Basketball-Nationaltrainer

Für Pesic "ist Dirk Nowitzki immer ein Thema"

Der neue Basketball-Bundestrainer Svetislav Pesic spricht im Interview mit Morgenpost Online über die Ziele der Nationalmannschaft und die Fehler der Bundesliga.

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Am Dienstag wird Svetislav Pesic als Bundestrainer der Basketball-Nationalmannschaft vorgestellt. Der 62-Jährige – er besitzt neben der serbischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft und wird in Personalunion auch Roter Stern Belgrad betreuen – wurde einst Welt- und Europameister mit Serbien sowie 1993 Europameister mit Deutschland.

Morgenpost Online: Herr Pesic, können Sie wirklich Wunder vollbringen?

Svetislav Pesic: Wie meinen Sie das?

Morgenpost Online: Die Reaktionen auf Ihre Inthronisierung ließen darauf schließen.

Pesic: Ach so, Sie meinen, die Leute denken: Jetzt kommt dieser Pesic – und alle Probleme sind gelöst!

Morgenpost Online: Etwa nicht?

Pesic: Natürlich nicht. Erfolg im Sport kommt nicht automatisch. Dahinter stehen vor allem gute Organisation und harte Arbeit. Über den deutschen Basketball in seiner Gesamtheit kann man wirklich nicht meckern. Auch wenn die Deutschen gerne meckern…

Morgenpost Online: …wir sind halt ein Volk von Meckerern.

Pesic: Diejenigen, die meckern, sollten mal wie ich in den vergangenen zehn Jahren im Ausland leben, um zu sehen, wie schön es ist, in Deutschland leben zu dürfen. Aber Spaß beiseite: Basketball in Deutschland hat sich in allen Bereichen gut entwickelt. Wie heißt es auf Deutsch so schön: langsam, aber sicher.

Morgenpost Online: Woran machen Sie das fest?

Pesic: Wenn ich auf die vergangenen 25 Jahre blicke, seit ich 1987 zum ersten Mal Bundestrainer geworden bin, ist sehr viel passiert. 1992 hat sich die Mannschaft für die Olympischen Spiele in Barcelona qualifiziert, was ich fast als sportlich größeren Erfolg sehe als den EM-Titel in München ein Jahr später. Das war eine Generation. Anfang des neuen Jahrtausends kam die nächste Generation, die mit Dirk Nowitzki als Leitwolf 2001 EM-Vierter und 2002 WM-Dritter unter Trainer Henrik Dettmann und mit Dirk Bauermann als Coach 2005 EM-Zweiter wurde. Da zeigt sich Kontinuität in der Nationalmannschaft.

Morgenpost Online: Wo steht die Nationalmannschaft jetzt?

Pesic: Sie steht vor einem Neuanfang, aber nicht von unten, sondern mit Kontinuität. Es ist ja nicht so, dass alles eine Katastrophe war – und nun komme ich als großer Trainer, und alles wird besser. Jetzt sollten allerdings die Spieler Hauptrollen im Nationalteam übernehmen, die schon einige Jahre Erfahrung haben. Ein Team ohne Erfahrung funktioniert nicht. Ich glaube an junge Spieler, und ich vertraue ihnen. Aber eben die sogenannten erfahrenen Spieler wie Steffen Hamann oder Jan Jagla müssen den Jungen jetzt helfen, so wie ihnen selbst einst geholfen wurde. Ich analysiere gerade viel, wie die Mannschaft aussehen kann, und werde viele Gespräche führen.

Morgenpost Online: Rechnen Sie irgendwann noch mal mit Dirk Nowitzki?

Pesic: Über die Verdienste von Dirk Nowitzki muss man gar nicht sprechen, sie sind unglaublich groß. Er konzentriert sich jetzt auf seinen Verein in Dallas, das ist richtig so. Natürlich ist er immer ein Thema. Wenn er sieht, dass er mit der Nationalmannschaft etwas gewinnen kann, wird er, so denke ich, wieder für Deutschland spielen. Wenn er sieht, dass es nichts zu gewinnen gibt, wird er nicht mehr spielen.

Morgenpost Online: Wurde mancher Spieler sogar in seiner Entwicklung gehemmt, solange Nowitzki im Team stand?

Pesic: Das ist nicht nur in der deutschen Mannschaft, sondern auch in anderen Teams, ja sogar in anderen Sportarten so. Nach dem Motto: Geben wir doch die Verantwortung am besten an den großen Star weiter. Aber es geht nur als Team. Ich sage immer: Ein Mann allein kann nicht den Erfolg bringen, aber einer kann den Erfolg kaputt machen. Die Spieler, die ich einladen werde, haben jetzt die Chance zu zeigen, dass sie wirklich besser spielen können, wenn Nowitzki nicht dabei ist. Sport ist immer Wettbewerb, alle profitieren davon: Spieler, Trainer, Zuschauer.

Morgenpost Online: Wie sehen Sie die Entwicklung der Basketball-Bundesliga?

Pesic: Auch sie entwickelt sich sehr gut. Es gibt nicht nur wie früher Bayer Leverkusen und Alba Berlin mit großen Ambitionen. Da sind etliche andere Klubs, die erkannt haben, dass es ebenfalls wichtig ist, in europäischen Wettbewerben zu spielen, um sich weiterzuentwickeln. Sie sehen auch hier wieder: Es gibt keine Wunder, es gibt nur Arbeit und Geduld. Und dann kommen auch Erfolge.

Morgenpost Online: Als Bundestrainer müssen Sie an einer starken Liga interessiert sein.

Pesic: Natürlich. Zwar wurden in der Vergangenheit Fehler gemacht, zum Beispiel die totale Öffnung für Ausländer. Das hat geschadet, die Vereine haben vor allem aus finanziellen Erwägungen billige Amerikaner verpflichtet. Da fehlte Kontinuität. Es hat aber inzwischen ein Umdenken stattgefunden, seit Jahren wird Schritt für Schritt verändert. Und jetzt steht eine neue Etappe bevor.

Morgenpost Online: Sie meinen die Regelung, dass von der kommenden Saison an sechs deutsche Spieler im zwölfköpfigen Aufgebot der Bundesligisten stehen müssen.

Pesic: Das ist eine sehr gute Entwicklung, von der hoffentlich auch die Nationalmannschaft profitieren wird. Natürlich ist Deutschland ein offenes Land, und es werden immer auch Ausländer hier spielen. Da darf man nicht übertreiben.

Morgenpost Online: Sie arbeiten auch noch bei Roter Stern Belgrad, wie wollen Sie das alles eigentlich schaffen?

Pesic: Ob ich das schaffe oder nicht, das wird man nach Ende der Qualifikation sehen. Ich denke, es wird genug Zeit sein, eine Mannschaft zu formen. Erstes Ziel ist es natürlich, sich für die Europameisterschaft 2013 in Slowenien zu qualifizieren. Ein zweites Ziel ist aber genauso wichtig: eine Mannschaft zu haben mit Spielern, die Akzente setzen und sich weiterentwickeln können und alles für die deutsche Nationalmannschaft geben.

Morgenpost Online: Urlaub wird es im Sommer bei Ihrem strammen Programm so gut wie keinen geben. Was hat eigentlich Ihre Frau Vera gesagt, als Sie ihr erzählt haben, dass Sie künftig auch noch als Bundestrainer arbeiten werden?

Pesic: Sie hat sich gefreut. Sie wird dadurch mehr in Deutschland sein, unser Sohn Marko und unsere Tochter Ivana leben ja in München.

Morgenpost Online: Wenn Sie im Sommer in Deutschland arbeiten, wo wird dann Ihr Standort sein, wo wohnen Sie?

Pesic: Natürlich in Berlin. Ich habe schließlich in Grunewald eine Wohnung. Dort wohne ich zwischen Axel Schweitzer (Anm. d. Red.: Aufsichtsratsvorsitzender von Alba Berlin) und Dieter Hauert (Anm.: d. Red.: Alba-Präsident). Damit ich meine Kontakte zu Alba nicht verliere…