Viertlängster Sperre aller Zeiten

Keine Gnade für Guerrero nach Frust-Foul

Der DFB beantragt acht Spiele Sperre nach dem brutalen Foul des Peruaners Paolo Guerrero. HSV-Sportchef Arnesen findet das Urteil ungerecht und legt Einspruch ein.

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Der Anruf von Frank Arnesen hinterließ am anderen Ende der Leitung Fassungslosigkeit. Der Sportdirektor des HSV hatte Paolo Guerrero mitgeteilt, dass der Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) den Hamburger Stürmer nach dessen brutalem Foul an Sven Ulreich für die nächsten acht Bundesligaspiele zu sperren gedenkt. „Für ihn ist das quasi das Saisonende und für uns sportlich ganz klar ein Schwächung“, sagte Arnesen. Der HSV hat zwar umgehend Einspruch eingelegt, allerdings mit wohl geringen Erfolgsaussichten.

Wird die Strafe rechtskräftig, wäre sie die dritthöchste, die bislang im deutschen Fußball verhängt wurde. Nur der frühere Dortmunder Timo Konietzka (1966, sechs Monate) und der ehemalige Hertha-Spieler Axel Kruse (zehn Spiele), 1993 für den VfB Stuttgart tätig, mussten nach Attacken gegen Schiedsrichter länger pausieren. Guerrero war beim 0:4 im Heimspiel des HSV gegen die Schwaben Ulreich mit gestrecktem Bein in die Wade gesprungen. Der Stuttgarter Schlussmann hatte in der 55. Minute beim Stand von 0:3 versucht, an der Eckfahne einen Ball abzuschirmen. Eine klarere Rote Karte hatte es seit langem nicht gegeben.

HSV-Sportdirektor Arnesen war jedoch mit der Höhe des Strafmaßes nicht einverstanden. „Ich bin enttäuscht über dieses Urteil. So eine lange Sperre hatten wir nicht erwartet“, sagte er. Arnesen verwies auf das Foul des Berliner Spielers Andreas Ottl am 21. Spieltag gegen den Stuttgarter Tamas Hajnal und wollte bei der Härte der Aktion Ähnlichkeiten zu Guerreros Missetat gesehen haben – Ottl wurde aber nur für drei Spiele gesperrt. „Der Unterschied im Strafmaß ist nicht zu erklären“, sagte Arnesen.

Das Fax des DFB an den HSV mit der Urteilsbegründung aber ließ keinen Zweifel daran, dass die Richter Guerreros Tat als extrem hinterhältig eingestuft hatten. Im Text heißt es unter anderem: „Das Fehlverhalten des Spielers Guerrero stellt eine Tätlichkeit gegen den Gegner dar. Eine Absicht, den Ball spielen zu wollen, ist nicht festzustellen. Straferschwerend fällt in das Gewicht, dass der von hinten ausgeführte Tritt mit unheimlicher Aggressivität und übergroßer Rücksichtslosigkeit ausgeführt worden ist.“ Die Richter stellten klar, dass Guerrero als Erst- und nicht als Wiederholungstäter eingestuft wurde und mit dem Strafmaß aus ihrer Sicht noch glimpflich davon gekommen sei.

Klubinterne Strafe folgt

Sportdirektor Arnesen haderte allerdings mit der öffentlichen Vorverurteilung seines Spielers. Insbesondere die Brandmarkung durch Jürgen Klopp, Borussia Dortmunds Trainer, kritisierte er scharf: „Ich verstehe es, wenn jemand emotional betroffen ist. Aber Jürgen Klopp ist ein Trainer, der gar nicht betroffen war. Diese Aussagen haben mich überrascht, um es nett zu sagen.“ Klopp hatte über Guerreros Foul an Ulreich gesagt: „Die Aktion war völlig wahnsinnig. Da muss jetzt eine richtige Strafe her. Gott sei Dank ist Ulreich nichts passiert!“

In jedem Fall wäre es ratsam gewesen, nach so einer üblen Aktion etwas Demut und Reue zu zeigen. Guerrero aber tat das Gegenteil. „Ich kann nicht behaupten, dass ich den Ball spielen wollte. Und ehrlich gesagt, kann ich die ganze Aufregung jetzt nicht so ganz verstehen. Der Torwart ist doch aufgestanden und konnte weiterspielen, er hat sich nicht verletzt“, sagte er.

HSV-Trainer Thorsten Fink kündigte an, dass Guerrero auch klubintern bestraft werde. Er nahm den Angreifer aber auch in Schutz. „Wir wollen nichts verharmlosen, aber wir wollen es auch nicht schlimmer machen, als es ist“, sagte er. HSV-Idol Uwe Seeler hat dagegen den brutalen Tritt hart verurteilt. Es sei an der Zeit, dass der Klub Guerrero klarmache, dass „er sich so etwas nicht mehr erlauben darf. Paolo hätte Ulreich ein Bein brechen können. Irgendwann muss er ja mal dazulernen“.

Der 28 Jahre alte Peruaner ist in Hamburg wiederholt auffällig geworden. Wochenlang verhinderte im Januar 2010 Flugangst seine Rückkehr nach Hamburg. Im April desselben Jahres bewarf er einen Fan mit einer Wasserflasche. Guerrero ist mit einem Gehalt von etwa vier Millionen Euro der bestverdienende Profi beim HSV. Es steht zu vermuten, dass er für lange Zeit nun auch der teuerste Tribünengast wird, den sich die Hamburger leisten.