"Auszeit"

Vor Shaun White kapitulieren die Snowboard-Juroren

Shaun White erreicht als erster Snowboarder die Traumnote von 100 Punkten – und will mehr. Wie das noch gehen soll, fragen sich nicht nur die Juroren.

Foto: AFP

Bisher galt in der Snowboard-Welt folgende Faustregel: Wer Shaun White in der Halfpipe besiegen will, braucht den perfekten Lauf. Seit Sonntagnacht, seit den Winter X-Games in Aspen im US-Bundesstaat Colorado, ist dieser Paragraf im Wintersport-Kodex hinfällig.

Der 25-Jährige erreichte als erster Mensch die bisher als utopische Freestyle-Phantasie geltende Maximalausbeute von 100,00 Punkten. Seitdem steht fest: Nicht einmal mehr mit dem perfekten Lauf kann man Shaun White noch hinter sich lassen.

Überhaupt noch ein Mensch?

Für seinen historischen Ritt durch die Eisröhre hatte sich White die rote Mähne besonders strubbelig frisiert und sein Gesicht mit einer schwarzen Ski-Maske verhüllt. Bei seinen bis zu 14 Meter hohen Schrauben und Salti sah er aus wie ein fliegendes Fellknäuel.

Auch als die Juroren im Anschluss an Whites Lauf kapitulierten, weil sie keinen, aber wirklich keinen Anlass für einen Punktabzug fanden, und Whites bisherigen Rekord von 97,66 Punkten um 2,44 Zähler erweitern mussten, legte er seine Maskerade nicht ab. Keiner konnte in diesem Moment sicher sein, ob Shaun White aus Carlsbad/Kalifornien überhaupt noch ein Mensch ist.

Später, als er die Maskerade zwecks Medaillenannahme beendet hatte, war er wieder jener verspielte Junge, der sich vor seine Villa in den Rocky Mountains eine eigene Halfpipe hat bauen lassen, um täglich trainieren zu können.

Der trotz zweistelliger Millioneneinnahmen im Jahr voll kindlicher Verspieltheit mit Wasser nach Kameramännern spritzt und Moderatoren ihre Mützen ins Gesicht zieht. Was diesen Lauf toppen könne, wurde White gefragt: „Es gibt immer ein nächstes Jahr und immer etwas zu verbessern.“ Die Juroren werden es mit Grausen gehört haben.