Rosige Zukunft

Hannover 96 zeigt den Krisenklubs, wie es geht

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Lars Gartenschläger

Nach dem Tod von Robert Enke und dem drohenden Abstieg 2010 hat sich Hannover 96 berappelt und überzeugt jetzt in der Bundesliga und in der Europa League.

Es ist beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit Hannover 96 derzeit seine Aufgaben erledigt. Nur fünf Tage ist es her, da zerlegten die Niedersachsen Standard Lüttich mit 4:0 und zogen ins Viertelfinale der Europa League ein. Der größte internationale Erfolg des Vereins war damit perfekt.

Am Sonntagabend hatte Hannover 96 den 1. FC Köln zu Gast und schickte diesen ohne große Mühe mit einem 4:1 wieder heim. Während sich die Niedersachsen stolz auf die Schulter klopfen können, weil es bemerkenswert ist, wie sie in aller Regelmäßigkeit auf dem Platz auftreten, täten die Kölner gut daran, das Spiel nicht einfach so abzuhaken.

Bei ihrer Analyse sollten sie aber nicht nur auf ihre Fehler im Spiel achten, sondern mal an das große Ganze denken. An ihren Gegner vom Sonntag, der übrigens nicht nur ihnen, sondern auch der Konkurrenz im Norden mit diesem Spiel gezeigt hat, wohin der Weg führen kann, wenn man nicht nur auf dem Platz grundsolide agiert, sondern auch in der Führungsebene.

Allergrößter Respekt

Was Hannover in den vergangenen Monaten auf die Beine gestellt hat, verdient den allergrößten Respekt. Mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln und Fußballern, die bis zu ihrer Verpflichtung wohl nur Insider kannten, macht Hannover Eindruck.

In einer Schockstarre hatten sie sich in Hannover befunden, nachdem sich ihr Nationaltorhüter und Leistungsträger Robert Enke im November 2009 das Leben genommen hatte. Die Trauer war groß, die sportlich Not später auch. Der Abstieg drohte und wurde am Ende mit viel Kampf und Leidenschaft gerade noch so verhindert.

Doch im Anschluss an den Klassenerhalt traf Hannover die richtigen Entscheidungen. Trainer Mirko Slomka, der im Winter 2010 gekommen und mit sechs Niederlagen gestartet war, und Sportdirektor Jörg Schmadtke ist es gelungen, eine Mannschaft zu formen. Bei ihr ist zu erkennen, das sie weiß, was zu tun ist.

Mit einem Plan zum Erfolg

Das Team hat einen Plan, wie ihn die Verantwortlichen auch haben. Und das, obwohl man Slomka und Schmadtke noch heute nachsagt, dass sie nicht das beste Verhältnis haben. Aber vielleicht liegt darin ja auch der Grund für den Erfolg. Warum müssen sie denn gute Freunde sein, wenn Reibung in ihrem Fall scheinbar viel sachdienlicher ist.

Mit Spielern wie Emanuel Pogatetz, Moritz Stoppelkamp, Lars Stindl und Ron-Robert Zieler haben sie die Mannschaft 2010 gezielt verstärkt. Zudem wurden Talente wie Konstantin Rausch und Manuel Schmiedebach ins Profiteam integriert.

Jan Schlaudraff , der vom FC Bayern München gekommen und in Hannover mangels Einsatz auf der Tribüne gelandet war, erlebt inzwischen seinen zweiten Frühling. Mitspieler und Trainer haben ihm klargemacht, dass er nur Erfolg haben wird, wenn er sich mit einbringt und für das Team arbeitet. Inzwischen ist Schlaudraff einer der Besten.

Zwei Asse, die stechen

Dazu haben sie im Sturm noch zwei Asse, die regelmäßig stechen. Mohamad Abdellaoue und Mame Diouf, der erst im Januar von Manchester United gekommen war, sind Garanten für den Erfolg der Niedersachsen. Gegen Köln machte Diouf den Unterschied aus, nachdem er in der 46. Minute eingewechselt wurde und zwei Tore erzielte.

Hannover hat dem 1. FC Köln gezeigt, wie es funktionieren kann. Einer Mannschaft, bei der die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit seit Jahren groß ist. Da werden reihenweise Trainer verschlissen, zuletzt sogar Sportdirektoren und zudem Spieler geholt für die die Erste Liga offenbar eine Nummer zu groß ist.

Torjäger Lukas Podolski und Torwart Michael Rensing mal ausgenommen. Doch zurück zu Erfreulicherem. So ganz nebenbei schickt sich Hannover auch noch an, die Kräfteverhältnisse im Norden ein stückweit neu zu ordnen.

Kreative Lösungen

Werder Bremen und der Hamburger SV haben zwar weitaus mehr Erfolge vorzuweisen als Hannover, der VfL Wolfsburg einen weitaus größeren Finanzspielraum. Aber Hannover schlägt den Rivalen aus Niedersachsen seit einiger Zeit mittels Kreativität und findigen Lösungen.

Und Werder wie der HSV tun sich in Zeiten, in denen auch sie nur beschränkte finanzielle Möglichkeiten haben, seit Monaten schwer. Wenn es Hannover 96, gelingt, die gute Arbeit in den kommenden Monaten zu bestätigen, steht dem Meister von 1938 und 1954 eine gute Zukunft bevor.