Ausschreitungen in Ägypten

Fußballfans und Spieler rannten um ihr Leben

Bei den schwersten Ausschreitungen in einem Fußballstadion seit mehr als 15 Jahren sind am Mittwochabend in der nordägyptischen Stadt Port Said mindestens 74 Menschen getötet und fast 250 weitere verletzt worden.

Foto: REUTERS

Dramatische Jagdszenen, überforderte Sicherheitskräfte und Tausende Menschen in Panik: Bei Krawallen nach einem Fußballspiel in Nordägypten sind am Mittwoch mindestens 74 Menschen getötet und 248 verletzt worden. Auch ein Polizist starb. Es ist die schlimmste Fußball-Tragödie seit dem 16. Oktober 1996, als bei einem WM-Qualifikationsspiel zwischen Guatemala und Costa Rica in Guatemala City bei Krawalle 78 Menschen ums Leben kamen. „Das ist ein schwarzer Tag für den Fußball“, sagte Fifa-Präsident Joseph Blatter. Er sei schockiert und traurig.

Der regierende Militärrat ordnete eine dreitägige Staatstrauer an. Beim Empfang der Spieler des Kairoer Fußballvereins Al-Ahli bei ihrer Rückkehr aus der Stadt Port Said mahnte Feldmarschall Hussein Tantawi in der Nacht zu Donnerstag dennoch zu Zuversicht. „Dies wird Ägypten nicht kleinkriegen“, sagte er auf einem Stützpunkt der Luftwaffe nahe der Hauptstadt. „Solche Ereignisse passieren überall auf der Welt. Wir werden die Verantwortlichen nicht davonkommen lassen.“

Die Spieler von Al-Ahli wollen sich nach den Ausschreitungen offenbar aus dem Profisport zurückziehen. „Es ist vorbei. Wir haben alle eine Entscheidung getroffen, dass wir nie mehr wieder Fußball spielen werden“, sagte Torwart Scharif Ikrami dem privaten Fernsehsender ONTV. Tote und Verwundete seien am Mittwochabend in die Umkleidekabine getragen worden. „Da sind Leute vor unseren Augen gestorben“, sagte Ikrami, der selbst bei den Krawallen verletzt wurde. Wie könne es möglich sein, da wieder Fußball zu spielen. „Wir können überhaupt nicht daran denken.“

Der Abpfiff kurz vor 17 Uhr war am Mittwoch gerade ertönt, als im Stadion von Port Said eine Massenpanik ausbrach. Fans des heimischen Teams Al-Masri stürmten nach dem 3:1-Sieg gegen den Tabellenführer und Erzrivalen der ägyptischen Premier League Al-Ahli den Platz. Sie warfen Steine und Flaschen in Richtung der Gäste-Fans und beschossen diese mit Feuerwerkskörpern. Spieler rannten um ihr Leben. Wüste Schlägereiszenen spielten sich auf dem Feld ab.

„Das ist Krieg, der geplant war“, wurde der Mannschaftsarzt von Al-Ahli wurde auf der Internetseite „Egypt Independent“ mit den drastischen Worten zitiert. Auch einige Spieler seien verletzt worden, obwohl sie von Polizisten geschützt und die Mannschaften schnell in die Kabinen in Sicherheit gebracht wurden.

„Das war eine Terror-Atmosphäre“, sagte Sayed Hamdi, ein Spieler von Al-Ahli. Aufnahmen des ägyptischen Staatsfernsehens zeigen den Sturm der Al-Masri-Fans in Richtung Gästeblock, während die Einsatzkräfte dem Gewaltausbruch scheinbar hilflos gegenüberzustehen. „Die Menschen sterben hier, und niemand tut etwas. Es ist wie im Krieg“, sagte Mohammed Abi Trika und fügte hinzu: „Ist ein Leben so wenig wert?“

Die unfassbare Tragödie spielte sich 220 Kilometer nordöstlich von Kairo ab. Minütlich stiegen am Abend die gemeldeten Opferzahlen. Viele Zuschauer wurden erdrückt. Andere erlagen ihren Stichwunden und Kopfverletzungen.

Ein Mitglied der islamistischen Muslimbruderschaft machte die Sicherheitskräfte für die Gewalt verantwortlich. Polizei und Streitkräfte hätten nicht eingegriffen, um Kritiker des Ausnahmezustands ruhigzustellen, sagte Essam el Erian. Die Notstandsgesetze räumen den Sicherheitskräften weitreichende Befugnisse ein, sollen jedoch bald aufgehoben werden. „Diese Tragödie ist das Ergebnis der absichtlichen Zurückhaltung von Militär und Polizei“, sagte El Erian.

Zahlreiche Menschen haben in der Nacht zu Donnerstag in Kairo gegen die mutmaßliche Nachlässigkeit der Sicherheitskräfte protestiert. Vor dem Gelände des Fußballvereins Al-Ahli skandierten Aktivisten Parolen, in denen der regierende Militärrat kritisiert wurde. Hunderte versammelten sich zudem vor dem Hauptbahnhof, um aus der Mittelmeerstadt Port Said ankommende Verletzte zu empfangen. Auch in Port Said selbst kam es zu Protesten, in denen die Gewalt nach dem Ende des Erstligaspiels verurteil wurde. Für Donnerstag wurde eine Demonstration vor dem Innenministerium in Kairo angekündigt.

Wegen der dramatischen Ausschreitungen in Port Said sind mittlerweile bis auf weiteres alle Fußballspiele in Ägypten abgesagt. Der Staatsanwalt ordnete an, mit den Ermittlungen sofort zu beginnen. Zudem wird sich das Parlament am Donnerstag auf einer Sondersitzung mit den Krawallen befassen.

Im staatlichen Fernsehen wurde bereits an die Bevölkerung appelliert, Blut für die Verletzten zu spenden. Das Militär schickte unterdessen zwei Flugzeuge nach Port Said, um die schweren Fälle in die Hauptstadt nach Kairo auszufliegen.