Kolumne "Querpass"

Im Vergleich zu Guerrero war Jermaine Jones zärtlich

Seit Samstag wissen wir, wie gut erzogen Jermaine Jones im Vergleich zu HSV-Treter Guerrero doch ist. Brutale Fouls gab es oft, hier die schlimmsten Beispiele.

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Fußball ist ein Männersport, und was ein Mann ist, wussten die HSV-Fans schon immer am besten. Willi Schulz hat es ihnen mit dem Holzhammer beigebracht. Der war in den 60er-Jahren als „Worldcup-Willi“ berühmt – aber vor allem, weil er als Kante der Hamburger Abwehr beim Hinlangen nicht pingelig war, sondern die Latte verdammt hochlegte mit seiner rustikalen Ruhrpott-Philosophie, die sich so anhörte: „Wommer ma sagen, da liegt ainer im Strafraum, und du bist nicht bereit, dem dä Kopp abzutreten, dann wirste kainer.“

Am Samstag hat Paolo Guerrero den großen Alten beim Wort genommen. Zwar hat das rabiate Raubein am Stuttgarter Torwart Sven Ulreich den Kopf drangelassen, aber zwei Etagen tiefer alles dafür getan, dass wir seinen Ausraster jetzt nicht hier, sondern genauso gut im Polizeibericht abhandeln könnten, in der Spalte Gewaltkriminalität.


Wollte er Ulreich die Kniekehle amputieren?

Wie ein wild gewordener Pampa-Stier ist der Peruaner mit Anlauf von hinten in den arglosen Ulreich hineingerauscht , mit gestrecktem Bein und den Stollen voraus, offenbar wollte er ihm die Kniekehle amputieren – die Rot-Kreuz-Männer eilten schon mit der Bahre herbei, um den Brüllenden wegzutragen zur letzten Ölung.

Selbst die HSV-Fans leeren sich angesichts der unappetitlichen Attacke den Magen über den Hals. Ein „Ekel Alfred“ schämt sich in einem Diskussionsforum: „Ein Psychopath trägt unser Trikot.“ Andere empfehlen die Einweisung des Kloppers in die nächstgelegene geschlossene Abteilung, um zu klären, ob er einen Sprung in der Schüssel, ein Rad ab oder einen Bänderriss in der Birne hat.

„Das war ein Attentat“, haben wir den Sky-Moderator Sebastian Hellmann erschrocken sagen hören, und sein Experte Markus Merk sprach von einem „Foul der übelsten Sorte, wie wir es nur selten sehen, wie bei Gentile gegen Maradona“. Die Bewachung des Argentiniers durch den Italiener bei der WM 1982 zählt zu den ewigen Top Ten der Gewalttaten, Gentile schaute Maradona damals tief ins Auge und sagte wortlos: Wie hättest du es gern, soll ich dich entmannen oder dir nur das Nasenbein brechen? Bei Guerrero rät Merk jetzt zu einer Sperre „auf keinen Fall unter sechs Wochen“ – denn die hat Jermaine Jones kassiert, als er vor ein paar Wochen auf den frisch operierten Zeh von Marco Reus trat.



Damals haben wir Romantiker empört aufgeheult, müssen jetzt aber Abbitte leisten, denn die Dinge haben sich jäh relativiert: Seit Samstag wissen wir, wie gut erzogen Jermaine Jones in Wirklichkeit ist. Verglichen mit Guerreros Widerwärtigkeit war sein Tritt eine Zärtlichkeit. Auch Kevin-Prince Boateng muss sich nicht länger schämen: Die Art, wie er damals im englischen Cupfinale Winston Churchill („Sport ist Mord“) bestätigt und Michael Ballacks Weltkarriere beendet hat, können wir ihm nach dem Vorkommnis am Samstag als harten, aber fairen Zweikampf durchgehen lassen.

Mit anderen Augen sehen wir plötzlich auch Tim Wieses Kung-Fu-Tritt anno 2008 gegen den damaligen HSV-Stürmer Ivica Olic. Laut Franz Beckenbauer war es „fast ein Mordversuch“, und mit etwas weniger Glück würde Olic heute mit zwei Glasaugen durchs Leben irren. Doch seit Samstag müssen wir dem Werder-Torwart fast danken: Er kam nicht hinterhältig daher, sondern von vorn, mit offenem Visier.

Sogar Toni Schumacher müssen wir an der Stelle ab sofort eine gewisse Ritterlichkeit bescheinigen, und er kann 30 Jahre nach seiner Attacke auf Patrick Battiston 1982 im WM-Halbfinale auf eine milde Neubetrachtung des Geschehens hoffen. Wie ein Rammbock streckte der Kölner Torwart damals den Franzosen nieder. Der verlor drei Zähne, wurde mit einer Gehirnerschütterung weggetragen, und Schumacher lehnte Kaugummi kauend am Pfosten und sagte nach dem Spiel: „Ich zahle ihm die Jacketkronen.“ Das kam nicht gut an – muss nachträglich aber fast schon als friedfertiges Sozialverhalten gewertet werden, denn die Reue Guerreros nach dem Schandtat war kleiner.

Uli Steins Blackout gegen Jürgen Wegmann

Um ein Haar hätten wir jetzt Uli Stein vergessen, von dem die HSV-Fans bis Samstag dachten, sein Blackout anno ’87 gegen die Bayern sei der schlimmste der Hamburger Fußballgeschichte. Seinerzeit schoss Jürgen „Kobra“ Wegmann das entscheidende Tor, und zur Strafe schlug ihn Stein k.o. Die Art, in der es passierte, war allerdings nicht hinterhältig, sondern vorbildlich, seit Samstag wissen wir es: Es war eine saubere, lehrbuchmäßig geschlagene rechte Gerade, Auge in Auge, Wegmann hat sie kommen sehen – und sich noch nicht mal die Nase gebrochen.

Heute? Die Gewalt, gewollt oder nicht, hinterlässt ihre Spuren. Ohne Blutvergießen vergeht kaum noch ein Spieltag, es mehren sich die Stollenabdrücke an allen Körperteilen. Die Fußballer tragen Gesichtsmasken. Als seien sie der Geisterbahn entlaufen, so sehen die Opfer aus. Und was tut Guerrero, der Täter? Er protestiert, gestikuliert und reklamiert und wäre am liebsten auch noch dem Schiedsrichter Sippel ins Steißbein gefahren, aus Rache für Rot.

Dabei muss dieser Durchgeknallte dem Fußballgott dankbar dafür sein, dass er sich noch auf freiem Fuß befindet. Im richtigen Leben wäre Guerrero in Fußketten abgeführt worden wie die schlecht durchbluteten Brutalos, die in der U-Bahn auf anständige Bürger eintreten.

Wie entschärfen wir Paolo Guerrero? Vor zwei Jahren hat ihn das Werfen einer Flasche an den Kopf eines HSV-Fans 20.000 Euro und fünf Spiele Sperre gekostet. Wenn wir dieses Kavaliersdelikt mit der Tat vom Samstag vergleichen, kommen wir umgerechnet diesmal auf zwei Jahresgehälter und die Zwangseinweisung in ein Aggressionsseminar der Volkshochschule mit anschließender Sicherheitsverwahrung.

Durch die Gnade der späten Geburt bleibt Guerrero immerhin die Höchststrafe erspart: Ein Zweikampf mit Willi Schulz.