Tabellenzweiter

Neuers Patzer kosteten Bayern schon neun Punkte

Nationalkeeper Manuel Neuer möchte den FC Bayern und die DFB-Auswahl zu Titeln führen. Doch es ist schwierig, den hohen Erwartungen gerecht zu werden.

Der Beste zu sein, das ist wunderbar und schrecklich zugleich. Konkurrenten und Experten bewundern die Nummer eins jeder Branche, gleichzeitig fällt ihnen ein Fehler sofort auf.

Ein Koch hat kürzlich gesagt, dass seine Arbeit eine andere sei, seit er einen Stern verliehen bekommen hat. Er müsse seither noch besser sein, jeden Tag. Er könne 29 Rinderfilets perfekt zubereiten, aber wenn beim 30. die Kartoffeln ein halbes Grad zu kalt seien, zähle das Fleisch kaum mehr. Und was am schwersten wiege: Er ärgere sich am meisten, weil sein Anspruch gestiegen sei.

Manuel Neuer vom FC Bayern München geht es ähnlich. Der 25-Jährige ist der beste Torwart des Landes, sein Präsident Uli Hoeneß sagt sogar, der beste der Welt. Die Nummer eins des Rekordmeisters, die Nummer eins der Nationalmannschaft und das im Jahr des Champions-League-Finals in München und einer Europameisterschaft – mehr Druck geht nicht.

Noch sind vier Titel möglich

Dazu noch die Chance auf Deutsche Meisterschaft und DFB-Pokal; Neuers zehn Finger sollen vier Titel bringen. Im Sommer ist er von Schalke 04 nach München gewechselt, um gegen die ganz Großen zu spielen und ganz große Erfolge zu erringen. Problem: Neuer hat derzeit Schwierigkeiten, den hohen Erwartungen gerecht zu werden .

Beim 0:2 gegen Bayer Leverkusen am Wochenende parierte er mehrere schwierige Schüsse, unterlief dann eine Flanke und verschuldete das erste Gegentor. Es war Neuers dritter schwerwiegender Fehler in dieser Saison.

Der erste verhalf Borussia Mönchengladbach am ersten Spieltag zum 1:0 in München, der zweite zum 3:1 im Rückspiel. So gesehen hat Neuer den Klub bislang neun Punkte gekostet – und wohl auch die Meisterschaft .

Ohne seine Fehler wären die Bayern jetzt mit zwei Punkten Vorsprung Tabellenführer – und hätten nicht sieben Zähler Rückstand auf Borussia Dortmund. Wie der Koch ärgert sich Neuer am meisten. „Die Meisterschaft ist für mich das wichtigste Ziel, die habe ich bisher nur in der Jugend gewonnen“, hat er mal gesagt.

Hätte, wäre – der Konjunktiv zählt im Fußball so viel wie das Eheversprechen von Tiger Woods. Neuers Kollegen verhielten sich bei den Gegentoren auch falsch und versäumten es, die Spiele zu ihren Gunsten zu entscheiden.

Der teuerste Arbeitslose des Landes

Zudem offenbarten die Bayern in Leverkusen nach Neuers Paraden, dass sie nicht stabil sind. Glanztaten ihres Torwarts sind für andere Teams Motivation, mit dem Gefühl der Unbesiegbarkeit gewinnen sie solche Partien oft. Die Bayern können es derzeit nicht, „Mia san Mia“ ist ihnen abhanden gekommen. Neuers Aufgabe ist dadurch schwieriger geworden.

Ohnehin musste er sein Spiel nach dem Wechsel von Schalke umstellen, und dieser Prozess ist offenbar noch nicht abgeschlossen. Trainer Jupp Heynckes kritisierte ihn in der Rückrunde erstmals öffentlich, Neuer müsse konzentrierter sein. Im „Kicker“ ist sein Notendurchschnitt 3,0, in seiner vergangenen Saison bei Schalke lag er bei 2,8.

In der Hinserie hatte der Torwart in vielen Partien kaum etwas zu tun, 711 Minuten in Folge blieb er ohne Gegentor. Neuer sei der teuerste Arbeitslose des Landes, scherzten Fans. Dass Neuer mit seiner vorausschauenden Spielweise viele gefährliche Situationen verhinderte, übergingen viele.

Oft Leidtragender der schwachen Defensive

Der ehemalige Nationaltorwart Jens Lehmann sagte, dass Neuer wohl eine Generation verhindern werde, weil in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich „niemand aus seinem Schatten heraus durchsetzen wird“. Neuer schaffte es gleich in den Mannschaftsrat der Bayern, und Klubchef Karl-Heinz Rummenigge betonte, dass der Nationalspieler zehn Jahre im Tor der Bayern stehen könne.

Neuer hatte wegen der Dominanz der Bayern in der ersten Saisonhälfte viel weniger Gelegenheiten, seiner Mannschaft Siege zu retten als bei Schalke. Nur beim 2:1 beim FC Augsburg bewahrte er sie vor einem Unentschieden. Danach war er oft Leidtragender der schwachen Defensive: Die Gegner kamen vor ihm so frei zum Abschluss, dass er keine Chance hatte.

Bei Schalke konnte er sich viel öfter auszeichnen – und stand nach Fehlern nicht so schnell im Fokus. Macht ein Schalke-Torwart einen Fehler, heißt es: Das passiert doch jedem mal. Macht ein Bayern-Torwart einen Fehler, heißt es: Das darf ihm nicht wieder passieren, oder: Oliver Kahn hätte den gehabt. Bayern München, das ist eine Fußballwelt mit eigenen Maßstäben.

Viel Hass

Schalke- und Bayern-Fans haben nichts gemeinsam, aber in dieser Spielzeit hatte ein Teil von ihnen das gleiche Ziel: Es Neuer schwer zu machen. Ein Teil der Münchner Anhänger pfiff ihn vor der Saison aus und demonstrierte mit Plakaten gegen seine Verpflichtung, beim Spiel auf Schalke (2:0) schlug Neuer Hass entgegen – von denen, die ihn kürzlich noch verehrten.

Nicht einfach zu verarbeiten für einen 25-Jährigen, der nur Fußball spielen will. Im Sommer sagte Neuer: „Ich will immer gewinnen. Aber ich setze mich selbst nicht unter Druck, indem ich mir keine Fehler oder mal ein Gegentor verzeihe. Es gibt im Leben Schlimmeres als ein Gegentor.“

Er stellte sich bislang beinahe immer. Auch nach Niederlagen, auch nach eigenen Fehlern. Er nehme das auf seine Kappe, sagte er nach dem 1:3 in Mönchengladbach. Nach dem Leverkusen-Spiel wollte er nichts sagen.

Nicht schlechter geworden

Bundestrainer Joachim Löw macht sich dennoch keine Sorgen um seinen Torwart. Er vertraut Neuer und ist sicher, dass er eine gute EM spielen wird. Torwarttrainer Andreas Köpke hat erkannt, dass Neuer sich bei Bayern umstellen muss. „Ich glaube, dass er auf keinen Fall schlechter geworden ist.“

Neuer arbeitet akribisch an sich. Zu Hause hat er sich einen Fitnessraum eingerichtet, an freien Tagen stärkt er dort seine Muskulatur. Heynckes empfahl er, den ehemaligen Profi Toni Tapalovic als Torwarttrainer nach München zu holen, den Neuer aus seiner Jugendzeit bei Schalke kennt.

Damals war Edwin van der Sar sein Lieblingsspieler. Als der Niederländer bei Manchester United in der vergangenen Saison einen Ball fallen ließ, bezeichnete sein Trainer Alex Ferguson das als „Grundschulfehler“. Manchester wurde noch Meister. Es gibt schlechtere Vorbilder für den FC Bayern.