Bayern in der Krise

Jetzt ist auch Heynckes nicht mehr unantastbar

Nach der Niederlage in Leverkusen schreibt der FC Bayern die Meisterschaft ab. Manager Christian Nerlinger äußert sich kryptisch über Trainer Jupp Heynckes.

Die Stars von Bayern München wollten die Stätte der Schmach so schnell wie möglich verlassen. Im Sauseschritt verließen Philipp Lahm, Arjen Robben, Thomas Müller, Manuel Neuer und Co. die Katakomben der BayArena – die Bosse Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß taten es ihnen mit zusammengekniffenen Lippen nach.

Auf den Magen geschlagen war dem Rekordchampion die unnötige 0:2 (0:0)-Pleite bei Bayer Leverkusen , womit die Meisterschaft angesichts von sieben Punkten Rückstand auf Titelverteidiger und Tabellenführer Borussia Dortmund abgehakt wurde.


"Dortmund hat alle Trümpfe in der Hand"

„Man muss realistisch sein. Bei sieben Punkten Vorsprung hat Borussia Dortmund alle Trümpfe in der Hand. Das ist schon sehr komfortabel“, sagte Bayern-Trainer Jupp Heynckes nach der Niederlage an seiner alten Wirkungsstätte.

Kurz zuvor war die Chefetage mit Präsident Hoeneß und Vorstandsboss Rummenigge wortlos und leichenblass in Richtung Kabine gestapft, was auf ein fürchterliches Gewitter hindeutete. „Das sind ehemalige Spieler, die können nicht verlieren. Entsprechend ist ihre Laune“, sagte Heynckes mit bissiger Ironie und versuchte so, die explosive Stimmung zu entschärfen.

Zuvor hatte Manager Christian Nerlinger aber reichlich Öl ins Feuer gegossen und es dabei vermieden, Heynckes einen Freibrief auszustellen. „Zum gegebenen Zeitpunkt. Den muss ich nicht verkünden“, antwortete er total angefressen bei Sky auf die Frage, wann er angesichts der vielfältigen und offensichtlichen Probleme beim deutschen Vorzeigeklub ein Gespräch mit dem Trainer führen werde. Hoeneß-Freund Heynckes ist auf eine solche Situation anscheinend vorbereitet.

„Wenn man Trainer beim FC Bayern ist, muss man mit solchen Situationen gelassen umgehen und Souveränität ausstrahlen. Mit meiner Erfahrung kann ich das“, sagte der 66-Jährige mit ruhiger Stimme, fügte aber nachdenklich hinzu: „Wenn man Verlierer ist, hat man wenig Argumente.“ Sollten die Bayern in eineinhalb Wochen gegen den FC Basel (Hinspiel: 0:1) auch ihren Traum vom Champions-League-Finale in der bayerischen Landeshauptstadt frühzeitig begraben müssen, könnte das Thema Jupp Heynckes an der Säbener Straße vorzeitig beendet sein.

Die Meisterschaftsträume dürften bereits unter dem Werkskreuz geplatzt sein. „Ab dem heutigen Tag müssen wir sicherlich nicht mehr von der Meisterschaft reden. Bei der Bilanz, die wir in der Rückrunde geliefert haben, sollten wir schauen, dass wir es irgendwie hinkriegen, die Auswärtsschwäche in den Griff zu kriegen. Die Meisterschaft ist momentan nichts, mit dem wir uns beschäftigen“, sagte Nerlinger, und Nationalspieler Toni Kroos meinte: „Den ersten Platz haben wir nicht mehr in der Hand. Daran wird sich so schnell auch nichts ändern.“

Zoff zwischen Boateng und Müller

Auch für Arjen Robben ergibt Gerede vom Titel derzeit keinen Sinn. „Wir müssen uns mehr mit uns selbst als mit der Meisterschaft beschäftigen“, sagte der Niederländer. Damit könnte er die Szene nach einer halben Stunde gemeint haben, als sich Thomas Müller und Jerome Boateng im eigenen Strafraum angifteten und Rafinha die Streithähne beruhigen musste.

„Das ist emotional, das bewerte ich nicht über“, sagte Nerlinger. Heynckes pflichtete ihm bei: „Es ist gut, wenn Emotionen hochkommen. Das zeigt, dass die Mannschaft lebt, und sollte nicht überbewertet werden.“ Auf die Art und Weise kommt es aber an, wie Kroos kritisch betonte: „Es ist nicht schlimm, wenn es mal Meinungsverschiedenheiten gibt. Man muss aber aufpassen, wie man sich präsentiert.“ Boateng meinte lapidar: „Wir sind doch keine Mädchen.“

Bayer feiert dritten Sieg in Folge

Während sich die Bayern keineswegs als Einheit präsentierten und sich frustriert von dannen machten, wurde bei den offenbar zur Einheit gewachsenen Gastgebern der dritte Sieg in Folge gefeiert, den Stefan Kießling (79.) und „Joker“ Karim Bellarabi (90.) in der Schlussphase gesichert hatten. „Es ist immer wieder schön, die Bayern zu schlagen. Das tut den Fans gut, das tut uns gut“, sagte Andre Schürrle.

Und Trainer Robin Dutt blickte voraus auf das Achtelfinal-Rückspiel bei Titelverteidiger FC Barcelona am Mittwoch: „Das ist ein schönes Gefühl. Unser Aufwärtstrend seit Beginn der Rückrunde hält an, und wir dürfen wieder von der Champions League träumen. Wir fahren jetzt selbstbewusst nach Barcelona und schauen mal, was nach dem 1:3 im Hinspiel noch möglich ist.“