Nach Entlassung

Skibbe hat sich beim Hertha-Team verabschiedet

Hertha BSC hat Trainer Michael Skibbe 52 Tage nach seiner Vorstellung vor die Tür gesetzt. Vom Team hat sich der 46-Jährige bereits verabschiedet. Auf dem Vereinsgelände spielten sich am Morgen skurrile Szenen ab.

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Fünf Pleiten aus fünf Spielen und als Tiefpunkt das 0:5-Debakel in Stuttgart waren zu viel: Hertha BSC hat sich nach nur eineinhalb Monaten von Trainer Michael Skibbe getrennt. Das bestätigte der Kapitän des Berliner Fußball-Bundesligisten, André Mijatovic, am Sonntag. „Das Geschäft ist so“, sagte der Verteidiger lapidar. Die Mannschaft sei vor dem Training über die Entscheidung informiert worden, Skibbe hatte sich noch am Morgen vom Team verabschiedet. Erst in der Winterpause war der Coach als Nachfolger von Markus Babbel verpflichtet worden.

52 Tage nach der Vorstellung war das Kapitel Hertha BSC für den früheren DFB-Coach schon wieder beendet. Für den ohnehin mit rund 35 Millionen Euro verschuldeten Hauptstadtverein dürfte die vierte Trainerentlassung unter Manager Michael Preetz sehr teuer werden: Skibbe war aus seinem Vertrag beim türkischen Erstligisten Eskisehirspor herausgekauft worden und hatte in Berlin einen Kontrakt bis 2014 erhalten.

Die Hertha-Verantwortlichen zogen frühzeitig die Notbremse, nachdem offensichtlich immer mehr Parallelen zur Abstiegssaison 2009/10 erkannt worden waren. Damals hatte Hertha nach der Trennung von Erfolgscoach Lucien Favre bis Saisonende an dessen erfolglosem Nachfolger Friedhelm Funkel festgehalten. Das Jahr in der 2. Liga und der Wiederaufstieg haben Hertha rund 60 Millionen Euro gekostet.

Nach insgesamt fünf Liga-Pleiten in Serie ist der Berliner Club wieder in akuter Abstiegsgefahr. „Wir müssen jetzt versuchen, aus der Krise herauszukommen“, erkannte Kapitän Mijatovic. Hertha hat keines der vergangenen zehn Spiele in der Bundesliga gewonnen. Das 0:5 beim VfB Stuttgart bezeichnete Skibbe als „absolute Katastrophe“ – so eine „schlimme erste Halbzeit“ habe er als Trainer noch nie erlebt.

In der Bundesliga hatte Hertha überhaupt erst zweimal höher verloren: 1980 gegen den HSV und 1991 in Bremen setzte es jeweils 0:6-Niederlagen. Immerhin wurde dem Coach ein Negativ-Rekord bei Auftaktniederlagen erspart: Uwe Reinders war 1993 mit fünf Bundesliga-Niederlagen in Serie gestartet.

Auch Manager Preetz unter Druck

Nach der Entlassung von Skibbe gerät aber auch Manager Michael Preetz zunehmend unter Druck. Seit Juni 2009, als der damalige Manager Dieter Hoeneß zurücktrat, ist Preetz der Hauptverantwortliche für die sportlichen Geschicke. Die sportliche Bilanz seitdem ist bescheiden. Zwar folgte dem Abstieg im Mai 2010 der sofortige Wiederaufstieg in die Bundesliga ein Jahr später, doch nun droht der nächste Abstieg.

Vier Trainer verschlissen die Berliner seit Herbst 2009. Erfolgstrainer Lucien Favre, der mit Hertha in der Saison zuvor noch um die Meisterschaft mitgespielt hatte, erhielt nach nur sieben Bundesligaspielen den Laufpass. An dessen Nachfolger Friedhelm Funkel hielt Preetz so lange fest, bis der Abstieg besiegelt war. Das Engagement von Markus Babbel war wesentlich erfolgreicher. Der frühere Münchner führte Hertha auf Anhieb zurück die Erstklassigkeit, etablierte das Team im Tabellenmittelfeld, wurde dann aber entlassen, nachdem er seinen Vertrag nicht über Juni 2012 hinaus verlängern wollte.

Klar ist: Als Manager konnte Herthas früherer Topstürmer noch kein Profil entwickeln. In seiner Zeit als Assistent des allmächtigen Dieter Hoeneß ab 2003 konnte er kaum Akzente setzen, seit seinem Aufrücken in die erste Reihe fehlt ihm die Fortune.

Bei vielen Fans, bei denen der heute 44-Jährige wegen seiner Vergangenheit als Herthas Rekordtorjäger in der Bundesliga früher hohes Ansehen besaß, hat Preetz inzwischen keinen Rückhalt mehr. Spätestens, wenn Hertha tatsächlich zum zweiten Mal in drei Jahren absteigen sollte, dürfte für den gebürtigen Düsseldorfer in Berlin endgültig Schluss sein. Da hilft ihm sein Vertrag bis 2014 wenig. Auch Skibbes Kontrakt lief bis 2014.

Skurrile Szenen auf dem Vereinsgelände

Am Sonntag nach der Klatsche von Stuttgart war es in Berlin zu skurrilen Szenen gekommen, als rund 200 aufgebrachte Fans das Vereinsgelände stürmten. Zunächst folgten die Anhänger einem Teil der Mannschaft – die mit dem Auslaufen begonnen hatte – stumm, anschließend organisierte ein Fan-Beauftragter eine Aussprache mit 15 Spielern.

Kurzzeitig wurde die Situation brenzlig, als die vorwiegend schwarz gekleideten Anhänger mit einigen Profis heftig stritten. „Ich geh' länger zur Hertha, als du hier spielst!“, brüllte ein Anhänger. „Heute hatten die Fans alles Recht der Welt, uns zu kritisieren“, räumte Mijatovic nach einer 35 Minuten langen Diskussion ein. Die Fans hätten vor allem mehr Kampf von den Profis gefordert. „Das ist das einzige, was ich versprechen kann“, betonte Mijatovic.

Videosequenzen vom Fan-Protest:

Bereits am Sonnabend hatten der Innenverteidiger und Teamkollegen in Stuttgart mit den erzürnten Fans diskutiert, während andere wie geprügelte Hunde vom Rasen schlichen. „Das war eine katastrophal desolate Leistung. Wenn wir so weiterspielen, steigen wir ab“, sagte Mijatovic. Coach Skibbe schaute so sauertöpfisch wie lange nicht mehr, Manager Preetz machte eine Leichenbittermiene.

Mittelfeldmann Peter Niemeyer meinte niedergeschlagen: „Die erste Halbzeit war unser Spiel grausam. In der zweiten Halbzeit war es grausam, überhaupt auf dem Platz zu stehen.“ Auf die Frage, ob er im nächsten Match gegen Borussia Dortmund noch auf der Trainerbank sitzen werde, hatte Skibbe noch am Samstag geantwortet: „Ja, davon gehe ich aus.“

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