Schalke 04

Und plötzlich ist ein Raul nicht mehr unersetzbar

Bei Schalkes Fan-Liebling Raul stehen die Zeichen auf Abschied. Der Bundesliga-Klub bietet dem Spanier nur noch einen Einjahresvertrag an.

Foto: AFP

Clemens Tönnies ist ein bekennender Raul-Fan. Gern, hatte der Aufsichtsratschef des FC Schalke einmal gesagt, würde er mit dem früheren Weltstar einmal einem gemeinsamen Hobby frönen: der Jagd.

Viel Zeit bleibt den Hobbyjägern möglicherweise nicht mehr, zu zweit auf die Pirsch zu gehen. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass Raul Gonzales Blanco, der den Schalkern mit seinem Wechsel im Juli 2010 so viel Aufmerksamkeit und auch einen Hauch von Glamour verliehen hat, über das Saisonende hinaus bleiben wird, ist seit Sonntag zumindest nicht größer geworden.

Nicht um jeden Preis

„Wir haben Raul ein gutes Angebot für ein Jahr gemacht “, sagte Tönnies: „Die Entscheidung liegt jetzt bei ihm.“

Damit ist erstmals offen ausgesprochen, dass die Schalker den mittlerweile 34 Jahre alten Stürmer nicht um jeden Preis halten wollen. Es ist kaum vorstellbar, dass die Laufzeit den Vorstellungen des hochdekorierten Angreifers entspricht.

Bereits im Januar hatte Schalke-Manager Horst Heldt in einem ersten Sondierungsgespräch mit Raul-Berater Gines Carvajal den Vorschlag unterbreitet – die Reaktion war verhalten, ein weiteres Gespräch für Februar wurde seinerzeit vereinbart.

Doch eine Einigung kam bislang nicht zustande. Möglicherweise auch, weil Raul, der bislang neben seinem Jahresgehalt von vier Millionen Euro auch noch mit etwa zwei Millionen von Real Madrid subventioniert worden sein soll, keine großen finanziellen Einbußen in Kauf nehmen will.

Die Zusatzvereinbarung zwischen Raul und dem spanischen Klub, für den er zwischen 1994 und 2010 in 550 Ligaspielen 228 Tore erzielt hatte, soll nur noch bis Saisonende laufen.

Mit seinen jüngsten Aussagen übt Tönnies nun Druck aus. „Wir sind in gutem Kontakt mit Raul und seinem Berater. Daher gehe ich davon aus, dass wir in der nächsten Zeit etwas von ihnen hören“, sagte der Fleischfabrikant beim Fernsehsender Sky.

"Eine natürliche Entwicklung"

Das klingt nicht nach zusätzlichem Verhandlungsspielraum, sondern vielmehr nach einer Aufforderung an Raul, sich schnell zu erklären. Ein ganz anderer Zungenschlag als noch vor wenigen Monaten.

Vor der Winterpause hatte es noch geheißen, der Spanier sei „sehr wichtig“ für die junge Mannschaft. „Wir sind stolz, Raul jede Minute im Schalker Trikot zu sehen“, hatte Tönnies gesagt und darauf verwiesen, wie gut sich doch dessen Familie in ihrem Wohnort Düsseldorf eingelebt habe: „Die haben hier richtig angedockt.“

Doch zukünftig sei eben nicht mehr gewährleistet, dass Raul jede Minute spielen wird. Jedenfalls kann Huub Stevens dafür nicht mehr garantieren. „Grundsätzlich ist es eine natürliche Entwicklung: Der eine Spieler wird stärker, der andere bleibt stabil oder baut etwas ab“, hatte der Schalker Trainer über die Zukunftsperspektiven des Rekordtorschützen der Champions League philosophiert. Stevens ließ durchblicken, dass Raul möglicherweise altersbedingt Probleme bekommen könnte.

Er plädiere zwar für Rauls Verbleib. „Er hat immer noch seinen Wert für die Mannschaft. Und solange er den hat, werde ich ihn auch immer in die Mannschaft einbauen“, hatte Stevens der „Morgenpost Online“ gesagt: „Aber Raul wird auch in Zukunft mit Höhen und Tiefen zu leben haben. Und wenn er im Tief ist, muss dies von anderen Spielern aufgefangen werden.“ Mit anderen Worten: Wenn Raul schwächeln sollte, könnte er seinen bisher sicheren Stammplatz verlieren.

Aus diesem Grund hat Stevens den Schalkern („Es ist ohnehin nicht meine Entscheidung, sondern die des Vereins und des Spielers“) offenbar geraten, vorsichtig zu sein. Bei Raul gelte es wie bei jedem anderen Spieler „genau zu sehen, welche Leistung dem Gehalt gegenüberstehe“.

Damit dürfte Raul wissen, worauf er sich einlassen würde, sollte er auf das Schalker Angebot eingehen: Ein Recht auf Unantastbarkeit dürfte ihm jedenfalls nicht eingeräumt werden. Er wisse ja noch nicht, sagte Stevens, wie Raul in den verbleibenden Spielen der laufenden Saison noch funktioniere und ob er in der nächsten Saison „erneut so viele Spiele machen werde“.

Raul-Ersatz in den eigenen Reihen

Unabhängig davon, ob Raul Schalke 04 nun bereits im Sommer oder – wenn er den angebotenen Einjahresvertrag doch noch unterzeichnet – erst nach der Saison 2012/2013 verlassen wird – der Coach bastelt bereits an der Nachfolgelösung.

In Teemu Pukki und Julian Draxler verfügt Stevens über junge Spieler, die sich das Erbe Rauls auf Sicht teilen könnten. Zwar verfügen weder der finnische Stürmer, der beim 3:1 (3:1) über den Hamburger SV im erst vierten Einsatz von Beginn sein bereits fünftes Saisontor erzielen konnte, noch das Mittelfeldtalent über Klasse und Raffinesse eines Raul – doch haben sie das Potenzial, in wichtige Rollen hineinzuwachsen.

Außerdem würde sich der Verein, sollten Raul und Jefferson Farfan, dessen Vertrag ebenfalls ausläuft, tatsächlich gehen, neuen Spielraum auf dem Transfermarkt schaffen. Wenn sich die Schalker auch noch für die Champions League qualifizieren, wären die finanziellen Voraussetzungen für einen Umbruch noch besser. Sieben Punkte Vorsprung auf Platz fünf haben sie ja.

Huntelaar soll bleiben

Dass Raul unter diesen Umständen für Schalke entscheiden wird, darf bezweifelt werden. Ihm sollen auch Angebote aus Katar und aus den USA vorliegen. Beim Umbau des Kaders, den Stevens auf Sicht für unerlässlich hält, könnte Raul allenfalls eine begleitende, aber keine zentrale Rolle spielen.

Im Gegensatz zu Klaas-Jan Huntelaar (28), der am Sonntag seinen 19. Saisontreffer erzielte und den Schalke auf keinen Fall ziehen lassen will, ist das Ende von Rauls großer Karriere abzusehen .

Eindeutige Positionierung

Durch ihre eindeutige Positionierung haben Stevens und Tönnies auch den Fans, die Raul unverändert verehren, klar gemacht, dass ihr Wunsch nach Verlängerung mit dem Publikumsliebling möglicherweise nur schwer zu erfüllen sein wird. Besonders die Argumente, die Stevens vorgetragen hat, leuchten ein.

Für ihn selbst, hatte der mittlerweile 58-jährige Niederländer erklärt, sei es vor 15 Jahren schließlich auch leichter gewesen, die Treppe hochzusprinten: „Einige Dinge lassen sich nicht ändern.“