Mats Hummels

"Das Gezocke von vielen Beratern kann ich nicht ab"

Dortmunds Abwehrchef Mats Hummels spielte 13 Jahre für den FC Bayern. Er spricht mit Morgenpost Online über Rivalität, Sticheleien, die EM und seinen Vater.

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Ehe Mats Hummels, 23, in Dortmund zum Nationalspieler aufstieg, spielte er 13 Jahre für Bayern München. Den Wechsel hat er nie bereut, wie er im Interview mit Morgenpost Online erklärt.

Morgenpost Online: Hatten Sie sich den FC Bayern als Gegner im DFB-Pokal-Finale gewünscht?

Mats Hummels: Es ist das Traumfinale, auch ohne meine spezielle Biographie. Da treffen die beiden besten deutschen Mannschaften aufeinander. Jeder wünscht sich dieses Spiel, weil sich die Teams, die auch um die Meisterschaft spielen, dann noch einmal direkt in einem Endspiel gegenüberstehen, in dem wahrscheinlich dann die beste Mannschaft gewinnen wird. Das ist genau das, was ich mir auch als Fußballfan wünschen würde.

Morgenpost Online: Sind die Bayern denn die bessere Mannschaft, sie behaupten das zumindest von sich?

Hummels: Sie waren es ja auch über Jahrzehnte hinweg und gehören zurzeit auch wieder zu den besten Teams. Wir hatten in der vergangenen Saison am Ende zehn Punkte Vorsprung auf die Bayern, in der laufenden Saison sind wir fünf Punkte vorn. Deswegen wissen wir, dass wir mindestens auf Augenhöhe sind. Aber natürlich kann sich das ganz schnell auch wieder ändern.

Morgenpost Online: Sie haben gesagt, dass Dortmund auf einigen Positionen besser besetzt sei als die Bayern , was zu heftigen Kommentaren aus dem Süden geführt hatte. Wissen Sie als Ex-Münchener denn nicht, dass die Bayern in Deutschland das Monopol auf selbstbewusste Aussagen haben?

Hummels: Ich fand es interessant, dass mir die Aussage, wir seien auf vier bis fünf Positionen besser besetzt als die Bayern, als Stichelei ausgelegt worden ist. Einige Bayern-Fans haben mich deswegen als arrogant bezeichnet. Dabei heißt es doch nichts anderes, als dass die Bayern immer noch auf sechs bis sieben Positionen besser besetzt sind als wir. Wenn hingegen die Bayern behaupten, dass sie auf jeder Position besser besetzt seien als wir, dann soll das als ganz normale Aussage gelten. Da wird schon viel Mist erzählt.

Morgenpost Online: Warum spielen die Bayern denn derzeit den besseren Fußball im Vergleich zu Dortmund?

Hummels: Weil es immer ein Tagesgeschäft ist. Und weil es natürlich auch mit den Gegnern zusammen hängt. Man kann es den Bayern auch schwerer machen als es ihnen in einigen Spielen zuletzt gemacht worden ist. Im Halbfinale gegen Gladbach war das auch zu sehen. Aber klar ist: Die Bayern haben zuletzt einen fast perfekten Fußball an den Tag gelegt, weil sie auch nicht allzu viel zugelassen haben.

Morgenpost Online: Der BVB war in den vergangenen Wochen zwar ebenfalls erfolgreich, aber spielerisch kaum überzeugend.

Hummels: Wir haben in den vergangenen Wochen nicht mehr so viele Chancen kreiert. Wir verpassen es zurzeit, die Überlegenheit, die wir nach wie vor haben, auch in deutliche Führungen umzuwandeln. Die Bayern führen schnell mal mit zwei, drei Toren. Uns gelang das zuletzt nicht. Deshalb entwickeln sich etwas zähere Spiele. Aber das kann sich auch sehr schnell wieder ändern. Keine Mannschaft kann die Gegner über 34 Spieltage an die Wand spielen. Weder wir, noch die Bayern.

Morgenpost Online: Oder fehlt dem BVB einfach nur Mario Götze?

Hummels: Natürlich freuen wir uns, wenn Mario bald wieder dabei ist. Aber ich denke, wenn man 25 von 27 möglichen Punkten in der Rückrunde holt und ins Pokalfinale einzieht , ist das immer noch ein hohes Niveau. Außerdem hatten wir auch mit Mario Spiele, in denen es zäh war. Das ist völlig unabhängig davon, ob uns einzelne Spieler fehlen. Wir bringen immer noch eine hervorragende Mannschaft auf den Platz.

Morgenpost Online: Hilft Ihnen in schwierigen Phasen der im Vergleich zu den Bayern etwas defensivere Ansatz, um auch dann zu punkten, wenn es spielerisch mal nicht läuft?

Hummels: Das Spiel gegen den Ball ist das wichtigste. Das haben die Bayern mittlerweile auch erkannt. Wenn Toni Kroos nach dem Halbfinale in Gladbach sagt, sie hätten viel besser verteidigt als in den beiden Ligaspielen gegen Gladbach, deutet das daraufhin, dass sie daran gearbeitet haben, eine stabilere Defensive zu bekommen. Die ist der Grundstein dafür, dass sie jetzt wieder besser spielen. Spiele werden in der Regel gewonnen, weil man dem Gegner so wenig Chancen lässt, dass er den Glauben daran verliert, noch etwas holen zu können.



Morgenpost Online: Hätten Sie persönlich damit gerechnet, dass der BVB den großen Erfolg der vergangenen Saison mit dem souveränen Gewinn der Meisterschaft wiederholen kann?

Hummels: Das Wichtigste ist, eben nicht damit zu rechnen, dass so etwas wiederholbar ist. Wer vor einem Spiel denkt, heute wird es locker, hat keine Chance. Das Niveau ist so ausgeglichen, gegen jede Mannschaft benötigten wir einen guten Tag. Gegen Spitzenteams wie Bayern und Gladbach sogar einen richtig guten. Deshalb wussten wir, dass wir auch schnell in der Tabelle wieder abrutschen können. Wir sind nicht so vermessen zu sagen, dass wir in den kommenden Jahren immer unter den ersten Drei landen werden. Jedes Jahr ist ein neuer Kampf.

Morgenpost Online: Einige gegnerische Trainer empfehlen ihren Spielern mittlerweile, Sie besonders früh zu attackieren, weil Sie der heimliche Spielmacher des BVB seien. Hat Sie das überrascht?

Hummels: Zu Anfang ja. Aber ich bin auch ein bisschen stolz. Ich kenne keinen anderen Innenverteidiger, gegen den so vorgegangen wird. Vielleicht kommt das in den kommenden Jahren ja ein bisschen mehr in Mode. Aber für mich ist das ein Kompliment, auch wenn ich deshalb vielleicht nicht mehr ganz so viel Fußball spielen kann wie ich eigentlich möchte.

Morgenpost Online: Sie kämpfen bei der EM mit Per Mertesacker, Holger Badstuber und eventuell auch Jerome Boateng um zwei Plätze in der Innenverteidigung. Glauben Sie, dass Sie es auf Sicht in der Nationalelf einfacher gehabt hätten, wenn Sie bei Bayern München geblieben wären?

Hummels: Wenn ich dann dort auch gespielt hätte, wäre das sicher so. Holger Badstuber zum Beispiel hat eine Saison Bundesliga gespielt und war dann bei der WM 2010 dabei. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon zweieinhalb Jahre Bundesliga und die U21 hinter mir. Ich habe auch gute Leistung gebracht, aber beim Tabellendreizehnten und -sechsten, wo es nicht so aufgefallen ist. Das ist eben so. Aber mittlerweile ist es mir egal, weil ich es eben auf eine andere Art und Weise geschafft habe.

Morgenpost Online: Hätten Sie im Januar 2008, als Sie von München nach Dortmund gewechselt sind, damit gerechnet?

Hummels: Ich bin schon davon ausgegangen, weil ich eben auch ein gutes Selbstvertrauen habe, dass ich hier Stammspieler werden kann. Aber dass wir so eine gute Mannschaft bekommen würden, war zum damaligen Zeitpunkt überhaupt nicht absehbar.

Morgenpost Online: Zuletzt hatte sich der Berater von Robert Lewandowski öffentlich über das neue Vertragsangebot beschwert und gefordert, dass sein Klient zukünftig zu den „bestbezahlten Fußballern“ gehören solle. Stört er den BVB-Frieden?

Hummels: Für mich geht es immer nur darum, ob ich persönlich zufrieden bin. Wenn ein anderer mehr verdienen sollte, ist das für ihn wunderschön. Ich glaube nur, dass es wichtig ist, solche Dinge nicht an die Öffentlichkeit zu tragen. Dieses Gezocke von vielen Beratern kann ich sowieso nicht ab. Deshalb macht das bei mir auch mein Vater.

Morgenpost Online: Hermann Hummels, Ihr Vater, war früher Jugendtrainer bei den Bayern. Hat er sich mittlerweile von dem Gedanken verabschiedet, Sie noch mal nach München zu holen?

Hummels: Er weiß natürlich auch, dass Bayern weiterhin der größte Verein in Deutschland sein wird. Auch wenn wir ein bisschen aufgeholt haben, ändert sich daran in den kommenden Jahren rein gar nichts. Aber mein Vater weiß auch, dass ich meine Entscheidungen immer selbst treffe. Mit 19 habe ich aus dem Bauch heraus entschieden, nach Dortmund zu gehen. Die Meinung meines Vaters ist mir wichtig, aber der einzig relevante Gedanke ist letztlich mein eigener.