Schalke-Trainer

Warum Stevens Magaths Verhalten respektlos findet

Trainer Stevens spricht im Interview mit Morgenpost Online über Schalkes Supertalent, Dortmunds Umgang mit Götze und Magaths Respektlosigkeiten.

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Vor wenigen Wochen schien Schalke 04 noch um die deutsche Fußballmeisterschaft mitspielen zu können. Nach nur einem Sieg aus den vergangenen fünf Bundesligaspielen ist nun jedoch sogar Platz vier und damit die Chance auf die Qualifikation für die Champions League gefährdet. Vor der Partie heute gegen den Hamburger SV analysiert Trainer Huub Stevens die Probleme des permanenten Umbruchs auf Schalke und seine zweite Amtszeit nach den Jahren 1996 bis 2002. Damals hatte er den Uefa-Cup gewonnen, im denkwürdigen Saisonfinale 2001 aber die Deutsche Meisterschaft verpasst.

Morgenpost Online: Nach dem 0:1 in Enschede waren Sie „wütend auf die ganze Welt“. Wie lange haben Sie nach der Niederlage gebraucht, um sich wieder zu beruhigen?

Huub Stevens: Die Wut war da, aber dann auch schnell wieder weg. Am Morgen nach einer Niederlage muss die Wut auch wieder verschwunden sein, wenn ich das Spiel mit meinen Spielern aufarbeite. Früher habe ich länger gebraucht, um so etwas zu verarbeiten. Aber du wirst erfahrener.

Morgenpost Online: Sind Sie auch gelassener geworden, was die Formschwankungen Ihrer Spieler angeht?

Stevens: Nein. Du willst als Trainer immer, dass deine Mannschaft ihre Topleistung bringt, dass die Jungs alles geben. Und du bist enttäuscht, wenn die Leistung nicht gebracht wird. Doch in Enschede haben wir eine Reaktion auf die schlechteren Spiele zuvor gezeigt. Der Gegner hätte keine Antwort auf unsere kompakte Spielweise gehabt, wenn er nicht die Hilfe durch einen unberechtigten Elfmeter und einen unberechtigten Platzverweis gegen uns bekommen hätte.

Morgenpost Online: Ist Schalke zu abhängig von einzelnen Spielern wie den Angreifern Huntelaar, Farfan und Raul oder Abwehrchef Höwedes?

Stevens: Welche Mannschaft hätte kein Problem, wenn so wichtige Spieler fehlen? Es ist kein Problem, wenn wir einen dieser Spieler ersetzen müssen. Aber zurzeit sind es immer wieder andere Spieler, die ausfallen. Es gerät immer wieder etwas anderes durcheinander. Das ist keine einfache Situation für eine insgesamt junge und unerfahrene Mannschaft. Aber nur daraus lernen die jungen Spieler.

Morgenpost Online: Julian Draxler, Schalkes wohl größtes Talent, spielt oft, aber nicht immer. Wäre es nicht besser, ihn ständig auflaufen zu lassen? Bei Borussia Dortmund war der ein Jahr ältere Mario Götze schließlich auch schnell Stammspieler.

Stevens: Und was ist mit Götze passiert?

Morgenpost Online: Er hat sich eine Schambeinentzündung zugezogen. Möglicherweise als Folge von Überbelastung.

Stevens: Und dem versuchen wir vorzubeugen. Wir wollen Julian langsam aufbauen. Wir wissen um seine Qualitäten, und er wird sicher seinen Weg gehen. Aber er macht auch noch viele Fehler. Das ist normal für einen 18-Jährigen.

Morgenpost Online: Ein großes Thema auf Schalke ist die Zukunft von Raul. Wäre es – auf Sicht gesehen – nicht besser für die Entwicklung der Mannschaft, wenn sich Schalke von ihm trennen würde?

Stevens: Raul hat immer noch seinen Wert für die Mannschaft. Und solange er den hat, werde ich ihn auch immer in die Mannschaft einbauen. Aber es ist ohnehin nicht meine Entscheidung, sondern die des Vereins und des Spielers.

Morgenpost Online: Die aktuelle Mannschaft wurde von drei Managern zusammengestellt. Sie hatte in den vergangenen vier Jahren mit Ihnen fünf Trainer. Ist es deshalb so schwierig, dem Team eine klare Ausrichtung zu geben?

Stevens: Ich denke, dass wir die Probleme, die wir hatten, insgesamt ganz gut in den Griff bekommen haben. Ob eine Mannschaft wirklich homogen ist, zeigt sich erst nach einer Saison, wenn das Team auch schwierige Situationen durchlebt hat. Dann lassen sich klare und verlässliche Schlüsse ziehen. Aber ich denke, dass wir insgesamt auf einem guten Weg sind.

Morgenpost Online: Wäre es nicht auch Ihr Wunsch, eine so homogene Mannschaft wie die der Dortmunder zu haben?

Stevens: Ja, aber die haben auch einige Jahre gebraucht, um das aufzubauen. Bei uns ist nach Felix Magath ein Schnitt gemacht worden. Da wurde gesagt: Wir können nicht mehr auf diese Art und Weise weitermachen. Dann kam Ralf Rangnick und wollte seine Philosophie umsetzen. Dann ist Ralf krank geworden, und ich wurde gefragt. Ich habe Manager Horst Heldt gesagt, dass der Weg von Rangnick ein guter Weg ist. Aber ich habe auch gesagt, dass ich diesen Weg nicht so verfolgen kann, wie es Ralf getan hat. Dann würde ich gegen die Wand laufen, wäre nicht mehr ich selbst. Ich kann es nur auf meine Art tun. Und bis bestimmte Entwicklungen greifen, dauert es halt eine gewisse Zeit.



Morgenpost Online: Felix Magath sagt dagegen, er habe auf Schalke eine Mannschaft hinterlassen, die um die Meisterschaft mitspielen kann.

Stevens: Ich würde mich nicht dazu äußern, was ich als Trainer da oder dort hinterlassen habe. Weil der Kollege, der dort jetzt an meiner Stelle arbeitet, Respekt verdient. Ich äußere mich auch nicht detailliert zu anderen Vereinen oder mische mich in deren Belange ein. Warum auch? Ich könnte dies ohnehin nur von außen beurteilen, ich kann da nicht in die Küche gucken. Ich kommentiere daher auch nicht, was Magath jetzt in Wolfsburg macht. Ich erwarte dies jedoch auch von anderen Trainern.

Morgenpost Online: Was kann Ihre Mannschaft in dieser Saison noch erreichen?

Stevens: Wir spielen um den Einzug ins internationale Geschäft und wollen den größtmöglichen Erfolg. Das war zu Beginn meiner Tätigkeit noch nicht abzusehen. Zwischenzeitlich wurden wir sogar als Titelaspirant gehandelt. Ich aber habe gesagt: „Bleibt bitte realistisch!“ Auch wenn andere von der Meisterschaft singen, werden wir nicht mitsingen. Da sind uns andere Mannschaften noch etwas voraus. Und über einen längeren Zeitraum war das dann auch zu sehen.

Morgenpost Online: Gibt es für Sie mit Ihrer Schalker Vergangenheit nicht doch noch den Traum, mit diesem Verein einmal Deutscher Meister zu werden?

Stevens: Natürlich möchte ich das gern. Und natürlich sind Träume erlaubt. Aber ich träume nicht so viel. Ich stehe immer sehr früh auf. Im Ernst: Jeder ehrgeizige Mensch möchte noch etwas Großes schaffen. Aber wenn ich es am Ende nicht hinbekommen haben sollte und wir stattdessen eine Stabilität in den Verein gebracht hätten, auf der später dann weiter gebaut werden kann, dann wäre das richtig super.