Boxen

Wladimir Klitschko ist jetzt besser als Ali und Tyson

Box-Weltmeister Wladimir Klitschko führt den wehr- und hilflosen Jean-Marc Mormeck vor. Mit seinem 50. Knockout im 60. Kampf übertrifft der 35-Jährige zwei Legenden.

Jean-Paul Belmondo hatte es eilig. Der Grandseigneur des französischen Films wollte die Urteilsverkündung gar nicht erst abwarten, und das musste er auch nicht. Was er in gut zehn Minuten aus der ersten Reihe gesehen hatte, genügte ihm zur Meinungsbildung. Schließlich hat der 79 Jahre alte Leinwandstar früher selbst geboxt, bevor er ins Schauspielfach wechselte.

Sichtlich beschämt über das, was sein Landsmann Jean-Marc Mormeck (39) geboten hatte, verließ der einstige Draufgänger auf eine Gehilfe gestützt kurz vor Mitternacht die Düsseldorfer Fußballarena. Äußern wollte er sich zum Erlebten nicht. Es ist ihm nicht zu verdenken, dass er den Mantel des Schweigens über Mormecks K.o. nach 72 Sekunden in Runde vier hüllte.


Mormecks Strategie "geschickt verhindert"

Gutes ließe sich über den Mann aus Paris ohnehin nicht sagen. Als echter Herausforderer für Wladimir Klitschko (35) hatte er sich nicht erwiesen, auch wenn der Titelverteidiger versuchte, ihn selbst nach dem ungleichen Duell noch stark zu reden: „Mormecks Strategie war, mich müde zu machen. Doch das habe ich geschickt verhindert.“

Der körperlich unterlegene Rivale erwies sich als wehrloses Opfer, das sein Heil nur darin suchte, über die Runden zu kommen , um seine Börse von einer halben Million Euro unbeschadet heimzubringen. So entpuppte er sich aber wenigstens als Idealbesetzung für die perfekte Inszenierung von Klitschkos Jubiläums-K.o.-Sieg, zu der selbst der schwerkranke Alex Stout aus San Francisco eingeflogen worden war. Der 14 Jahre alte Teenager („Der schönste Tag meines Lebens“) leidet unter der Stoffwechselkrankheit Mukoviszidose. Mit herzzerreißendem Lächeln hatte er einen von Wladimirs drei WM-Gürteln in die Arena getragen.

Problemloser hätte der Champion der World Boxing Association (WBA), World Boxing Organization (WBO) und der Internationalen Boxing Federation (IBF) in seinem 60. Profikampf nicht zum 50. vorzeitigen Erfolg kommen können. Angeblich sei er einmal von Mormeck am linken Auge getroffen worden, „weshalb es ein wenig brennt“, sagte Klitschko grinsend.

Egal, eine stolze Visitenkarte ist es allemal, die der jüngere Klitschko-Bruder vorweisen kann. Nicht einmal Muhammad Ali (61 Kämpfe – 56 Siege – 37 K.o) oder Mike Tyson (58 – 50 – 44) schafften das in ihren Karrieren, obwohl auch sie häufig gegen Rivalen aus der Kategorie „Fallobst“ gekämpft hatten.

Trainerlegende Ulli Wegner empfand Klitschkos Kampf als Farce. „Das war doch eine Frechheit“, echauffierte sich der Meistermacher. Auch Luan Krasniqi, der Fernsehexperte und frühere Europameister, und sprach von einem Vergleich ohne sportlichen Wert, „der einer Hinrichtung glich“.

Wladimir Klitschko können derartige Auffassungen egal sein, solange er durch zu einseitige Kämpfe nicht öffentlich nicht an Zuspruch einbüßt. Besorgt braucht er darum genauso wenig zu sein wie Bruder Vitali (40) als Weltmeister des World Boxing Council (WBC).


Events mit Kultcharakter

Ihre Kampfabende, die jeweils bis zu zehn Millionen Euro in die Kasse ihrer Klitschko Management Group (KMG) spülen sollen, haben sich längst als Events mit Kultcharakter etabliert, bei denen es auch ums Boxen geht.

Selbst die skandalösen Vorfälle vor zwei Wochen rund um den WM-Kampf von Vitali gegen den britischen Rüpel Dereck Chisora hält die Anhänger nicht vom Pilgergang zu den Klitschkos ab.

Zum fünften Mal hintereinander schaffte es Wladimir, ein Fußballstadion zu füllen. 50 000 waren es in Düsseldorf, die bis zu 692 Euro für ein VIP-Ticket inklusive Aftershowparty bezahlten. Vor den Fernsehschirmen saßen über 12 Millionen Zuschauer. Haussender RTL kann über die permanenten Traumquoten der Klitschkos glücklich sein.


"Den Markt leer geboxt"

Daran wird sich nichts ändern, das ist sicher. Auch wenn es immer schwieriger wird, ernst zu nehmende Widersacher für die K.o.-Könige aus der Ukraine zu finden, denen keiner nachsagen kann, dass sie vor irgendeinem Gegner kneifen. Das erkennt sogar Marco Huck an. Respektvoll sagt er: „Den Klitschkos ist es nicht vorzuwerfen, dass sie den Markt so leer geboxt haben.“

Nach seinem erstaunlichen Schwergewichtsdebüt voriges Wochenende gegen den Russen Alexander Powetkin wäre der Wegner-Schützling durchaus ein reizvoller Konkurrent. Er kündigt schon mal an: „Wenn ich die Chance bekommen sollte, werde ich mich ganz sicher nicht so peinlich verkaufen wie Mormeck.“ Vor dem Duell mit einem der Klitschkos muss er sich diese Woche aber erst einmal entscheiden, ob er nun ins Schwergewicht wechselt oder weiter im Cruisergewicht seinen WBO-Titel verteidigt.


Nächster Kampf im Juli

Wladimirs Rückkehr in den Ring ist für den 7. oder 14. Juli geplant. Die Pflichtverteidigung des IBF-Gürtels gegen Tony Thompson steht an. Jenen US-Boy hatte er bereits vor vier Jahren k.o. geschlagen.

Je nach dem wie schnell Vitali seine Schulterverletzung auskuriert, wird er entweder am 2. Juni oder im September zur nächsten Titelverteidigung schreiten. Die PR-Maschinerie für seinen Wunschgegner David Haye läuft bereits auf Hochtouren. Dass das britische Großmaul vor acht Monaten von Wladimir düpiert wurde, interessiert dabei nicht.

Noch verweigert KMG-Manager Bernd Bönte dem Kampf seine Zustimmung. Hayes finanzielle Forderungen seien zu absurd. Zwei Millionen britische Pfund (etwa 2,4 Millionen Euro) plus die Hälfte der Pay-Per-View-Einnahmen beansprucht der ehemalige WBA-Weltmeister. Beide Seiten werden sich gewiss einigen können, schließlich muss die Show weitergehen.