Gomez nickte. „Kann man so sagen.“

Zwei Stunden zuvor hatte der Rekordmeister das Halbfinalrückspiel der Champions League bei Real Madrid 3:1 im Elfmeterschießen gewonnen (1:2, 1:2, Hinspiel: 2:1). Es war eine sportliche Schlacht, ein Kampf über rund drei Stunden. „Das war das Spiel der Spiele“, sagte Vereinspräsident Uli Hoeneß.

Die Münchner haben sich ihren Traum erfüllt: Sie sind beim Finale im eigenen Stadion am 19. Mai dabei, das hat noch keine Mannschaft geschafft. Am Donnerstagmittag begrüßten rund 300 Flughafenmitarbeiter die Mannschaft in München. Sie hatten einen roten Teppich für die Spieler ausgelegt und verteilten Lebkuchenherzen, auf denen „Finale dahoam“ stand. „Der FC Bayern gehört jetzt zu den Großen der Welt“, so Hoeneß. Er war lange nicht so stolz. Fernsehsender zeigten die Partie in beinahe allen Ländern, „da wird das Image des FC Bayern in die Welt getragen“. Der Titelgewinn wäre die Krönung seines Lebenswerks. „Wir haben schon eine überragende Saison gespielt. Jetzt brauchen wir einen Titel, um es rund zu machen. Ich glaube, das wird uns gelingen“, so Hoeneß.

Gegner im Endspiel ist der FC Chelsea, der sich im Halbfinale gegen den FC Barcelona durchgesetzt hat. Nach dem zweiten Scheitern in der Meisterschaft in Folge verwandelt der Sieg bei Real die Frustration der Bayern in große Vorfreude. „Ich bin seit 1974 mit dem FC Bayern verbandelt und habe kein so intensives und emotionales Spiel erlebt“, sagte Klubchef Karl-Heinz Rummenigge. Er verglich den Sieg mit dem der deutschen Nationalmannschaft im Halbfinale der Weltmeisterschaft 1982 über Frankreich (8:7 nach Elfmeterschießen). „Solche Spiele sind in die Geschichtsbücher eingegangen.“

Alaba als jüngster von vielen Helden

An diesem Abend waren alle Bayern Helden – drei besonders große. David Alaba ist der jüngste von ihnen. Der 19-Jährige erlebte zunächst einen Albtraum, als er einen Schuss von Angel di Maria versehentlich mit der Hand blockte und der Schiedsrichter auf Elfmeter entschied. Cristiano Ronaldo traf (6. Minute) und schoss auch das 2:0 (14.), doch Alaba ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Arjen Robben traf nach Pepes Foul an Gomez per Strafstoß zum Anschluss (27.), im Elfmeterschießen trat Alaba als Erster an – und traf. 75.000 Real-Fans im Stadion gegen ihn, trotzdem schoss er so abgeklärt, als hätte er so wenig zu verlieren wie bei einem Spiel gegen Freunde auf der Playstation. „Der Trainer fragte, ob ich als Erster schieße. Da habe ich gesagt: ‚Passt!'“, so Alaba.

Das Talent aus Wien war nervenstärker als die Real-Stars Ronaldo und Kaka, die an Bayern-Torwart Neuer scheiterten. Und als Sergio Ramos, der über das Tor schoss. Die Bayern führten nach einem weiteren Treffer von Gomez bereits 2:0, als Toni Kroos und Philipp Lahm ebenfalls scheiterten. „Ich dachte, ich sterbe“, sagte Hoeneß. Und er habe gedacht: Was machst du mit den ganzen Finalkarten, die du für deine Bekannten besorgt hast?

Doch für Madrid traf lediglich Xabi Alonso – und den letzten und entscheidenden Elfmeter nutzte Bastian Schweinsteiger. Ausgerechnet Schweinsteiger, der seit der Jugend für die Münchner spielt und quasi bayrisches Kulturgut ist, wie Weißbier und Brezeln. Er hat zwei Weltmeisterschaften und beinahe 300 Spieler für seinen Verein hinter sich – hier war aber auch er nervös: „Ich hab kurz vor meinem Elfmeter meine Eier vergessen oder verloren, aber sie rechtzeitig wiedergefunden“, sagte der 27-Jährige grinsend.

Die Spieler tobten danach über den Rasen. Sie zogen die Trikots aus, sie liefen, sie sprangen, sie wälzten sich am Boden, sie brüllten, sie wussten nicht wohin mit ihrer Freude. Jeder lustige Kindergeburtstag ist im Vergleich zu diesen Szenen eine verkrampfte Veranstaltung. „Nur geküsst haben wir uns nicht“, so Gomez.

Dante neu, dafür geht Olic

Besonders oft bedankten er und seine Kollegen sich bei Neuer. Er hat gezeigt, warum ihn der Rekordmeister im Sommer für rund 25 Millionen Euro von Schalke 04 gekauft hat. „Ich war wie in einer anderen Welt. Wir hatten den Willen und sind glücklich“, so der Nationaltorhüter. Rummenigge sagte, er liebe Neuer. Nach dem Spiel kam Real-Präsident Florentino Perez zu ihm und sagte, Neuer sei der beste Torwart der Welt.

Als der Bayern-Schlussmann mit der Mannschaft vor der Fankurve feierte, kam Jupp Heynckes dazu. Der Architekt des Erfolgs, der taktisch alles richtig machte. Er ließ in beiden Spielen gegen Real Thomas Müller draußen, setzte auf Luiz Gustavo und Schweinsteiger – und vor allem traf er in den Ansprachen den richtigen Ton. „Ich habe meinen Spieler gesagt: ‚Ihr müsst cool bleiben'“, so Heynckes. Anfang des Jahres gab es Spekulationen um seine Zukunft und Kritik. Heynckes hat sich aus der Krise gekämpft – und neckte seinen Freund Hoeneß. Ramos Elfmeter über das Tor, „das war wie Uli damals in Belgrad“.

Dass Stürmer Ivica Olic im Sommer nach Wolfsburg wechselt und Verteidiger Dante von Borussia Mönchengladbach kommt, waren am Donnerstag nur Randnotizen. Die Bayern wollen sich jetzt den nächsten Traum erfüllen – den vom Sieg in der Champions League.