Kellerkinder

Köln gegen Hertha – das Duell der Chaos-Klubs

Am Samstag empfängt der 1. FC Köln Aufsteiger Hertha BSC. Während die Berliner sich langsam fangen, herrscht am Rhein offener Streit.

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Wer mit dem Flugzeug in Köln einschwebt, bekommt recht schnell einen Eindruck davon, was den Rheinländern lieb und teuer ist. Unübersehbar und in einem langen Gang auf dem Weg zum Gepäckband des neuen Terminals haben sie das kölsche Grundgesetz niedergeschrieben, auf edlen Glasscheiben, die im Dunkeln sogar beleuchtet sind. Jeder Gast wird so direkt mit den elf wichtigsten und so schön selbstironischen Weisheiten der Kölner konfrontiert. Auch die Profis von Hertha BSC warfen bei ihrer Ankunft am Freitag einen Blick auf die Tafeln – auch auf den wohl berühmtesten Artikel Nr. 3: „Et hät noch immer joot jejange.“

Mag das auch der fromme Wunsch des einen oder anderen Spielers sein, so ist der Kern dieser Botschaft längst noch nicht ausgemacht – weder für Hertha, noch für den FC. Beide Klubs schweben in akuter Abstiegsgefahr, im Abstiegsgipfel am Samstag (15.30 Uhr, Sky live) sollten die Berliner unbedingt gewinnen. Köln ist in der Tabelle 14., Hertha steht direkt dahinter.

Eine einmalige Chance, einen weiteren Konkurrenten im Keller festzuhalten. Doch den FC und Hertha verbinden in dieser Saison weitaus mehr als sportliche Sorgen. Das Duell ist zugleich das Treffen der Chaos-Klubs. In Köln wie Berlin galt zuletzt die Devise: Wir reden über alles – außer Fußball. Wobei Hertha inzwischen deutlich im Vorteil ist. Nach turbulenten Monaten mit dem Streit um die Entlassung von Markus Babbel ist mit der Verpflichtung von Otto Rehhagel und dem Sieg gegen Bremen zumindest für eine Woche Ruhe eingekehrt .

„Es geht leichter von der Hand“, bemerkte der neue Trainer, und Manager Michael Preetz meinte: „Von Euphorie habe ich nichts gespürt, aber es war ein wichtiger Schritt.“ Gute Voraussetzungen also, um gegen den FC ähnlich überzeugend aufzutreten wie beim 3:0 im Hinspiel.

Wirbel um Podolski

Am Ort des Geschehens brennt der Baum schon jetzt. Jüngster Akt des an Pointen nie armen Kölner Theaters: Die Verwirrung um den Wechsel von Nationalstürmer Lukas Podolski zum FC Arsenal. Nach wochenlangen Spekulationen und zahlreichen Andeutungen hatten englische wie deutsche Medien unter der Woche gemeldet: Der Wechsel ist fix. Der gebürtige Kölner solle für geschätzt 13 Millionen Euro im Sommer verkauft werden. Seither geht der Verein auf Tauchstation und kommentiert den Vorgang nicht mehr.

Ob es nun daran lag oder nicht – das gesamte Drama ist dem emotionalen Stürmer auf den Magen geschlagen, ein Infekt legte ihn flach. Podolski kann gegen Hertha spielen, ist aber geschwächt. „Er muss nun viel trinken und essen“, sagte FC-Trainer Stale Solbakken. „Er macht die Klasse der Kölner aus, ihn müssen wir ausschalten“, warnt Rehhagel. Das wirklich tragische für Köln ist: Von der Transfersumme werden dem Klub nur rund 60 Prozent bleiben, der Rest geht direkt an Sponsoren, die 2009 seinen Rückkauf vom FC Bayern ermöglichten. Der Geldregen bleibt also aus – bei rund 30 Millionen Euro Verbindlichkeiten mehr als ärgerlich.

Bei Hertha wollen sie von solchen Nebenschauplätzen nichts wissen. Wohl auch, weil man sich selbst noch längst nicht über den Berg weiß. So blockte Manager Preetz die Frage nach den Folgen für die Partie ab. „Das spielt vielleicht vorher eine Rolle, sobald angepfiffen wird aber sicher nicht mehr.“ Preetz setzt auf die Kraft der Statistik: Sechs der acht letzten Spiele gegen den FC gewann Hertha, „ich werde meine Jungs daran erinnern, dass es zuletzt gut für uns gelaufen ist.“ Was man vom FC nicht behaupten kann. Nur ein Sieg steht aus den letzten acht Sielen zu Buche.

FC-Team in zwei Lager gespalten

Durch das Team geht ein Riss. Grund ist der andauernde Streit zwischen Trainer Stale Solbakken und Sportdirektor Volker Finke. Ein Lager – um Lukas Podolski – steht zu Solbakken, ein anderes zum Sportdirektor. Eine Gefahr, der auch Herthas Team in der „Lügenaffäre“ um Babbel ausgesetzt war. Erst unter der Woche eskalierte der Disput in Köln erneut – und wie immer öffentlich. Es ging um die Zusammenstellung der Mannschaft. Konkret: Um den Wechsel von Sebastian Freis zum SC Freiburg in der Winterpause.

Vor einer Woche schoss der ehemalige Kölner Stürmer den direkten Konkurrenten zum Sieg gegen Schalke – und der Sportdirektor schäumte. „Ich habe vor Wut die Faust geballt“, sagte Finke später dem „Express“, schließlich habe er für Freis' Bleiben gekämpft. „Aber der Trainer wollte ihn nicht mal als Back-up. Er hat nur gesagt: Weg!“ Der Norweger konterte seinerseits mit dem Vorwurf, dem Kader fehle es an purer Körpergröße. Ein bemerkenswertes Schauspiel. Freis selbst zeigte sich schockiert: „Als ich aus Köln wegging dachte ich: Mehr Theater kann es nicht geben. Aber jetzt ist noch mehr los.“ Kein Problem, meint Finke, „Köln ist kein Standort, bei dem es um Ruhe geht.“ In der Tat nicht.

Eine Woche Vorsprung

Denn der Klub trägt auch noch einen medialen Streit mit Ex-Trainer Christoph Daum aus. Der warf dem FC vor, ihn und Podolski mit falschen Versprechungen gelockt zu haben. Der Klub reagierte mit einer pikierten Erklärung, kurz schwebte gar das Wort „Klage“ durch die Medien. Diese seltsamen Störfeuer kennen sie auch bei Hertha, wo zuletzt mehrere Grünen-Politiker über die Qualitäten des Managements parliert hatten. Auch bei Hertha brannten die Sicherungen durch, Präsident Werner Gegenbauer beschied Jürgen Trittin, er solle doch „einfach mal die Fresse halten.“

Nein, die Parallelen in dieser Saison sind kaum zu verkennen. Aber: Genau eine Woche Vorsprung hat Hertha inzwischen vor Köln. Anders als beim FC hat die Mannschaft in Rehhagel wieder einen klaren Orientierungspunkt. Die neue Ruhe wollen sie bei Hertha trotzdem nicht überbewerten. „Normalität bei Hertha – gibt’s das? Es ist immer ein Auf und Ab hier“, meint Peter Niemeyer, „wir haben noch zehn Endspiele.“ In Köln steht das erste an. Mit einem Sieg könnte Hertha in der Tabelle Boden gut machen. Und damit das eigene Chaos ein weiteres Stück hinter sich lassen.

Mitarbeit: Jan Brockhausen