Vor Rehhagel-Übernahme

Dortmund verdirbt Herthas 1000. Bundesligaspiel

Im letzten Spiel vor der Amtsübernahme von Trainer Otto Rehhagel hat Hertha BSC den Weg aus der Krise nicht finden können. Gegen den deutschen Fußball-Meister Borussia Dortmund unterlagen die Berliner mit 0:1 und stecken so weiter mitten im Abstiegskampf.

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Das Spiel war zu Ende und die Stimmung im Olympiastadion ausgelassen. Es ereignete sich eine Siegesfeier vom Allerfeinsten, der aus Berliner Sicht nur der allerdings nicht unwesentliche Makel innewohnte, dass sie vor der Kurve am Marathontor stattfand. Also nicht auf der gegenüberliegenden Seite, wo die treuesten der treuen Fans von Hertha BSC zu Hause sind. Es waren stattdessen die Spieler von Borussia Dortmund, die mit knapp 20000 Anhängern ein 1:0 (0:0) des Meisters feierten. Derweil ging sehr still zu Ende, was doch ein Berliner Jubeltag hatte werden sollen. Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff hatte Reinhard Rauball an Werner Gegenbauer eine schmuck gerahmte Urkunde überreicht. Der Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL) ehrte mit dem Präsidenten von Hertha BSC stellvertretend den höchsten Vertreter des nun 14. Bundesliga-Mitglieds im elitären „Kreis der Tausender“. Ein weiteres Geschenk hatten die DFL-Spielplanmacher dem Hauptstadtklub schon sehr viel vorfristiger gemacht und kaum zufällig den Deutschen Meister Borussia Dortmund zu diesem 1000. Bundesligaspiel der Blau-Weißen nach Berlin beordert. Das sorgte sportlich für einen würdigen Rahmen und auch atmosphärisch: Ein kribbelnder Hauch von Pokalfinale lag über der von zwei Seiten sangeskräftig beschallten Arena.

Ausverkauft mit 74244 Zuschauern meldete Hertha zum Jubiläum, zum ersten Mal in dieser Saison – passend dazu spielten die Gastgeber auch sehr passabel. „Keine Komplimente“, wünschte zwar der unter der Woche zum Interimstrainer bestellte Rene Tretschok, weil Hertha eben doch „mal wieder verloren“ habe und nach nun elf Ligaspielen in Folge ohne Sieg „endlich zu punkten anfangen“ müsse. Umso dringender, da es im fünften Spiel der Rückrunde die fünfte Niederlage war; 1:11 lautet das Verhältnis an Toren in diesem Zeitraum.

Viel Arbeit wartet somit auf einen, der als Augenzeuge noch nicht vor Ort war. Die Anwesenheit von Otto Rehhagel als Ehrengast gerechtfertigt hätte allein schon, dass dieses nun mehr 73 Jahre alte Kind der Bundesliga am 24. August 1963, dem Premierentag der Bundesliga, just im Olympiastadion und für Hertha im Spiel eins verteidigt hatte. Und dann ist da noch diese regelrechte Sensation, dass Rehhagel wieder in Diensten des Hauptstadtklubs stehen wird, wenn Hertha kommenden Sonnabend in Augsburg Bundesligaspiel Nummer eintausendundeins austrägt – als Trainer diesmal.

In dieser aufregenden Faktenlage der vergangenen Tage, die mit der Entlassung von Michael Skibbe und der temporären Beförderung von Tretschok und Ante Covic ihren Anfang genommen hatte, ging beinahe unter, dass auch Fußball gespielt wurde. „Es war sehr schwer, in dieser Woche in Berlin zu arbeiten“, sagte Kapitän Andre Mijatovic: „Wir hatten uns einen Punkt verdient, weil wir die besseren Chancen hatten. Wir haben alles reingeworfen, aber Dortmund war glücklicher.“ Eine einzige geniale Szene genügte dem Meister, um dieses Spiel zu entscheiden. Nach 66 Minuten begab es sich, dass der Pole Jakub Blaszczykowski den Ball von rechts nach innen flanken und Landsmann Robert Lewandowski ähnlich unbedrängt aufs Tor köpfen durfte. Hertha-Torwart Thomas Kraft lenkte den Ball „mit einem Weltklassereflex“ (Tretschok) noch gegen die Latte. Aber Kevin Großkreutz legte artistisch nach und beförderte den Abpraller aus der Drehung durch die Hände von Kraft hindurch ins Netz.

Das Kompliment, das Tretschok doch gar nicht wollte, formulierte BVB-Trainer Jürgen Klopp mit nur drei Buchstaben und einem Ausrufezeichen. Mit dem Wörtchen „Puh!“, eröffnete er sein Statement zum Spiel und schnaufte tief durch: „Das war heute richtig harte Arbeit. Uns wurde 90 Minuten alles abverlangt.“ Von der entscheidenden Torszene abgesehen, hatten Tretschok und Covic die Ihren prächtig auf seit Wochen in der Form des Meisterjahres aufspielende Dortmunder eingestellt. Sehr konzentriert und im Sinne des Wortes sehr geschlossen agierten die in der Vorwoche beim 0:5 in Stuttgart noch eklatant unachtsamen Berliner. Trotz drei Neuen in der Startelf (Ramos, Rukavytsya, Janker) und diversen taktischen Umstellungen war das Team ein Team.

Exemplarisch dafür stand jene Szene nach 37 Minuten, als die Blauen im Anschluss an eine Dortmunder Ecke nur so durch den eigenen Strafraum flogen, um auch noch den nächsten Nachschuss zu blocken. Das Manko war nur auch diesmal das Grundübel der gesamten bisherigen Rückrunde: das Offensivspiel. Kaum einmal gelang es in einer Art und Weise Druck aufzubauen, dass das auch zu Torchancen führte. Deren zwei von feinster Güte hatte zu Beginn der zweiten Halbzeit Patrick Ebert. Zweimal hätte der leidenschaftlich kämpfende Mittelfeldspieler Hertha in Führung hätte schießen können, ja, schießen müssen. Doch Versuch eins (50.) sauste ebenso knapp am linken Pfosten vorbei wie der folgende drei Minuten später. Solche „Riesenchancen“, klagte Tretschok, „müssen wir in unserer Situation irgendwann einmal auch nutzen.“ Aber was hilft es am Ende – verloren. Für Trainerlegende Rehhagel wird ab Sonntagf auch als Fortuna tätig sein müssen.