Profiboxen

Die schöne Norwegerin, die aus Kolumbien kam

Cecilia Braekhus hat sich im wahrsten Sinne durchgeboxt. Die Weltmeisterin aus Norwegen hat nicht vergessen, dass sie von der Schatten- auf die Sonnenseite kam.

Links Muhammad Ali , rechts Max Schmeling. In der Mitte, also jenem Platz, dem im Sport die größte Bedeutung zukommt, da steht Cecilia Braekhus. Die Anordnung der beinahe lebensgroßen Fotos im Trainingszentrum des Berliner Profiboxteams Sauerland zeigt die uneingeschränkte Anerkennung der harten Kerle für ihre „First Lady“.

Nicht die Champions Henry Maske, Sven Ottke , Markus Beyer, Arthur Abraham oder Marco Huck, sondern die 30 Jahre alte Norwegerin hat sich vor allem durch Fleiß, Können und die Bereitschaft, alles dem Boxen unterzuordnen den Ehrenplatz zwischen den Box-Ikonen erarbeitet. Erarbeitet, darauf legt Braekhus durchaus wert.

Die Herbstsonne strahlt durch die großen Fenster des Sauerland-Gym . Das Klatschen der Handschuhe, die auf die hingehaltenen Lederpolster treffen, verhallt im Raum. Das Geräusch kommt von links, aus der Ecke, wo Trainer Ulli Wegner eine Finte ansetzt und unmittelbar nach dem schnarrenden Pausensignal verbal zur Sache kommt.

"Atmen!"

„Mensch, halt doch die Rechte am Kinn, wenn du konterst. Und geh’ aus der Linie. Haste verstanden?“ Wegners Lieblingsanweisung „Atmen!“ folgt noch. Es läuft die Frühschicht mit Cecilia Braekhus.

„Atmen!“ – Das Kommando, das Ottke, Beyer, Abraham und Huck auf seinem Weg zum WM-Titel wohl tausendmal gehört haben, gilt auch für die Lady. Es scheint zu helfen, denn seit dem 14. März 2009 ist Braekhus Weltmeisterin im Weltergewicht.

Mittlerweile sogar Championesse der Verbände World Boxing Association (WBA), World Boxing Council (WBC) und World Boxing Organization (WBO). Es gibt keinen Frauenbeauftragten im Sauerlandteam, es gibt auch keine Sonderbehandlung.

Trainiert wie die Männer

„Cecilia war von Beginn an klar, dass sie bei mir mitziehen muss. Und glaubt mir, sie hat es getan“, lächelt Wegner und nimmt „die Dicke“ (sie so zu nennen, ist das Privileg von Wegners Assistenztrainer Georg Bramowski) in den Arm.

„Ich trainiere genauso hart wie die Männer und verzichte auf vieles. Aber ich konnte mir meinen Lebenstraum erfüllen. Der Vertrag bei Sauerland hier in Berlin, das ist wie ein Lotteriegewinn“, sagt Braekhus und beginnt zu erzählen. „In Norwegen habe ich mit 14 mit dem Kickboxen angefangen, bin zum Boxen gewechselt, wurde Europameisterin und WM-Zweite bei den Amateuren. Als Profi ging aber nicht viel, weil Profiboxen in Norwegen verboten ist“.

Dennoch liebt sie ihre Heimat im hohen Norden. Cecilia Braekhus ist dort ein Promi mit regelmäßiger TV-Präsenz, mit Anfragen für Modefotos, mit allem, was ein Sportstar genießen kann. Modefotos von einer Boxerin, die latent der Gefahr eines blauen Auges ausgesetzt ist?

Von der Schatten- auf die Sonnenseite

„Schon mal was von Schminkzeug gehört? Als Frau kann ich eine Blessur doch gut verdecken.“ Ihr Zugang zur bisweilen glamourösen Welt hat eines aber nicht verändert: Braekhus ist geerdet, kann das so zauberhafte Lächeln abschalten, wenn sie von ihrer „ernsten“ Seite berichtet.

„Als Spitzensportler ist man ein Egoist. Man steht im Mittelpunkt, nutzt seine Vorteile“, beginnt sie nachdenklich. „Aber ich habe gelernt, dass sich die Welt nicht nur um mich dreht.“ Eine Erkenntnis, die aus ihr eine interessierte junge Frau gemacht hat, die nicht vergessen will, dass sie im Leben erst von der Schatten- auf die Sonnenseite kommen musste.

Braekhus wurde 1981 in Kolumbien geboren, mit drei Jahren zur Adoption freigegeben. Ihre künftigen Eltern, Sozialarbeiter aus Norwegen, ersparten ihr ein Dasein in einem Elendsviertel von Cartagena zugunsten einer behüteten Kindheit in Bergen. „Ich habe keine Erinnerungen an Kolumbien und kann auch kein Spanisch.“ Das muss reichen. Sie spricht nicht gern über ihre Vergangenheit, dafür lieber über die Zukunft.

Einprägsames Erlebnis

Und sie spricht gern von einem einprägsamen Erlebnis. Im Juni 2010 flog Braekhus als Botschafterin mit einem Team der norwegischen Hilfsorganisation „Bring Children from Streets“ nach Kampala. Sie tauchte ein, in die Slums der ugandischen Hauptstadt und die miesen Viertel in der Umgebung der 1,5-Millionen-Stadt.

„Ich hatte zwar viel gelesen, aber das Gefühl dort zu sein, war unglaublich. Ich werde wohl nie den Gestank der Kloaken vergessen, den Dreck und die Armut“. Cecilia Braekhus wechselt vom Deutschen ins Englische und zurück, schildert ihre Empfindungen nicht nur mit Worten, sondern auch mit Armen und Händen. „In Norwegen braucht keiner Angst zu haben, nichts zu essen zu kriegen oder kein Dach über dem Kopf zu haben. Da wo ich war, ist eine warme Mahlzeit pro Tag Luxus.“

Der Wechsel in eine andere Welt habe sie bereichert. „Ich habe viel von den Frauen dort gelernt, ihren Optimismus bewundert und ihre Freude selbst über die kleinsten Fortschritte.“ Und dann kommt es, das Lächeln, dass auch ihre boxenden Kollegen in den Bann zieht. Cecilia Braekhus ist Optimistin, will sich nicht mit allem abfinden. „Wenn ich mal mit dem Boxen fertig bin, werde ich mich weiter engagieren“, lautet die Ansage.

Dennoch genießt die Powerfrau, die gern Shoppen oder ins Kino geht, oder auf einen Kaffee mit ihren Freundinnen, ihr Leben. „Ich habe keinen Freund“, lacht sie entwaffnend und „Mann“ sollte sich fragen, ob er da nicht etwas übersehen hat.

Nächster Kampf am 3. Dezember

„Mann“ sollte aber gewillt sein, dem Braekhus-Tempo zu folgen. „Ich muss immer ein Projekt am laufen haben“, sagt sie. Momentan läuft das Projekt Helsinki. Ihre achte Titelverteidigung am 3. Dezember. Gegnerin ist die Amerikanerin Kuulei Kupihea (29).

Dass das Projekt gelingt, bezweifelt in ihrem Umfeld niemand. Selbst Sven Ottke, erklärter Gegner des Frauenboxens, attestierte Cecilia Braekhus – nach drei gemeinsamen Sparringsrunden: „Sie hat es drauf. Da kommt etwas zurück. Cecilia bringt alles mit, um gut zu sein.“

Gut reicht ihr aber nicht. Das erklärte Karriereziel ist ein Duell mit der Amerikanerin Holly Holms. Die 29 Jahre alte Blondine aus Albuquerque (US-Bundesstaat New Mexico) steht in der unabhängigen Weltrangliste einen Platz vor Braekhus, auf der eins. „Wenn ich darf, werde ich sie besiegen“, sagt Braekhus. Nichts ist für sie selbstverständlich. Alles will verdient, erarbeitet sein.