EM 2012

Wer in der DFB-Elf auf der Abschussliste steht

Die Niederlage gegen Frankreich ist für Bundestrainer Löw ein Dämpfer zur richtigen Zeit, "aber kein Grund zur Sorge". Die größte Baustelle ist die Defensive.

Der Herr in Jeans und kariertem Hemd schaute etwas verschlafen drein, als er am Donnerstagmorgen vor sein Hotel in Bremen trat. Doch als er unten am Treppenaufgang eine schwarze Limousine mit dem Aufdruck des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sah, schien er von einer Sekunde auf die andere hellwach zu sein.

„Ach, die Loser sind ja auch noch da“, raunte er. Was er nicht wusste: Die Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die am Abend zuvor im ersten Test im EM-Jahr 1:2 (0:1) gegen Frankreich verloren hatten, waren längst daheim. Sie hatten ohnehin im gegenüber liegenden Hotel gewohnt – der Wagen, den er so kritisch beäugt hatte, wartete auf Boris Becker, den ehemaligen Tennisprofi.

Becker, ein bekennender Fußballfan, war Augenzeuge des Länderspiels gewesen, einer Partie, die ihn wie viele andere Beobachter nachdenklich gestimmt hat. Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw hatte es in Abwesenheit der verletzten Leistungsträger Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski, Per Mertesacker und Mario Götze nicht verstanden, an ihre guten, teils brillanten Spiele der jüngeren Vergangenheit anzuknüpfen.

Mangel an Leidenschaft

Das sorgte für Irritationen, denn am 8. Juni beginnt die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine (bis 1. Juli), bei der die deutsche Nationalmannschaft für viele Experten zu den Favoriten zählt – daran ändert wohl auch das Ergebnis gegen die Franzosen nichts.

Auch nicht für den Bundestrainer. Das Ergebnis sei gar nicht so schlimm, sagte Joachim Löw nach dem kleinen Dämpfer: „Ich bin mehr darüber verärgert, wie wir das Spiel verloren haben“ . Es war der Mangel an Leidenschaft, der Löw störte. Doch vor allem bemängelte er das schlechte Defensivverhalten seiner Mannschaft, die dem Gegner mit ihrer undisziplinierten Spielweise zu viel Raum gelassen habe.

Doch es gehört zu Löws Selbstverständnis, auch in der Stunde der Niederlage positiv zu denken. Zumal es nach seiner Auffassung keinen Grund zur Sorge gibt, sollte die Vorbereitung vor der EM genauso gut verlaufen, wie das bei den vergangenen Turnieren der Fall war.

Selbst einen Rückschlag wie den Ausfall des ehemaligen Kapitäns Michael Ballack vor der WM 2010 in Südafrika wusste Löw damals zu kompensieren. Und während er vor zwei Jahren zumindest personell noch etwas improvisieren musste, hat er nun das Glück, aus dem Vollen schöpfen zu können.

Sein 23 Mann starkes Aufgebot für die Europameisterschaft, daran gibt es keinen Zweifel, steht so gut wie fest. Löw hat zuletzt bereits mehrmals gesagt, dass diesmal mit keiner überraschenden Nominierung zu rechnen sei. Stand jetzt – und immer vorausgesetzt, dass sich niemand davon schwerwiegend verletzt – haben bereits 17 Spieler ihr EM-Ticket sicher.

Dazu zählen neben Kapitän Lahm seiner Münchner Kollegen Manuel Neuer, Holger Badstuber, Jerome Boateng, Toni Kroos, Thomas Müller, Schweinsteiger und Mario Gomez. Hinzu kommen Tim Wiese (Werder Bremen) , Mats Hummels, Götze (beide Borussia Dortmund), Sami Khedira, Mesut Özil (beide Real Madrid), Podolski (1. FC Köln), Miroslav Klose (Lazio Rom) sowie Mertesacker (FC Arsenal). Letzterer ist als Abwehrchef vorgesehen, fehlte aber gegen Frankreich wegen einer Verletzung.

Sechs Plätze noch zu vergeben

Für die restlichen sechs Plätze hat der Bundestrainer die Qual der Wahl. Das Angebot ist extrem groß, weshalb Löw schon angekündigt hat, dass er mit seinen Trainern in den kommenden Wochen genau hinschauen wird, wenn es darum gilt, im Bundesliga-Endspurt die richtigen Kandidaten zu finden.

Als dritter Torhüter nach Neuer und Wiese hat Ron-Robert Zieler von Hannover 96 die besten Karten, bei den Feldspielern sieht es gut für Andre Schürrle (Bayer Leverkusen), Marco Reus (Borussia Mönchengladbach) und Sven Bender (Borussia Dortmund) aus.

Dennis Aogo vom Hamburger SV hingegen muss sich steigern, gegen Frankreich war er der Schlechteste im deutschen Team. Er ist hinten links in der Viererkette derzeit nicht einmal ansatzweise eine ernsthafte Alternative zu Lahm. Zumal der Dortmunder Marcel Schmelzer auf derselben Position spielt. Auch Simon Rolfes, der in Bremen nicht zum Einsatz kam, muss aufpassen, dass ihm sein derzeit viel besser aufgelegter Teamkollege Lars Bender nicht den Rang abläuft.

Trainerteam hat einen Plan

Der Bundestrainer wird in den nächsten Wochen Ausschau halten, viel beobachten und sich mit seinen Trainern in Video- oder Telefonkonferenzen wöchentlich beraten. Die Trainingsinhalte für die Übungseinheiten in der Vorbereitung sind bereits bis ins Detail ausgearbeitet.

Selbst die Anzahl der Einheiten steht bereits fest, wie auch die Dauer jeder einzelnen. Löw will wie immer nichts den Zufall überlassen. Sein Trainerteam habe einen Plan , sagte er in Bremen und verwies noch einmal auf die Wochen vor der Weltmeisterschaft in Südafrika. Da hatten sich neben Ballack noch vier weitere Nationalspieler verletzungsbedingt abgemeldet.

Während es in der Nation daraufhin einen großen Aufschrei und sogar eine Sondersendung direkt nach der „Tagessschau“ gab, blieb Löw stets ruhig, „weil ich wusste, dass wir Ausfälle verkraften und uns auf den Punkt genau vorbereiten können“.

Allerdings weiß der Bundestrainer, dass er noch viel zu tun hat. Vor allem braucht seine Mannschaft Stabilität, um am Ende bei aller Stärke in der Offensive auch auf hohem Niveau bestehen und um Titel mitspielen zu können. Laurent Blanc, der Trainer der Franzosen, sagte nach dem Sieg, dass er bei im Vorfeld des Spiels bei der Analyse des Gegners Schwächen in der Hintermannschaft ausgemacht hatte – und sah sich darin bestätigt.

Hummels und Badstuber spielten in der Innenverteidigung nicht so souverän, wie sie das teilweise in ihren Vereinen tun. Da hofft Löw auf eine schnelle Genesung des turniererfahrenen Mertesacker. Rechtsaußen setzt er auf Boateng und Höwedes, die allerdings derzeit große Unsicherheitsfaktoren sind.

Am 11. Mai wird der Bundestrainer mit den Spielern und deren Familien bzw. Freundinnen nach Sardinien ins Regenerationstrainingslager fliegen. Am 18. Mai geht es von dort – ohne Anhang – nach Tourrettes in Südafrankreich. Der Abflug nach Polen ist für den 4. Juni geplant, zuvor wird es aber noch zwei Testspiele gegen die Schweiz (26, Mai) sowie Israel (1. Juni) geben.