Mönchengladbach

Warum Favre kein Superhirnli reloaded werden will

Weil Lucien Favre in der Bundesliga schon mal einen Absturz erlebte, bleibt der 54-jährige Schweizer bei Mönchengladbachs kleiner Krise relativ gelassen.

Dem befürchteten Höhenrausch ist Lucien Favre in den vergangenen Wochen und Monaten mit einem entschiedenen Statement entgegengetreten. „Wissen Sie“, hat er in seinem putzigen Deutsch recht häufig gesagt, „wir müssen immer daran denken, wo wir hergekommen sind.“

Favre, 54 Jahre alt und seit 1991 im Trainergeschäft aktiv, wusste vermutlich schon länger, dass es ehedem Phasen geben wird, in denen er nicht nur den ungeahnten Aufschwung von Borussia Mönchengladbach erklären muss, in denen er nicht nach dem Geheimnis der Wandlung vom Fastabsteiger zum Meisterschaftskandidaten gefragt wird, sondern ein schnödes 0:1 in Nürnberg analysieren soll.

„Das tut weh und ist eine große Enttäuschung“, sagte er also Sonntagabend nach der Niederlage beim Club. „Wir haben nicht schlecht gespielt, wir hatten noch nie so viel Ballbesitz wie in diesem Spiel. Aber uns hat die Durchschlagskraft gefehlt. Wir spielen nicht mehr so stark wie noch vor ein paar Wochen.“

Detailversessener Fachmann

Es ist eine der Stärken des Schweizers, dass er selbst in den Minuten des Misserfolges zu abgeklärten und stimmigen Analysen imstande ist. Das hat ihm den Ruf eingebracht, ein detailversessener Fachmann zu sein. Kritiker hingegen behaupten, dem ehemaligen Spielgestalter fehle bisweilen die nötige Distanz zu seinem Job. Favre sei so etwas wie ein Fußballverrückter, hieß es lange.

Dieser Fußballverrückte aus dem kleinen Saint-Barthélemy im Kanton Waadt, hat sie zuletzt alle verrückt gemacht am Niederrhein. Er hat den Klub nach dem sensationellen Klassenverbleib im Sommer in den Rang einer Spitzenmannschaft befördert – und das mit bescheidenen Mitteln und einem vom großen Glanz befreiten Personal.

Einige fühlten sich schon an glückselige Zeiten mit Trainer Hennes Weisweiler und der legendären Fohlen-Elf erinnert, so furios rauschte Gladbach in dieser Saison durch die Liga und über die bisweilen übermächtigen Gegner.

5:0 gegen Werder Bremen, 3:1 gegen Bayern München, 3:0 gegen Schalke. Die Siege gegen namhafte Konkurrenten taugten immer auch als Aufbauhilfe für das Ego des Schweizer Trainers. Wesentlich selbstbewusster kommt er nun daher, auch mit Rückschlägen geht er gelassener um.

Es sind die Lehren aus der Vergangenheit, die zu dieser Wandlung beigetragen haben. In Berlin, seiner ersten Trainerstation in Deutschland, gelang ihm vor drei Jahren gleichsam ein fantastischer Höhenflug. Mit der Hertha spielte er lange um den Titel mit, am Ende langte es zu Platz vier.

„Superhirnli“ taufte ihn der Boulevard. Doch nur vier Monate nach dem Coup war er in der Hauptstadt schon wieder Geschichte. Sieben Niederlagen aus acht Spielen nach dem Start kosteten ihn den Job. Dass der Klub vorher in Josip Simunic, Marko Pantelic und Andrej Woronin drei Leistungsträger aufgrund finanzieller Zwänge hatte abgeben müssen, wirkte sich bei der Bewertung des Absturzes nicht mildernd aus. Favre war zum Bauernopfer geworden.

Prominente Abgänge

Nun, da ihm auch beim aktuellen Arbeitgeber das erfolgreiche Gebilde wegzubrechen droht, fragen sich nicht nur viele Borussen-Fans, ob der Baumeister des Erfolges im Sommer zum nächsten Großprojekt übersiedeln könnte. Zwar läuft der Vertrag von Favre bei der Borussia noch bis 2013.

Aber weil ihm im Sommer in Nationalspieler Marco Reus , Mittelfeldrenner Roman Neustädter und wohl auch dem von Bayern München umworbenen Brasilianer Dante gleich drei Leistungsträger verlustig gehen , schließen einige den Weggang Favres nicht mehr aus.

Ein Superhirnli reloaded jedenfalls wolle er sich nicht antun, heißt es aus seinem Umfeld. Allerdings weiß Favre auch, wie schwer es ist, nach einem Abgang zurück auf die Bühne zu gelangen. Zwischen seinem Rauswurf bei der Hertha und seinem Amtsantritt in Mönchengladbach lagen 16 Monate. In dieser Zeit erhielt Favre genau ein ernsthaftes Jobangebot: das der Borussia.