Klaus Fischer

"Huntelaar ist ein bisschen besser als Gomez"

Klaus Fischer, zweitbester Torschütze der Bundesliga-Geschichte, spricht mit Morgenpost Online über seine beiden Nachfolger Mario Gomez und Klaas-Jan Huntelaar.

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Selbst in seiner Erholungspause trifft Mario Gomez. Ursprünglich hatte der Stürmer des FC Bayern München im Spiel gegen Hannover 96 Kraft für den Saisonendspurt sammeln sollen, doch als sich die Kollegen schwer taten, brachte Trainer Jupp Heynckes seinen Premiumangreifer in der 61. Minute – und acht Minuten später gelang ihm das vorentscheidende Tor zum 2:0 . Ohne diesen Treffer hätte Gomez (23 Tore) seinen ersten Platz in der Torschützenliste mit Klaas-Jan Huntelaar (22 Tore) teilen müssen – der Schalker traf beim 2:0 gegen Bayer Leverkusen zweimal . Zusammen 45 Tore nach 27 Spieltagen hatten zuletzt Ailton (Werder Bremen, 25) und Roy Makaay (FC Bayern, 20) in der Saison 2003/2004. Gomez und Huntelaar liefern sich ein ebenso erbittertes wie hochklassiges Duell um die Trophäe des Torschützenkönigs. Die gewann Klaus Fischer 1976 mit 29 Treffern. Der Niederbayer mit Schalker Herz ist begeistert von seinen Nachfolgern.

Morgenpost Online: Herr Fischer, wer wird Torschützenkönig?

Klaus Fischer: Gute Frage. Das kann derzeit wohl niemand voraussehen, die beiden treffen ja wie verrückt. Es sind noch sieben Spiele, da werden die beiden garantiert noch einen Haufen Tore schießen. Sie werden allerdings derzeit auch sensationell mit Flanken und Vorlagen gefüttert von ihren Kollegen.

Morgenpost Online: Wer ist besser?

Fischer: Beide sind Weltklassestürmer. Ich glaube aber, dass Huntelaar noch ein bisschen beweglicher ist. Er ist ständig unterwegs und arbeitet enorm viel mit. Ich habe ihn nach dem Leverkusen-Spiel noch getroffen und gedroht.

Morgenpost Online: Gedroht?

Fischer: Ich hab gesagt: „Junge, nun wird es Zeit, dass du Schluss machst. Sonst brichst du noch meinen Rekord.“ Ich wurde 1976 ja Torschützenkönig mit 29 Saisontreffern – das hat seither kein Schalker mehr geschafft. Wir haben herzlich gelacht. Natürlich wünsche ich ihm, dass er öfter trifft als ich und Schalke in die Champions League schießt.

Morgenpost Online: Was ist Huntelaar für ein Typ?

Fischer: Ein feiner Kerl. Locker drauf, ein ehrlicher Junge. Ich mag ihn.

Morgenpost Online: Was zeichnet ihn als Stürmer aus?

Fischer: Zum einen ist er jemand, der heiß ist auf Tore. Das hört sich erst einmal simpel an, ist aber die wohl wichtigste Gabe eines Stürmers. Du musst unbedingt treffen wollen, egal, ob es wehtut. Er kann zudem mit beiden Beinen schießen und ist kopfballstark, er kann also quasi aus jeder Lage zum Abschluss kommen. Das verbindet ihn übrigens mit Gomez. Das ist auch einer, der mit links, rechts und mit dem Kopf trifft. Der verwertet auch jeden Ball. Zudem haben sich die beiden einen wichtigen Vorteil erarbeitet.

Morgenpost Online: Welchen?

Fischer: Ihre Mannschaftskollegen arbeiten für sie. Sie wissen, dass da vorn einer ist, der die Dinger reinmacht. Also wagen sie immer wieder die Anspiele nach vorn. Wenn dieses Vertrauen nicht da ist, suchen die Mittelfeldspieler öfter selbst den Abschluss.

Morgenpost Online: Wer ist wichtiger für seine Mannschaft: Huntelaar oder Gomez?

Fischer: Wenn ein Stürmer nach 27 Spieltagen 22 beziehungsweise 23 Tore auf dem Konto hat, ist er für seine Mannschaft nicht mit Gold aufzuwiegen. Natürlich sind beide nahezu unentbehrlich für ihre Klubs. Wenn wir es genau betrachten, ist Huntelaar vielleicht noch einen Tick wichtiger für Schalke als Gomez für die Bayern. Weil die Qualität hinter der Spitze bei den Münchnern ein bisschen größer ist. Die haben mit Ribery, Robben, Kroos, Müller und Schweinsteiger Spieler, die auch jederzeit treffen können. Das ist der Unterschied, warum der FC Bayern um die Meisterschaft mitspielt und Schalke um die Champions-League-Plätze.

Morgenpost Online: Huntelaars Vertrag läuft 2013 aus, Schalke will unbedingt mit ihm verlängern. Im Raum steht ein Gehalt von bis zu sieben Millionen Euro. Ist das vernünftig?

Fischer: Der Markt gibt das ja her. Spieler von der Kategorie Huntelaar verdienen heute nun mal so viel. Das war bei uns doch auch so: Wer über 20 Tore schießt, kann sich seine Vereine nun mal aussuchen. Aber Schalke hat einen großen Vorteil, ihn zu halten: Huntelaar fühlt sich hier wohl, und er hat es nicht weit in seine Heimat Holland. Er war vorher bei Real Madrid , beim AC Mailand und ist dort nicht gut zurecht gekommen. Hier läuft es perfekt für ihn, und das ist für einen Fußballspieler natürlich sehr wichtig. Nur wer sich wohl fühlt, kann auch gute Leistung abrufen.

Morgenpost Online: Aber können die chronisch klammen Schalker sich ihn noch weiter leisten? Das neue Gehalt dürfte an der Schmerzgrenze liegen.

Fischer: Schalke sollte alles tun, Huntelaar zu halten, auch wenn es finanziell wehtut. Aber so einen Stürmer wie ihn, einen echten Torjäger, den kannst du dir ja nicht eben mal schnitzen. Der ist unbezahlbar. Wenn du ihn abgibst, musst du Ersatz finden. Aber wie viele Stürmer dieser Klasse gibt es? Und wie viele davon würden nach Schalke kommen? Nein, Huntelaar muss auf jeden Fall gehalten werden.

Morgenpost Online: Bei der Europameisterschaft werden Mario Gomez und Klaas-Jan Huntelaar im Vorrundenspiel Deutschland gegen die Niederlande aufeinandertreffen.

Fischer: Ein tolles Spiel, bei dem die Besten der Welt aufeinandertreffen. Da entscheidet die Tagesform, wer sich durchsetzt.

Morgenpost Online: Wenn Gomez denn spielt…

Fischer: Ja, das ist ja das Verrückte. Der Bundestrainer wird ja wohl auf Miroslav Klose setzen. Und ich verstehe Löw: Klose hat bei Welt- und Europameisterschaften bewiesen, dass er auf diesem Niveau Topleistungen abrufen kann. Dass er auf ihn setzt, ist doch klar. Das ist zwar bitter für Gomez, aber ich bin sicher, dass auch er seine Chance bekommen wird.