Wolfgang Niersbach

Ein wahrer Fußball-Fan übernimmt den DFB

Anders als Vorgänger Theo Zwanziger kann Wolfgang Niersbach als neuer DFB-Präsident mit seiner Nähe zu den Grandseigneurs des Fußballs punkten. Ob der ehemalige Sportjournalist auch bei gesellschaftlichen Themen glänzen wird, muss er noch beweisen.

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Ausgerechnet im bewegendsten Moment schlich sich Loriot in die Köpfe der DFB-Delegierten. Theo Zwanziger, der scheidende Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, war auf dem Außerordentlichen Bundestag gerade mit stehenden Ovationen aus dem Amt entlassen worden, Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte ihre Videobotschaft übermittelt und der Verband überreichte seinem nun ehemaligen Chef seine Präsente. Zwanziger stand sichtlich ergriffen neben seiner Frau Inge, als sein Nachfolger Wolfgang Niersbach sich an die Gattin wandte: „Liebe Inge, ich weiß gar nicht, ob Du Dich jetzt freust, dass der Theo nun so oft zu Hause ist.“

Tatsächlich steht im Hause Zwanziger nun Pappa ante portas, und es wird spannend sein zu sehen, ob der ehemalige Präsident nun palettenweise Senf einkaufen wird wie Heinrich Lohse in Loriots Meisterwerk über pensionierte Männer. Zunächst einmal wird der „heimliche Integrationsminister Deutschlands“, wie Ligapräsident Reinhard Rauball ihn nannte, ein Familienwochenende in Bad Füssingen verleben dürfen, das der DFB spendiert hat. Um 13.49 Uhr gab er, ganz korrekter Funktionär, für das Protokoll bekannt: „Ich lege mein Amt mit sofortiger Wirkung nieder.“ Rund 90 Minuten später war sein Nachfolger Wolfgang Niersbach einstimmig und sichtlich ergriffen zu seinem Nachfolger gewählt worden.

Wahl ohne Gegenkandidat

Eine Überraschung war das natürlich nicht. Einen Gegenkandidaten hatte Niersbach nicht. Vorbei sind die Zeiten, in denen der DFB den Frieden mit so komplizierten Konstrukten wie die Doppelspitze bewahren musste, in der Zwanziger und sein Vorgänger Gerhard Meyer-Vorfelder zwischenzeitlich einen erzwungenen Doppelpass spielten. Der größte Sportverband der Welt liegt heute wie ein großer, satter Hund in der Sonne, und Wolfgang Niersbach wird einen Teufel tun, dem Tier auf den Schwanz zu treten. Im Gegenteil: Im Verband atmet der eine oder andere auf, den bisweilen überengagierten Zwanziger los zu sein. Kaum ein gesellschaftliches Thema, zu dem er nicht den Fußball als Konfliktlöser anpries. Das verschaffte dem DFB durchaus Ansehen, verpasste Zwanziger aber auch das Image des notorischen Besserwissers.

Ähnliches ist von Niersbach nicht zu erwarten. Während sein Vorgänger noch bei seiner Abschiedsrede die Fäuste schüttelte und den Delegierten zurief: „Fußball darf nie wegschauen, wenn es um unser Land geht, wir sind der Jugend verpflichtet“, hangelte Niersbach sich weitgehend visionsfrei durch seine Ansprache. Er tat auch gut daran. Ein bisschen weniger Aufgeregtheit wird dem Verband guttun, der neben dem kometenhaften Emporsteigen der Nationalmannschaft auch Schiedsrichter- und Wettskandale in der Ära Zwanziger durchstehen musste. Skandale, die nicht spurlos an Zwanziger vorbeigegangen sind. „Ich war und bin ein Konservativer und will das Gute bewahren“, sprach Niersbach. Der DFB brauche keine Revolution, sondern Evolution, und er sei bereit, bei dieser Entwicklung die Spielführerbinde überzustreifen.

Der ehemalige DFB-Generalsekretär, dessen Job nun Helmut Sandrock übernimmt, steht ab sofort einem prosperierenden Verband mit bald 6,8 Millionen Mitgliedern vor; einem Verband ohne finanzielle Sorgen und mit dem Aushängeschild Nationalmannschaft. „Das Haus des DFB ist in Ordnung, das Fundament ist intakt“, sagte Niersbach, der in seiner Rede vor allem den Amateurfußball lobte. Der DFB müsse noch mehr Qualität an die Basis bringen und Bürokratien abbauen: „Es kann nicht sein, dass man erst Steuerrecht studieren muss, um einen Verein leiten zu können.“

Die Glanzthemen von Zwanziger, jener unermüdlich geführte Kampf gegen Homophobie und Fremdenfeindlichkeit, streifte Niersbach nur. Ob es ihm gelingen wird, auch auf diesen Feldern zu punkten, wird er nun beweisen müssen. Die kommunikativen Kniffe dafür beherrscht er. Zum Ende seiner Rede zückte er einen vergilbten Zettel aus dem Jackett. „Das ist eine Eintrittskarte für das Europameisterschaftsfinale 1972. 150 belgische Francs, 11 Mark hat sie gekostet, und ich bin mit dem Auto von Düsseldorf dorthin gefahren. Und heute sind die Helden von damals meine Freunde“, sagte er und strahlte Franz Beckenbauer und Günter Netzer an, die in der ersten Reihe saßen. Diese herzliche Nähe zu seinen großen Protagonisten hatte Zwanziger nie.

Der erste Anruf nach der Wahl erreichte Niersbach aus Frankreich. Uefa-Präsident Michel Platini gratulierte ihm. „Bislang hat er mich immer nur mon ami, mein Freund, genannt. Heute hat er zum ersten Mal collegue gesagt, Kollege.“ Ein bisschen ungläubig erzählt der neue DFB-Präsident solche Geschichten, und ein spitzbübisches Lächeln umspielt seinen Mund, wenn er frozzelt: „Ich habe irgendwo gelesen, das Präsidentenamt wäre immer mein Ziel gewesen. Also: Ich wusste von diesem Ziel bis vor drei Monaten nichts.“ Anfang Dezember hatte Theo Zwanziger ihm seine Pläne offenbart, vorzeitig aus dem Amt scheiden zu wollen, und nach „mehreren schlaflosen Nächten“ habe er sich dazu durchgerungen, seinen hauptamtlichen Posten als Generalsekretär gegen den ehrenamtlichen Präsidentensessel zu tauschen.

Theo Zwanziger kann sich in Zukunft um seine Familie kümmern. Und damit Pappa ante portas nicht zu sehr nervt, hat sich der Fußballbund etwas ausgedacht. Die DFB-Kulturstiftung wird in Zukunft Zwanzigers Namen tragen. „Ich scheide aus dem Amt, aber ich scheide nicht von den Menschen“, schloss er seine Rede. Es wird in Zukunft weniger wuchtig zugehen in der DFB-Zentrale. Zumindest verbal...